Die Höhle zu Schlatten Von einem Multikultiort der Antike, sumpfigen Rittern und einem Hausberg ohne Burg

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Zufahrt: Die A 1 bis Melk, dann über die B 215 durch das Melktal nach St. Leonhard am Forst und Ruprechtshofen fahren, dann in Richtung Wieselburg abzweigen, knapp 2 km (nicht in Schlatten selbst!) nach Ruprechtshofen in die Zufahrt zum Schlattenbauer (Koth 7) einbiegen.

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Parken: Beim Schlattenhof. Bitte beachten Sie die Privatsphäre! Der Fels liegt knapp südlich des Hofes und ist mit wenigen Schritten zu erreichen.

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Wer heute den etwas abseits gelegnen Schlattenhof in der Rotte „Koth“ besucht, wird wohl kaum ahnen, dass genau hier ein antikes Unikat zu finden ist, das freilich auch im Mittelalter noch Verwendung fand. Ob die Menschen des Mittelalters sich dieser „Rarität“ bewusst waren, ist eine andere Frage. Genützt haben sie es jedenfalls…

Die Schlattenhöhle, gemeinhin auch  Römerhöhle oder Römerfelsen genannt, ist der zentrale Punkt für viele Spekulationen. Von den einen als Römerdenkmal „klassifiziert“, sehen andere die Felsenanlage als mittelalterlichen Hausberg, auf dem die urkundlich bekannte Burg Schlatten stand, über die ich Sie dann natürlich auch informieren möchte…falls es Sie freilich interessiert. Wenn nicht, dann können Sie diesen Teil freilich überlesen, ich werde Sie dann zu gegebener Zeit informieren. 😉

Na gut, wir stehen also nun vor dieser Höhle. Beziehungsweise vor diesem Höhlensystem. Denn die Schlattenhöhle ist nicht eine Höhle, sondern besteht aus mehreren, durchaus verwirrend wirkenden Höhlenkammern, die miteinander verbunden sind. Im Grunde genommen ist es aber nur eine Höhle, die 45. Meter lang ist. Das Felsenriff, in welDSC03433chem sich die Höhle befindet, ist 70. Meter lang. Mehrere Eingänge führen in das Innere. Die Kammern der Höhle sind durchaus klein und eng. Ein bisschen übersichtslos, könnte man meinen. Leidiglich ein kleiner Teil der Höhle ist eingestürzt und trennt die Anlage in zwei Teile.

Wie dem auch sei, das Höhlensystem ist mehr als eigenartig. Auf der Oberfläche des Felsens befinden sich noch dazu vier Löcher, die als römerzeitliche Grabnischen identifiziert wurden. Die Römer waren hier also auch schon, sehr interessiert! Was sie hier genau gemacht haben, ist dank der archäologischen Ergebnisse klar.

Nicht mehr erhalten sind jene Inschriften an der Nordseite und auch von den ausgegrabenen Resten eines kleinen Gebäudes aus Ziegeln im Westen der Anlage. Sie wurden 1947/48 noch unter schwierigen Bedingungen  erforscht.

1947 fand also die Erforschung statt, von der Existenz gewusst hatte man aber schon 1893, als der Heimatforscher Johann Fasching sie nach Wien meldete. Getan wurde vorerst mal nichts, erst 54. Jahre später wurde dann gegraben. Die Inschriftentafeln wurden zur Sensation.  Von den 12 Namen, die hier angebracht waren, gab es 4 illyrische, 4 keltische sowie 2 illyrokeltische und 2 italische, wie Hermann Vetters schreibt.

Wer also liegt hier begraben?

  1. Cemeia, Tochter des Trompeters, 40. Jahre [Name ist illyrischer Herkunft]
  2. Aevo (?) [mehr ist nicht mehr lesbar]
  3. Cocinea, eine Freigelassene des Aiu (oder Ain), 52. Jahre [Name ist keltischer Herkunft]
  4. Successa, Freigelassene des Sccessus, 50. Jahre [Name ist keltischer Herkunft]
  5. Ursio, des Marcianus Sohn, 50. Jahre alt [Name ist illyrischer Herkunft]
  6. Blaus, des Camus Sohn, 19. Jahre [Name ist illyrischer Herkunft]
  7. Saurus, Sohn des Atvorus, 50. Jahre [Name ist keltischer Herkunft]
  8. Blaus, Sohn des Cadiasus, Freigelassener [Name ist illyrischer Herkunft]

Wir haben hier also acht Gräber von Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Es sind keine besonders reichen oder noblen Persönlichkeiten, sondern einfache Leute, Freigelassene, ehemalige Sklaven, deren Leben keinesfalls einfach gewesen ist. Sie alle kamen aus der Illyrien, Noricum usw. Ein Multikultigrab also, Zeichen einer multikulturellen Symbiose in diesem Gebiet. Die Gräber wurden ins 1. Jahrhundert nach Christus datiert.

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Der Name “Schlatten” bedeutet , ebenso wie der Name “Koth”, “sumpfiger Boden”, also ein eher ungeeigneter Platz, um größere Häuser zu bauen. Dennoch dürfte sich in dem Gebiet irgendwo eine Burg befunden haben…

Irgendwo, das heißt, wir wissen nicht, wo genau, wir können lediglich vermuten. Und es ist wohl mehr als klar, dass so mancher Historiker diesen Sitz auf oder unweit des Felsens vermutete. War dieser Felsen mit seiner Höhle ein Platz für eine Burg?

Achtung, achtung, ab jetzt gehts um die Burg Schlatten! (so, jetzt habe ich Sie informiert!)

Nun, beginnen wir zunächst einmal mit den vorhandenen Quellen:

  1.  Im Jahr 1200, als Bischof Wolfker von Passau einen Tausch Isengrims von Texing genehmigte, wird ein Cunrat de Slaeten genannt, der-  wie Isengrimm- ein Dienstmann der Peilsteiner gewesen sein dürfte. (siehe http://monasterium.net/mom/StPCanReg/1200/charter)
  2. 1230 und 1236 war wieder ein Konrad Zeuge der Gräfin Euphemia von Peilstein, die in St. Leonhard ein Kloster gründete (das heute leider ebenfalls restlos verschwunden ist!). (siehe http://monasterium.net/mom/AT-StiALi/LilienfeldOCist/1230_XI_30.1/charterhttp://monasterium.net/mom/AT-StiALi/LilienfeldOCist/1236/charter ) Hier brechen für einige Zeit die Nennungen ab, was aber für diese Region typisch ist. Wir haben in den Urkunden für die Zeit zwischen 1230 und 1260 eine Lücke, die auf die turbulenten Ereignisse rund um den letzten Babenberger und das darauf folgende Interregnum zurück zu führen sind.
  3. 1271 wird Wichard von Slaet und sein Bruder Ulricus von Viehofen genannt. (siehe http://monasterium.net/mom/AT-StiALi/LilienfeldOCist/1271_IX_18/charter ) Demnach dürften die Schlattener Verwandte der Viehofner geworden sein, ein bemerkenswerter Umstand. Die Viehofner waren nämlich passauerische Ministerialen und Ulrich ein interessanter Zeitgenosse. Als Parteigänger Rudolfs von Habsburg wurde er von König Ottokar Premysl erfolglos belagert. In wie weit Schlatten hier bedeutend war, ist nicht bekannt.
  4. 1277 wird dieser Wichard nochmals als Zeuge für Dietrich von Hohenberg genannt. Wichard ist hier sogar an erster Stelle angeführt (siehe http://monasterium.net/mom/AT-StiALi/LilienfeldOCist/1277_V_06/charter )

Nachdem die Viehofner 1291 ausgestorben waren, erbten die Schlattener nicht ihren Besitz. Sie blieben aber dennoch bedeutend und sind etwa um 1350 als Bürger in Wien zu finden. Für den Ort an sich gibt es einige Nennungen, die Ritter sind aber um 1300 abgewandert.DSC03445

Wo also stand diese Burg Schlatten?

Der Umstand, hier zunächst peilsteinierische Ministeriale und dann Verwandte der passauerischen Viehofner zu haben, sorgt für einige Fragen. Die Burg Schlatten dürfte kaum den Umfang von Viehofen gehabt haben. Nun liegt der eigentliche Ort Schlatten bei Ruprechtshofen, wo sich ebenfalls eine Burgkirchenanlage befand. Der Schlattenbach wiederum entspringt bei Brunnwisen und rinnt dann hinunter nach Grabenegg, dann weiter nach Ruprechtshofen, vorbei an den Höhlen. Und irgendwo da lag sie, die Burg Schlatten.

In der Umgebung sind meistens Burghügeln (Peilstein, Wildenstein, Ofenbach, Gumprechtsfelden, Waasen usw.) zu sehen, die weitaus mächtiger wirken, wie der Schlattener Felsen. Meistens waren sie irgendwo an einer zentralen Stelle, nicht unbedingt auf einem Berg.

Im Falle von Schlatten wissen wir kaum, wann die Burg verfiel, wir haben lediglich den Namen. Ab dem späten 14. Jahrhundert tauchen nur noch die Bezeichnungen “in der Schlatten” auf. Die ganze Gegend dürfte demnach Schlatten geheißen haben, doch an sumpfiger Stelle wird sie wohl kaum gebaut worden sein, daher wohl doch bei oder auf den Höhlen? Der Name “Schlattenbauer” und die nebenbei liegende Höhle täten darauf hinweisen.

Im Josephinischen Kataster (1770er) lässt sich aber auch ein auffälliger Berg westlich des heutigen Ortes Schlatten finden, der ebenso “verdächtig” ist. Dennoch spricht vieles für die Lage beim Felsen. Die Aussicht, das Angebot an Lagerräumen sowie die “unsumpfige” Stelle sind wohl ein guter Grund, hier eine Burg zu errichten. Möglich wäre aber auch, dass die Burg anstelle des Schlattenhofes stand und die Höhle zu Lagerzwecken verwendet wurde.

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Im Spätmittelalter, als die Burg nicht mehr stand, dürfte die Höhle dennoch Verwendung gefunden haben. Archäologische Funde beweisen dieses bis in die Frühe Neuzeit hin. Die Hypothese, dass Schlatten auch ein Fluchtstall war, ist eher unglaubwürdig, da es an Verteidigungsmaßnahmen (á la Fohregg) fehlt.

Bis heute hat dieser Ort eine Fülle von Rätseln und Geheimnissen. Aber auch von Geschichte. Eine Grabstelle für normale Menschen aus verschiedenen Kulturen. Ritter, die sich nach einem Sumpf nennen und schließlich eine Burg, deren Standort nicht wirklich eruiert werden kann, aber irgendwie zu der Anlage passt. Niemand anderer, als Karl Lukan hat dieses Szenario wohl am besten beschrieben: “So liegt noch immer etwas von dem Dunkel des Grablabyrinths über dem Felsenriff in dem freundlichen Hügelland…”

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Fotos vom Besuch im Juni 2016

Fotos vom Besuch im August 2016

 

Literatur

Zur Höhle

Karl Lukan, Alte Welt im Donauland (1996), Seite 39-42.

Hermann Vetters, Die Felsgräber und Felsinschriften vom Schlattenbauer. In: Unsere Heimat 19/3–4 (1948) 49–58. 

siehe dazu: http://bibliothekskatalog.noel.gv.at/!UH!1948.pdf

Zur Burg Schlatten

Thomas Kühtreiber, Gerhard Reichhalter, Burgen Mostviertel (2007) 229 f.

sie dazu: http://tarvos.imareal.sbg.ac.at/noe-burgen-online/result/burgid/1078

Zum Anfang geht es hier.

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