Das Innviertel- Ein bayrisches Stück Österreich

Wir fangen unsere Viertelreise im westlichsten und jüngsten Viertel an, dem Innviertel. Der Name bedarf keiner weiterer Erkärung, der Inn ist als Fluss ja durchaus bekannt. Er war auch schon vor 1779 für die Gegend bezeichnend, denn damals wurde das Innviertel Innbaiern genannt. Der Inn ist die westliche Grenze dieses Gebietes, das auf einer Hochebene liegt, während der Inn selbst etwas tiefer im Tale fließt. Er ist aber nicht der einzige große Fluss, denn die Salzach, von Salzburg kommend, ist auch noch da. Erst vor Braunau rinnt sie in den Inn, der dann auch die Grenzfunktion übernimmt. Die Salzach trennt auch Burghausen (was dort ist, brauch ich wohl nicht zu sagen 😉 ) in Bayern von Ach im Innviertel. Ach, wie schön!

Braunau und Schärding sind seit 1779 Grenzorte, einpaar Schritte vom Stadtplatz weg, ist man schon in Bayern. Schon alleine dieses Merkmal ist ein Zeichen dafür, dass es nicht immer so war. Und so trennt sich das Innviertel in vielerlei Hinsicht vom restlichen Oberösterreich. Die großartigen Vierkanter werden durch Häuser im „Inn- Salzach- Stil“ ersetzt und der Dialekt ist schon stark bayrisch. Nicht zu vergessen sind da auch die „Innviertler Landler“, die sich in der österreichischen Volksmusik Bekanntschaft erfreuen.

Kapitel 1.

Vom Anfang des Innviertels anno 1779 und der recht kurzen Geschichte von Königstein.

Das Innviertel ging (und geht) also einen, zum restlichen Oberösterreich recht unterschiedlichen Weg, da es erst 1779 zu Österreich kam. Es war der einzige Zugewinn, den Kaiser Joseph II. aus dem bayrischen Erbfolgekrieg gewinnen konnte. Eigentlich hätte er ja ganz Bayern gegen das heutige Belgien eintauschen wollen, was aber aufgrund heftigster Ablehnung durch Preußen und einer damit verbundenen Kriegserklärung scheiterte. Dieser als „Kartoffelkrieg“ oder „Zwetschkenrummel“ genannt Konflikt (die Bezeichnungen gehen auf die mangelhafte Versorgung der Soldaten zurück), in Fachkreisen als „Bayrischer Erbfolgekrieg“ bezeichnet, ging 1779 mit dem Frieden von Teschen zu Ende. Das Innviertel kam zu Österreich und wurde dem Erzherzogtum Österreich ob der Enns eingegliedert.

So richtig gefreut haben sich die Innviertler wohl nicht, denn bis ins 20. Jahrhundert gab es diverse Kontroversen, die auch im Wortschatz des Innviertlerischen zu finden sind.

1782 kauften die Habsburger noch die Herrschaften Obernberg und Vichtenstein vom Bistum Passau dazu. Neben Bayern war also auch Passau in diesem Gebiet begütert. Mit wenig Erfolg, kam es doch immer wieder im Donautal zu heftigen und durchwegs blutigen Auseinandersetzungen, die oft nach jahrelangen Konflikten beendet werden konnten. Ein besonders anschauliches Beispiel dafür bietet die Burg Königstein bei Freinberg (nächst Passau). Ihren Namen hat sie wegen ihrer Gründung am Dreikönigstag 1410, so erzählt es die Sage. Errichtet wurde sie vom bayrischen Teilherzog von Straubing. Nach dessen Tod kam es zu einer neuen Erbteilung und damit verbunden zu diversen Konflikten. Auch um die Burg wurde gestritten. Irgendwann reichte es Passau und der Bischof ließ mit kaiserlicher Erlaubnis die Burg erobern und zerstören. Damit endete die kurze Geschichte der Burg Königstein.

Kapitel 2.

Von bösen Burgherren und Nagetieren im Innviertel.

Burgen und Burgherren waren auch im Innviertel nicht immer positiv besetzt. Davon berichtet etwa die Sage über den letzten Herren der Burg Hochkuchl bei Lohnsburg: Als Brudermörder an die Macht gekommen, erwies sich der Unhold schnell als Bauernschinder und Liebhaber der Münzen, die er für allerlei ausgab. Seine Punksucht war so groß, dass er sich eine Goldene Kutsche anfertigen ließ und mit dieser durch die Gegend fuhr. Man mag sich vorstellen, wie es den Untertanen erging und dass manche flohen oder ihren Herren in die Hölle wünschten, ist auch leicht verständlich. Und so geschah es dann auch. Eines Tages fuhr der böse Ritter gerade seines Weges, als der Teufel ihm einen Besuch abstattete. Aber selbst dem wollte der Burgherr ausbeuten, indem er ihm befahl, den Hochkuchlberg mit der Burg darauf zu teilen. Ein ziemlich dummer Befehl, aber der Teufel machte es, teilte den Berg und fuhr mit dem Ritter zwischen die beiden Hälften. Dumm nur, dass, als sie genau die Mitte des Weges passierten, die beiden Berghälften wieder zusammenrückten und der Teufel den Burgherren mit in die Hölle nahm. Seine Kutsche soll heute noch am Hochkuchlberg vergraben sein. Lediglich die Deichsel des Wagens könnte man in der Heiligen Nacht im Mondlicht glänzen sehen, so die Sage. Aber wer hat zu Weihnachten schon Lust, auf einen Burgrücken zu gehen und eine archäologische Grabung zu machen?

Eine andere Sage, die bei Franking erzählt wird, berichtet über einem Burgherrn, der von Anfang an von grausamem Gemüt geprägt war. Besonders gegen Bettler war er mehr als böse und als eine Hungersnot ausbrach (vielleicht kamen einiges Gepeinigte des Burgherren von Hochkuchl hierher), wurde er auch noch hinterlistig. Er lockte alle Bettler in eine Scheune mit dem Versprechen, hier ihnen Essen oder Korn ausgeben zu wollen. Als die Scheune nun voll mit Menschen war, ließ er diese verschließen und anzünden! Die Schreie der Eingesperrten waren für den Burgherren kein Grund zur Reue. Er soll gemeint haben: “Mit denen ist es wie mit den Mäusen; sie vertilgen das Korn und sind zu nichts nütz. Hört, wie meine Kornmäuse pfeiffen!“ Noch war die Glut nicht erloschen, als ein Heer von Mäusen die Burg des Unholds eroberte. Überall waren die kleinen Nager. Sie zerfraßen alles, selbst die Haare des Burgherren schien ihnen zu schmecken. Da der Versuch, die Mäuse zu töten auch an der unglaublichen Zahl von „Neuankömmlingen“ scheiterte, befahl der Burgherr mitten im Holzöstersee einen Turm zu bauen. Wieder wurden die Bauern zum Robot gezwungen und schon bald sollte aus dem moorigen See ein Turm herausschauen. Unbekannt bleibt, wie viele beim Bau dieses Turmes ertrunken sind. Als der Turm nun fertig war, fuhr der Graf auf seine Insel und legte sich sofort schlafen. Doch lange war ihm die Ruhe nicht gewährt:

Auch die Mäuse kamen nun hierher. Auf kleinen Brettchen, so erzählt es die Sage, über den See geschwommen und bevölkerten bald auch das neue Schloss. Damit wäre der Holzöstersee der erste See in Österreich, wo nachweislich gesurft wurde, wenn auch nicht von Menschen.

Was dann passierte, ist wohl vorstellbar. Die Mäuse fraßen den Burgherren und das Fundament des Turmes auf und dieser versank im See. Noch heute soll dort eine ziemlich tiefe Stelle sein.

Apropos Nagetiere: Für Fans der „größeren“ Variante gibt es die Ratzlburg bei Braunau. Die Ratzelburg ist eine achteckiger Wohnturm, eine Bauweise, die vor allem in der Stauferzeit zu finden ist. Es mag Zufall sein, dass mit dem Aussterben der Staufer auch der Bau des Turmes eingestellt wurde. Wer aber würde in unmittelbarer Nähe zur „längsten Burg der Welt“ (für die Unkundigen, das ist Burghausen), eine Burgruine im Stauferstil vermuten?

 

Kapitel 3.

Von österreichischen Ursprüngen und Künstlerburgen im Innviertel.

Und wenn wir schon bei königlich- kaiserlichen Spuren im Innviertel sind, wie sieht es eigentlich mit den Habsburgern aus? Gibt es da überhaupt vor 1779 was zu finden?

Grundsätzlich gab es seit den Babenbergern (bei denen man grundsätzlich sich noch weniger fragen würde, ob sie in diesem Viertel Besitz hatten) gute Kontakte. Diese „Kontaktzonen“ lagen im Norden, wo die Grafen von Formbach ihren Stammsitz hatten. In Schärdig, nicht weit weg von Formbach (heute Vornbach) bestand ebenfalls eine mächtige Burg, die heute noch in Resten erhalten ist. Diese Formbacher hatten auch reichlich Besitz im Babenbergergebiet, etwa in Radelberg im Traisental. Und sie waren auch Grafen von Pitten in der Buckligen Welt und dort werden sie uns auch wieder begegnen. Auch ihre Ministeriale lassen sich an verschiedenen Orten finden, so etwa die Hagenauer, deren Nachfahren die späteren Herren von Zelking sind. Auch die werden uns noch in späteren Artikel begegnen. Nun sind die Formbacher 1158 in Mailand ausgestorben. Ihr Besitz ging an die Grafen von Andechs- Meranien.

Nun heiratete der letzte Babenberger, Friedrich der Streitbare, Agnes von Andechs- Meranien und erhielt als Mitgift unter anderem auch die Grafschaft Schärding. Doch leider hatte es einen Grund, warum man Friedrich diesen Beinamen gab. Die Ehe mit Agnes ging zu Bruch, die Grafschaft blieb aber in Friedrichs Hand. Und damit der streitbare Friedrich auch hier sich unangenehm bemerkbar machte, bekriegte er nicht nur Bayern, sondern auch Passau. Und so belagerte Friedrich der Wüterich 1243/44 Obernberg am Inn. Zwei Jahre später fiel er dann an der Leitha und Schärding ging verloren. Vorerst aber nur. Denn schon im 14. Jahrhundert verpfändeten die bayrischen (Teil- )Herzöge Schärding an die Habsburger. Noch früher war Neuburg am Inn an die Habsburger gekommen und verblieb bis 1803 im Kronland ob der Enns. Auch Georg Matthäus Vischer hat Neuburg in seiner „Topographia Austriae superioris modernae„ berücksichtigt. Die Innenge bei Neuburg war ein strategisch wichtiger Ort, sodass ihre Besitzer auch dementsprechend mächtig waren. Neben der großen Neuburg auf bayrischer Seite liegt gegenüber auch noch die Burg Wernstein auf österreichischer Seite. Die bei Vischer dargestellte Mariensäule vor der Burg steht noch heute dort. Sie war zunächst Am Hof in Wien aufgestellt und hat dementsprechend eine weite Wanderung hinter sich.

Dass Neuburg am Inn auch kulturell nicht unbedeutend war, zeigt die Belehnung Wolf Hubers mit der Burg Neufels (heute in Bayern) im Jahre 1529. Besitz von Neuburg war damals Niklas Graf Salm, der durch die erfolgreiche Verteidigung von Wien gegen die Türken die Grafschaft bekommen hatte. Huber lebte auf der Burg bis zu seinem Tod 1553. Fast gegenüber, in Zwickledt sollte 400. Jahre später ein anderer bedeutender Maler wohnhaft sein, nämlich Alfred Kubin. Er lebte von 1906 bis zu seinem Tod 1959 im Schloss Zwickledt und wurde am Ortsfriedhof begraben. In seinem Wohnsitz, dem Schloss, befindet sich heute in Museum. In Neuenfels dagegen ist nichts mehr zu sehen. Die Burg wurde um 1650 dem Verfall überlassen und verschwand gänzlich. Der Zugang zum Burghügel ist heute „nicht ausdrücklich erwünscht“, wie Emmi Federhofer in ihrem Buch “Archäologie- Erlebnis Donautal” schreibt.

Kapitel 4.

Von Hausbergen im Innviertel.

Hausberge und Burghügel gibt es auch im Innviertel. Viele davon sind heute schon zerstört, andere schlummern noch heute irgendwo tief im Wald. Und manche sind heute derart stark beeinträchtigt oder gar bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Glücklicherweise machte im 19. Jahrhundert der, wohlgemerkt schwerhörige Schärdinger Priester Johann Evangelist Lamprecht zahlreiche Pläne und Zeichnungen diverser Burghügel. Ohne seine Darstellungen wäre ein Gutteil dieser Anlagen heute hinsichtlich ihrer Art und Beschaffenheit völlig unbekannt oder gar ganz vergessen.

Dabei ist bei vielen Burghügeln heute für jeden was dabei:

So kann man beim Hochkuchelberg in der Weihnachtsnacht nach einer goldenen Deichsel suchen. Einsenkungen am Burgberg sind mittlerweile sogar bei wikipedia beschrieben…

Und beim Frankinger Burgstall, wo der letzte Burgherr ja von Mäusen vertrieben wurde, kann man gemütlich Bauerngolf spielen. Auch nicht schlecht, oder?

Finis.

 

Empfehlenswerte Literatur

Josef Kramer, Das Innviertel in seinen Sagen 

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