Ruine Kammerstein- Die Burg eines mittelalterlichen Finanzministers ODER Eine der ältesten Ruinen Österreichs

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Anfahrt: Von Perchtoldsdorf in Richtung Kaltenleutgeben fahren. Links, noch vor der Waldmühle Rodaun (Wohnhausanlage auf der rechten Seite) nach Parkmöglichkeit suchen (2014 gab es noch Möglichkeiten bei der  Zementfabrik), schlimmstenfalls in Kaltenleutgeben parken.

Öffnungszeiten: Bei der Parkmöglichkeit links gibt es einen Übergang über den Bahnsteig und die Dürre Liesing. Der blau- weißen Markierung folgen, der schon bald steilbergauf führt und durch die Burgruine geht. Die Ruine selbst ist frei zugänglich.

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Westlich von Perchtoldsdorf, dort, wo das Bundesland Wien noch einen Zipfel in Richtung Westen hat, liegen auf einem steilen Hügel die Reste einer Burganlage. Ihre Ausmaße von 40x 25m wirken beim Lesen zunächst unspektakulär. Erst, wenn man dann tatsächlich dort ist und die mächtigen Mauern sieht, versteht man, dass diese Anlage durchaus zu Prestigezwecken errichtet wurde und keineswegs eine Burg ist, die im Laufe der Jahrhunderte entstand.IMG_1575

Erhalten haben sich eine Beringwand mit zwei Metern Stärke sowie Reste des Bergfrieds, eines Keilturmes. Derartige Keiltürme sind typisch für das 13. Jahrhundert, wie man noch heute an vielen anderen Burgen sehen kann. Genannt seien hier Schauenstein, Rastenberg, Raabs (!), Buchenstein, Freyenstein oder die Massenburg bei Leoben. Sämtliche erhaltene Mauerteile sind aus Bruchsteinen errichtet, eine Technik, die typisch für das 13. Jahrhundert ist. Bemerkenswert ist die Zisterne im Bergfried. Sie sollte, falls es zu einer Belagerung kommt, die Wasserversorgung abdecken. In Friedenszeiten übernahm eine nahe gelegene Quelle deren Rolle.

Wenn Wolfgang Kalchhauser in seinem Buch „Mystischer Wienerwald“ schreibt, dass diese Mauerreste einer Feste zugeschrieben werden, in der Otto III. von Perchtoldsdorf residiert haben soll und die Hunderte Jahre später unter der Bezeichnung „Kammerstein“ Eingang in die Fachliteratur gefunden habe, so kommen wir der Geschichte dieser Burg etwas näher. Aber alles der Reihe nach…

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Östlich der Ruine liegt Perchtoldsdorf, dessen Burg noch heute markant ist. Der mächtige Turm ist zum Symbol des Ortes geworden. Nun residierte eben dort seit dem 11. Jahrhundert ein gleichnamiges Adelsgeschlecht, das ab 1138 urkundlich bekannt ist. Diese Perchtoldsdorfer waren einerseits recht emsig und wurden dafür- ähnlich wie die Kuenringer- belohnt, gingen allerdings auch undankbarerweise recht oft in Opposition zum Landesfürsten.IMG_1549

1236 war es das erste Mal und Herzog Friedrich II. „der Streitbare“ fackelte- wie es seine Art war- nicht lange herum. Perchtoldsdorf wurde zerstört, Otto I. konnte sich aber mit dem streitbaren Herzog wieder aussöhnen. Unter seinem Sohn Otto II. wurde nun der Markt Perchtoldsdorf und eine neue Stadtburg errichtet. Vermutlich war er es auch, der sich nun diese Burg Kammerstein baute, wohl als militärische Reaktion auf den politischen Fehlschlag von 1236.

Otto II. konnte sich als herzoglicher Kämmerer etablieren und stand somit in der höchsten Gunst der Landesfürsten. In diesem hatte er die Finanzen des österreichischen Herzogs zu verwalten, eine durchaus gewinnbringende Sache, die gewiss auch seinen eigenen Beutel nicht leer werden ließ. Und so entstand um 1250 die Burg des Kämmerers, Kammerstein.

Auch Otto II. probte einen Aufstand, nun gegen Přemysl Ottokar, und kämpfte gegen diesem in der Schlacht bei Dürnkrut und Jedenspeigen an der Seite Rudolfs von Habsburg. Damit stand er eindeutig auf der Siegerseite, aber er sollte der letzte Perchtoldsdorfer sein, dem das Glück, auf die richtige Karte zu setzen, gegönnt wurde. 1286 folgte Otto III., der nichts Eiligeres zu tun hatte, als gegen Herzog Albrecht I. zu rebellieren. 1290 rückte dieser dann aus und zerstörte Perchtoldsdorf, aber Kammerstein konnte Albrecht nicht erobern.

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Der spätmittelalterliche Historiker Thomas Ebendorfer, der auch Pfarrer von Perchtoldsdorf war, berichtet in seiner „Chronica Austriae“ nun von einer List; Albrecht machte mit Otto Frieden und lud ihn zu sich ein. Kaum hatte dieser die Burg verlassen, stürmte das herzogliche Heer die Anlage und brannte sie nieder. So hoch sollen die Flammen gewesen sein, dass man sie sogar von der Hofburg in Wien aus sah, wo der Herzog sie nun dem Otto zeigte. Dieser wusste, was geschlagen hatte und wurde bleich. Albrecht ließ Otto gefangen nehmen und lebenslänglich einsperren. So endete die Geschichte dieser Burg. IMG_1535

Nun gibt es aber noch im 15. Jahrhundert einige Zeugnisse, die für einen Fortbestand sprechen. Zunächst meint Ebendorfer, dass die Mauern noch heute „tönern“ stehen würden, demnach die Burg damals also verfallen war.

Einer anderen Nachricht aber zufolge, soll Herzog Friedrich V. (der spätere Friedrich III.) 1437 Wolfgang von Aspach mit der Feste Kammersteinan belehnt haben. 1457 bis 1460 hatte sie Graf Johann von Sankt Georgen- Pösing zum Pfand. Sein Bruder Sigismund etablierte sich übrigens als Raubritter und wurde 1465 gestürzt. Interessant ist allerdings, dass beide sowohl Kammerstein wie auch den Markt Perchtoldsdorf gehabt haben sollen. Von der dortigen Burg ist aber keine Rede! Sehr wohl aber dürfte die Burg Kammerstein damals bereits eine Ruine gewesen sein, da der Markt interessanter war.

IMG_1531Vielleicht aber war es auch ganz anders, wie eine Sage erzählt: Demnach wäre der letzte Burgherr einmal in Not gewesen, was auch immer das bedeutet. Als er eines Tages zum Brunnen (!) blickte, sah er ein grünes Männchen, das ihm Hilfe anbot und ihn durch den Brunnen in eine Schatzkammer führte. Der Burgherr durfte sich so viel nehmen wie er wollte, aber er durfte sich nie mehr dem Brunnen nähern. Als er es eines Tages doch tag, zog ihn das Männlein in den Brunnen. Nachts höre man noch heute ein klägliches Jammern aus dem Brunnen.

Nun hat es mit dem Kammersteiner Brunnen oder Zisterne ja einiges auf sich. Sie liegt im (!) Bergfried und dürfte lange Zeit Schatzsucher zu diversen Fantasien bewogen haben, weswegen man aus Sicherheitsgründen 1776 den Schacht mit Erde zuschüttete. So bleibt es ein Geheimnis, ob tatsächlich große Schätze dort unten sind.

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Quelle

Thomas Ebendorfer, Chronica Austriae. III. Buch., Hg. V. Alphons Lhotsky. In: MGH, SS rer. Germ. N. S. 13. (1967), 185f.

Literatur

Heinz Gerstinger, Ausflugsziel Burgen. (1997), 146-150.

Ilse Schöndorfer, Steine und Sagen. (1999), 154-156.

Wolfgang Kalchhauser, Mystischer Wienerwald. (1999), 45-49.

Franz Wißgrill, Schauplatz landsässigen niederöst. Adels […], Band 1. (1794), 161.

Franz Wißgrill, Schauplatz landsässigen niederöst. Adels […], Band 3. (1797), 248ff

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