Die Mauer vom Frankenberg – Wenn ein Stück Mauer Geschichte erzählt… (Teil 1)

WO: Gemeinde Langenstein. B3 bis Langenstein. Bei der Abzweigung nach Rechts, nach einigen Hundert Metern wieder Links Richtung Frankenberg. Noch vor dem ersten Bauernhof links in Richtung des Berges. In der Rotte Frankenberg führt dann rechts ein Weg bergauf. Hier dann die zweite links einbiegen.

Parken: Sie befinden sich hier auf einem Bauernhof. Die Privatsphären sind dabei zu beachten! Parken ist hinter dem Hof bei der Ruine möglich. Die Ruine ist frei zugänglich!

Ich beginne diesen Artikel von der Ruine Spilberg aus, von dessen Turm man (seit kurzem wieder) eine herrliche Aussicht hat. Spilberg steht ja in der Donauau bei Mauthausen, war lange Zeit eine Insel und erlebt erst seit wenigen Jahren eine imponierende Renaissance, die nun das Interesse für den Ort und seine Umgebung weckt. Während Spilberg nun „erwacht“, ist ein weiterer Ruinenort seit vielen Jahren bereits „erschlossen“, mit einer Tafel, Ruhebänken und Mistkübeln, ja sogar einer Glocke (über die Spilberg erst seit kurzem verfügt) versehen und damit schon derart im „Verzeichnis“ der problemlos begehbaren Erinnerungsorte von Oberösterreich enthalten, das der Ort schon wieder ein wenig vergessen ist, obwohl seine Geschichte und seine Aura eine prägende Wirkung haben.

Von diesem Ort ist die Aussicht- gleich der Spilberg- grandios, weil der Ort markant und fast schon erhaben auf einem Hügel steht und damit- wie so oft im Mühlviertel- mit seinem Standort die Gegend beherrscht. Schon Matthäus Merian und Georg Matthäus Vischer haben im 17. Jahrhundert bei ihren Stichen zur Burg Spilberg als „Hintergrund“ diese Ruine gezeichnet.

Nein, es ist keine Burgruine, sondern eine Kirchenruine. Genauer genommen ist es nur mehr eine Mauer, die noch steht und leicht traurig in das Donautal blickt. Der letzte Rest eines Bauwerks, dessen Geschichte vielen heute fremd ist und die heute keineswegs mehr im „kollektiven Gedächtnis“ verankert ist.

Als wir diesen Ort oben betrachten, dachte ich bei der Erinnerungstafel einen Jahreszahlfehler gefunden zu haben, denn nicht 1636, sondern 1626 tobten in Oberösterreich, damals freilich Österreich ob der Enns, heftige Kämpfe zwischen dem Adel, seinen grausamen Söldnern und den Bauern, die sich gegen ihre Unterdrücker wehrten und darüber hinaus die Religionsfreiheit einforderten. Dieser Krieg ist bis heute im Geschichtsgedächtnis der Österreicher verankert, da er im Unterricht- ähnlich den Aufständen von Andreas Hofer- dargestellt wird.

Doch hier steht 1636 und ich musste mir (selbst) eingestehen, vor einem Geschichtskapitel zu stehen, das ich trotz semesterreichen Geschichtsstudiums, eines tiefgreifenden Studierens der Regionalgeschichte (siehe die Artikel zum Schwarz- und Mühlviertel) sowie der Kenntnis des Ortes, irgendwie übersehen hatte. Wieder einmal wurde mir ersichtlich, dass man sich, um eine Region wirklich gut zu kennen, fast jeden Ort ansehen müsste, um tatsächlich alles zu kennen und daraus einen schlüssigen Geschichtsverlauf zu konstruieren.

Ergo Asche über mein Haupt.

Apropos Asche: Bei diesem Wort muss ich leider bleiben, um das Ende der Kirche zu beschreiben. Die roten Steine in der Mauer zeugen ohnehin davon, dass die Kirche einmal brannte. Dieses Feuer, das anno dazumal, am Pfingstmontag des Jahres 1636 lichterloh brannte, roch nach brennendem Fleisch. Aber alles der Reihe nach…

Ich will Ihnen das Drama zum Frankenberg ein wenig wie ein Bühnendrama schildern, um Ihnen den Verlauf in nach vollziehbaren Maße zu vermitteln.

Wie es im Barock- ja bis zu Goethes Zeiten- der Fall war, sollen auch hier Fünf Akte das Drama einteilen. Sind Sie bereit?

Prolog: Die eigentliche Geschichte des Frankenberg.

Die Kirche am Frankenberg wird 1234 erstmals genannt. Damals hatte die Region gerade eine Phase der Umstrukturierung hinter sich, denn 1192 war Enns an die Babenberger gekommen, 1212 hatte Leopold VI. Linz gekauft. Die Burg Spilberg wiederum ging zu dieser Zeit ebenfalls in die Hände der Babenberger.

Ob auf dem Frankenberg zunächst nur eine Burg stand, ist aus den Quellen nicht ersichtlich, aber aufgrund der Lage auch nicht ab zu streiten. Mit anderen Worten: Wir wissen es nicht.

Wir wissen auch nicht, wie viele Menschen hier dereinst getauft wurden, wie viele hier heirateten und wie viele hier ihre letzte Ruhe fanden und damit jenen hier voraus gingen, die zu Pfingsten 1636 hier sterben werden.

Dann kam die Reformation und mit ihr der Kampf zwischen Landadel und den katholischen Habsburgern. Das Land ob der Enns geriet ins Kreuzfeuer der Religionen, wurde vorerst protestantisch und musste daher mit einem blutigen Konflikt rechnen. Der trat 1618 ein, als böhmische Adelige zwei kaiserliche und einen Sekretär aus dem Fenster des Hradschin warfen und Europa nun „verheert“ wurde. Um die gewaltigen Schulden, die für einen Krieg aufgebracht werden mussten, zu bezahlen, verpfändete Kaiser Ferdinand II. das Kronland kurzerhand an Bayern. Sofort begannen die Bayern mit der Gegenreformation und einer gewaltsamen Herrschaft, die im Großen Bauernkrieg 1625/26 eskalierte. Dieser wurde zwar blutig niedergeschlagen, aber die Angst vor erneuten Unruhen blieb bestehen.

Zu dieser Zeit war Frankenberg bereits eine Ruine.

1. Akt: Martin Aichinger.

Damit betritt Martin Aichinger die Bühne.

Martin Aichinger, wegen des Namens seines Hofes (bei Luftenberg) Laimbauer genannt, wird in den 1590ern geboren. Er ist ein damals normaler Bauer, protestantisch, kann kaum lesen und lebt ohne Sicht auf Ausbildung in seinem Hof. Zunächst zumindest.

Im Bauernkrieg 1625/ 26 ist für ihn gewiss bedeutend gewesen, sein Ausgang hatte aber große dramatische Folgen: er verlor seinen Hof und war ab nun quasi obdachlos. Doch Aichinger blieb Protestant und behielt seine Würde in einer ganz eigenartigen Art und Weise. Aichinger begann als religiös- motivierter Anführer auf zu fallen.

1632 entbrannte erneut ein Aufstand, wieder wurde das Land ob der Enns, nun wieder österreichisch, Kriegsschauplatz. Doch Aichinger tauchte unter. Da half es auch nichts, dass die Freistädter Herrschaft ihn suchte. Aichinger begann, eine Schar um sich zu sammeln und zog mit dieser landauf, landab durch das damalige Schwarzviertel und damit quasi auf der Nase des Kaisers.

Angeblich (laut eigenen Angaben, die er unter der Folter gestand) war es ein Engel und später auch Gott selbst, der ihm den Auftrag gab, die gegenreformierte Bevölkerung wieder protestantisch zu bekehren.

2. Akt: Der Frankenberg in Sicht.

Nun fällt auf, dass die Bauerunruhen nach 1626 keine militärisch- motivierten Kleinkriege, sondern schwärmerisch- religiös- (Thomas Winklbauer) motivierte Bewegung waren, die nun die, durch 1626 verängstigte „Herrschaft“ zum Dorn im Auge wurde. Noch dazu machte die Kirche Druck, die Gegenreformation sollte durch keinen Bauern gefährdet werden.

Die Kirche am Frankenberg war damals bereits eine Ruine. Aichinger erblickte sie oft, vielleicht hatte er schon damals die Idee gefasst, genau hier sein apokalyptisches Ende zu finden, von dem er auch des öfteren predigte. Zu seinen Anhängern sagte er:

Merket Euch wohl, dass ich dazu verwendet bin, die Seelen in den Himmel zu führen oder in die Hölle zu schmeißen.

Aichinger mutierte immer mehr zum obskuren Propheten, der sich mit okkulten Dingen beschäftigte. Nicht alleine der Glaube, auch „andere Hilfsmittel“ waren seine Instrumente. Für unser Verständnis war er eher ein Schamane, als ein zweiter Luther:

Aichinger markierte zum Schutz seiner Anhänger Zauberkreise mit geweihtem Wasser an den Versammlungsorten. Er hatte eigene Heilige Zahlen, nämlich 3, 7, 12 und 30. Alles Zeichen für einen etwas verrückten Zeitgenossen, könnte man meinen…

Das stimmt allerdings nur dann, wenn man bedenkt, dass er diese Gegebenheiten großteils unter der Folter gestand.

Er gilt aber auch als Verfasser für religiöse Lieder, wovon sich aber nur eine Strophe erhalten hat.

Herzlich thuet mich verlangen/ nach einem selligen Enndt// weil ich bin umbfangen // mit Triebsal und Ellend.

Sein Treiben verängstigte immer mehr die Landstände und so zogen im Mai 1636 unter der Leitung des Landeshauptmanns Hanns Graf Kuefstein sowie des Kommandanten, Graf Kaspar von Starhemberg, ein 2700. Mann starkes Heer in Richtung Frankenberg.

Aichinger predigte mittlerweile, dass Kaiser Friedrich I. Barbarossa persönlich eine riesiges Heer (von 60.000 Mann war die Rede) anführen würde, um den Laimbauern und seinen Anhängern zu helfen.

Tatsächlich konnten militärisch erfahrene Anhänger Aichingers 1635 einen ersten Angriff des Ständeheeres abwehren, doch das war- das wusste auch Aichinger- nur der Tropfen auf dem heißen Stein. Aichingers okkulte Aura tat dies keinen Schaden. In weißen Gewändern soll er mit einigen Anhängern durch die Nächte gezogen sein. Ein schauriger Zug…

 

Intermezzo: Der Marsch des Laimbauern zum Frankenberg.

Lassen wir so einen Zug, allerdings größer, uns zur Betrachtung kommen. Zu jener Zeit, 1635/36 waren sie in der ganzen Riedmark zu sehen, warum also sollten wir nicht auch Teil daran haben?

Eine derartige Prozession wurde von Trommeln, Pfeiffen und Geigenmusik begleitet. Renaissancemärsche erklangen, es wurde gesungen.

Zunächst schritten bis zu 60 mit verschiedenen Feuerwaffen ausgestattete Anhänger mit einer Sturmfahne voran.

Dem folgte der Laimbauer in Grün gekleidet mit einem weißen Hut mit roter Feder und seinem eigenen quadratischen Feldzeichen, dahinter weitere Anhänger. Beide Fahnen hatten kosmische Sonnen- und Sternsymbolen, magischen Zahlen- und Buchstabenkombinationen und dem Fahnenspruch

DAS WALT GOTT VATER, SOHN, HEILIGER GEIST, DER UNS DEN WEG ZUM HIMMEL WEIST.

Mit dieser Prozession betreten wir nun den Frankenberg, die Kirchenruine. Es ist das erste und einzige Aufeinandertreffen der beiden Figuren: Ein religiös- spiritueller Bauer (dessen Symbole leicht freimaurerischen Charakter haben) betritt eine verfallene Kirche.

So wie wir heute am Frankenberg stehen, bei jener Mauer, die uns diese Geschichte erzählt.

3. Akt: Die Schlacht am Frankenberg.

Nicht genug, dass der Laimbauer nun in der verfallenen Kirche steht, er hisst auch am Turm gleich eine weiße Fahne. Nun nähern sich auch die Ständetruppen, umzingeln das Gebäude und beginnen mit dem Angriff. Kuefstein lässt alle Häuser des Ortes niederbrennen, dann auch die Kirche.

300. Anhänger scharen sich nun um den Laimbauern. Es kommt zu einem grauenvollen Gemetzel, zahlreiche Anhänger verbrennen, ein Großteil wird niedergemetzelt, ganz gleich ob es Männer, Frauen oder Kinder sind.

Die roten Steine verkünden es, hier brannte es. Hier floss Blut, viel Blut. Am Ende blieb ein Leichenberg über.

Blutrot glänzt die Mauerstatt
Vom einst umkämpften Berg herab
Tönernd klagt Historia
Was blutigst
hier geschah

Intermezzo: Der Triumph nach Linz.

Aichinger überlebte. Er wurde unter den Röcken zweier Frauen, die ihn zu verstecken versuchten, gefunden, fest genommen, mit seiner Frau, seinem vierjährigen Sohn und fünf weiteren Überlebenden nach Linz gebracht. Wie ein Stück Vieh zerrte man die Gefangenen nun in die Hauptstadt, wo sie folternd verhört wurden.

Zurück blieb ein zerstörter Frankenberg.

4. Akt: Die Reue des Laimbauern.

In Linz wurde eine Kommission eingesetzt, die ein besonders grausames Urteil fällte:

Demnach sollte Aichinger vierteilen, die Zunge herausreißen und dann ihn köpfen. Ein äußerst grausames Urteil, das jegliche Nachahmungstäter abschrecken sollte.

Aichinger wurde aber eine Chance gegeben. Die Jesuiten besuchten ihn. Aichinger konvertierte, wurde Katholik.

Das Urteil wurde geändert:

Aichinger sollte mit glühenden Zangen gezwickt werden. Seine rechte Hand wurde an ein Brett genagelt und dann abgehauen, er wurde dann geköpft und sein Leib gevierteilt.

5. Akt: Die Hinrichtung.

Und so geschah es am 20. Juni 1636 am Linzer Hauptplatz vor hunderten von Schaulustigen, worunter auch der englische Adelige Thomas Howard, 21. Earl of Arundel. Howard waren derartige Spektakel bekannt, noch dazu war sein eigener Großvater 1572 wegen Hochverrates hingerichtet worden (dieser Aufstand wird im Film „Elizabeth“ mit Cate Blanchett behandelt). Sein Begleiter, Wenzel Hollar, ein böhmischer Graphiker, brachte die Hinrichtung zu Papier, William Cowne, Adjudant des Earl verfasste einen genauen Bericht.

Ihm zufolge wurde Aichinger, dessen vierjähriger (!) Sohn- hier als „a young boy“ bezeichnet- seine Frau und vier weitere Deliquenten geköpft und gevierteilt. Ihre Leibesteile wurden entlang der Straßen ausgestellt.

Zwei weitere wurden gehenkt, eine weitere Hinrichtung fand in Freistadt statt.

Damit endete die Mär’ vom Aichinger.

Epilog: Der Blick vom Frankenberg.

Wir aber stehen noch am Frankenberg bei dieser Mauer, wo rote Steine vom Brand erzählen.

Ein Spruch ist in Stein gefasst:

Wir dürfen für Christus sterben / nicht aber töten / Gottes Gebot heisst Liebe

Wir wollen es dabei lassen. Noch einmal blicken wir von diesem Ort in das Donautal. Heute ist es ruhig, ja man meint hier oben, dass diese grauenvollen Ereignisse vergessen sind, ein unguter Aspekt, denn wer nicht weiß, was war, wird nicht wissen, was sein kann.

Damit verlassen wir dieses Mauerstück.

Finis.

Literatur

Thomas Winkelbauer, Ständefreiheit und Fürstenmacht. Teil 1, 71-73.

https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Aichinger

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