Die vergessene Epoche

Der Zeitabschnitt zwischen 1490 und 1690 in der österreichischen Reenactmentszene – Eine kritische, subjektive Beobachtung

Ich bin mittlerweile seit 3 Jahren in der Reenactmentszene in Österreich aktiv. In meiner Laufbahn als mehr oder weniger aktiver Reenactor, der Freikampf und Bogenschießen betreibt, bin ich oft viele verschlungene Wege gegangen, was meine Darstellungswahlen betroffen hat, und war meistens eher an Exotik interessiert. Mittlerweile hat sich meine Wunschdarstellung abermals geändert, und nun arbeite ich auf eine Darstellung hin, die eigentlich gar nicht mehr mittelalterlich ist, sondern erst deutlich später anzusiedeln ist, auf die Wende des 16./17. Jahrhunderts. Auf der Suche nach Gruppen in Österreich, die wohl sich vielleicht auch auf diese Epoche spezialisiert haben, musste ich feststellen, dass es in Österreich wohl eine der am seltensten repräsentierten Epochen ist. Selbstverständlich fragte ich mich, bzw. frage mich immer noch, warum denn das wohl so ist.

Die (nicht erkannten) Möglichkeiten

Für mich war die Entdeckung dieses Umstandes etwas sehr Unverständliches. Schließlich bietet dieser Zeitabschnitt so viele Möglichkeiten. Vom Musketier oder Pikenier hin zum Offizier, vom Husaren oder schweren Reiter hin zum Kroaten, von der einfachen Marketenderin zur adeligen Burgherrin, ob Irland, England zur Zeit der Tudors, Frankreich zur Zeit Ludwigs des XIV oder dem heiligen römischen Reich deutscher Nation hin zu Polen, den Kosaken oder Russland. Die Auswahl ist schier unendlich.

Außerdem ist dieser Zeitabschnitt selten gut für uns heute fass- und tastbar. So sind die meisten Burgen und Festungen speziell im Osten Österreichs die man heute besichtigen kann eigentlich im Zustand des 17. Jahrhunderts. Viele Festungsanlagen von Städten stammen aus der Zeit, ja sogar manche Altstädte, wie zB die von Graz, stammen aus diesem Zeitabschnitt. Das Gleiche trifft auch auf Rüstkammern und Museumssammlungen zu: Im Grazer Landeszeughaus sind eigentlich fast alle Ausrüstungsgegenstände auf dem 16. und 17. Jahrhundert, Gleiches trifft auch auf die Hofjagd- und Rüstkammer in Wien zu, und noch Viel mehr.

Es ist auch ein sehr spannender Zeitabschnitt: Viele „actiongeladene“ Ereignisse fanden in dieser Zeit statt, wie die Bauernkriege, der 30-jährige-Krieg, die Türkenkriege, der Aufstieg der Habsburger etc, aber auch viele illustere Persönlichkeiten, wie der berühmte Wallenstein und der „Löwe des Nordens“, Gustav Adolf lebten in dieser Zeit, wie auch die berühmt-berüchtigte „Blutgräfin“ Erszebet Bathory und Königin Elisabeth I. von England

Die Suche nach dem „Warum?“

Diese Gedanken im Kopf, bin ich auf die Suche gegangen, warum denn diese Epoche so vergessen zu sein scheint. Mir fiel nämlich auf, dass vor Allem in Österreich dieses Darstellungsloch vorliegt. In Ungarn, in Polen, in Russland, aber auch in England ist diese Epoche nicht unbeliebt. Ja sogar in Deutschland gibt eigene Veranstaltungen, die in dieser Epoche spielen, vor Allem in der Zeit des 30-jährigen-Kriegs.

Ist es mangelnde Medienpräsenz? Viele Filme spielen in der Zeit, „Die drei Musketiere“ zum Beispiel, aber auch der Film „Alatriste“, spielt in der Zeit, genauso wie die Serie „Die Tudors“, und die Metalband „Sabaton“, widmet mindestens drei Lieder ihres neuen Albums „Carolus Rex“ König Gustav Adolf und dem 30-jährigen-Krieg, und natürlich gibt es auch zahlreiche Bücher und Romane, die in dieser Epoche angesiedelt sind.

Also wird es vermutlich nicht daran liegen. Liegt es vielleicht einfach nur an mangelndem Interesse? Tatsächlich trifft das sogar sicher zu. Sei es aus Unwissenheit oder weil man einfach so kein Interesse an dieser Epoche hat. Dies ist auch vollkommen Okay, weil nicht Jeder kann sich für Alles interessieren.

Doch gibt es auch viele andere Faktoren, die auch mich am Anfang davon abgeschreckt haben. Ein Umstand ist der Fakt, dass es eben so wenige Darsteller gibt, die diese Epoche machen, und auch nicht wirklich Veranstaltungen, die sich dieser Epoche in Österreich annehmen. Dies ist aber ein Teufelskreis, denn natürlich will man als Veranstalter nicht ein Themenfest veranstalten, um dann die Grüppchen mit der Lupe zu suchen, weil es so Wenige sind, aber gleichzeitig will man als Reenactor der entsprechenden Epoche auch mal auf einer Veranstaltung sein, die der eigenen Darstellung zumindest halbwegs entspricht.

Ebenfalls abgeschreckt hat mich der Umstand, dass nun mal Feuerwaffen in dieser Zeit bereits eher übliche als seltene Waffen waren, wie mich auch die Kosten einer möglichen Darstellung anfangs abschreckten.

Noch ein Faktor, hat mich sehr betroffen: Ich bin Freikämpfer, und da haben sich bei genauer Betrachtung viele Probleme offenbart, auf die ich etwas später eingehen werde.

Lösungen

„Der erste Schritt auf dem Weg zur Lösung eines Problems, ist es einmal das Problem zu erkennen.“, sagt man sehr oft. Nun, tatsächlich glaube ich die Probleme erkannt zu haben. Doch was dagegen tun?

Ich will denjenigen die wirklich nicht an dieser Epoche interessiert sind nun wirklich nicht ins Gewissen reden von wegen „Du sollst diese Epoche mögen.“, Ich kann nur den Unwissenden und auch den unentschlossenen Anfängern, die gerne ins Reenactment einsteigen möchten nur den Rat geben, nicht diese Epoche grundsätzlich auszuschließen. Seid offen, denn es hat zum Einen noch nie wen geschadet einen erweiterten Horizont zu haben, zum Anderen aber kann man vielleicht etwas entdecken, was Einem gar gefallen könnte.

Wenn man nun doch das Interesse hat, etwas in der Richtung zu machen, sich vielleicht auch schon grob über die Möglichkeiten informiert hat, was man Alles machen kann, aber einfach noch zahlreiche Hemmnisse hat, kann ich folgende Ratschläge geben.

Ja, es stimmt, solche Darstellungen sind Österreich sehr selten. Mir ist nur ein Verein bekannt, der die Zeit um den 30-jährigen Krieg behandelt, und zwei Mitglieder der South Styrian Celtics (bekannter als SSC) in Graz, wo auch meine Wenigkeit dazu gehört, die sich auf Osteuropa des 16./17. Jahrhunderts einschießen. Ja es stimmt auch, es gibt nicht wirklich Veranstaltungen wo dann solche Darstellungen nicht so auffallen werden wie ein bunter Hund. Aber man sollte sich davon nicht abschrecken lassen. Zum Einen, da man so auf den Veranstaltungen für eine durchaus selten negativ gesehene Abwechslung sorgen kann, zum Anderen, weil man so vielleicht Andere ebenfalls für solche Darstellungen begeistern kann. Und wäre doch super wenn man auf die Weise mehr Leute für diese Epoche gewinnen kann, oder?

Nun kommen wir zu dem Punkt, der sogar mich am Anfang abgeschreckt hat so eine Darstellung anzustreben. Feuerwaffen gehören oft zur Ausrüstung jener Zeit, egal ob nun Radschlosspistole, Arkebuse oder Luntenschlossmuskete. Mich hatte bei meinem Entschluss sehr die rechtliche Frage gewurmt. Aber, da will ich sagen: Vorderladerwaffen sind frei ab 18 Jahren erhältlich, und der Aufwand eine solche Feuerwaffe zu erwerben ist kaum größer als der Aufwand beim Kauf eines Bogens oder einer Armbrust. Zum Anderen muss ich sagen, gibt es auch Darstellungsmöglichkeiten, die eben keine Feuerwaffe benötigen. In Irland und in Osteuropa wurden zB auch noch Bögen eingesetzt, und es gibt auch Darstellungen wie den Husaren, den Pikenier und den Rondartschier, auf die ich etwas später eingehen werde, da es wirklich höchst interessante Darstellungen sind. Und der aufmerksame Leser, wird natürlich sich bei dem Husaren überlegt haben „Moment, das ist doch ein Reiter, und ich kann nicht reiten und habe kein Pferd!“ Ja, sollte das Bedenken geben, ist es Verständlich, und es gibt da verschiedene Ansätze, wie zB dass man es dann mit der Darstellung eines Husaren lassen sollte. Ich persönlich gehe da den toleranteren Weg und sage, dass es eigentlich in dem Sinne nicht so wichtig ist. Es ist zum Einen auf kaum einer Veranstaltung in Österreich möglich ein Pferd mitzuhaben und zu verwenden, und zum Anderen kann auch nicht jeder HoMi-Ritter reiten, wie auch nicht jeder Wikinger oder Pirat segeln kann.

Mir ist der folgende Punkt persönlich wichtig. Die Kosten. Mich ärgert es immer wieder, wenn irgendjemand einen Anderen am Kostenfaktor packen möchte und dann meint „Mach FrühMi, die Darstellung ist nicht so teuer.“. Ich will dazu sagen dass egal welche Epoche man sich ansieht, es gibt da Darstellungen die sicher ein Vermögen in ihrer Umsetzung kosten, und Darstellungen die finanziell nicht so teuer sind. Von daher ist das Argument eine bestimmte Epoche nicht zu machen, es sei teurer als Andere, einfach nicht richtig. Das trifft auch auf den Zeitraum zwischen 1490 und 1690 zu. Natürlich ist die Darstellung eines zB Kürassiers der in voller Plattenrüstung herumläuft teuer (wobei ich dazu sagen muss, dass es darauf ankommt, wo man seine Ausrüstung bezieht). Aber mal ein Beispiel für eine günstige, sogar heimische Darstellung, nach Beleg eines Ausstellungskataloges des Grazer Landeszeughauses („Zum Schutz des Landes – Katalog zur Dauerausstellung/Kanonenhalle – Landeszeughaus Graz“ Herausgegeben vom Landesmuseum Joanneum – Referat Zeughaus), ein Hellebardier des Landesaufgebotes von der Wende des 16. auf den 17. Jahrhunderts. Sie trugen normales bäuerliches Gewand jener Zeit. Als einzigen Schutz trugen sie einen Helm (Morion, Burgonet bzw. Sturmhaube) und als Waffe eine Hellebarde. Eine Hellebarde bekommen wir, je nach Händler, schon so ab 60€, einen Morion ebenfalls schon so ab 60€. Natürlich variiert der Preis immer sehr stark je nach Händler. Die Kleidung berücksichtige ich mit Absicht jetzt nicht, da es zu viele Faktoren zu berücksichtigen gibt (Selbst genäht oder nicht, Welcher Händler, etc.). Ergo es ist unsinnig zu behaupten, eine Darstellung jener Epoche sei besonders teuer.

Freikampf und Regelwerke

Man könnte sich Fragen, warum ich dem Thema Freikampf einen eigenen Abschnitt widme, und es nicht in den vorherigen Abschnitten behandle. Der Grund ist ganz einfach: Das Thema ist sehr komplex, und bedarf einer genaueren Betrachtung, und da sich hier auf einmal ganz neue Probleme auftun.

Man sollte nun bedenken, welche Regelwerke in Österreich eigentlich die „Üblichsten“ sind (anders als in Deutschland, wo sich Viele mehr oder weniger auf ein bestimmtes Regelwerk einigen konnten, werden hier weiterhin oft viele eigene Süppchen gekocht), aber man kann sagen, dass von den Freikampfregelwerken vor Allem Codex Belli bzw. das Derivat davon, Codex Harier L1 und das Regelwerk Neustadt-Glewe gebräuchlich sind. Ich persönlich habe vor Allem mit Codex Harier L1 meine Erfahrungen gemacht, auch schon mit der Ausrüstung meiner späteren Darstellungen (polnischer Husar zwischen 1575 und 1610 und leichter polnischer Reiter um 1620).

Als Erstes: ja, diese Regelwerke sind wirklich zum Teil problematisch. Der Grund ist einfach darin zu sehen, dass diese Regelwerke vor Allem aus dem Bereich der Frühmittelalter- und Hochmittelalterdarstellungen kommen, und das bedeutet auch dass diese Regelwerke auf eine andere Kampfweise als in späteren Epochen üblich, hin ausgelegt sind. Aber man sollte sagen, dass auch Ausrüstungen zwischen 1490 und 1690 auf Regelwerke wie zB Codex Belli oder Codex Harier übertragbar sind. Blankwaffen wie zB Schiavona, Säbel, ,Bidenhänder, Katzbalger, großes Messer etc., sind auch in Codex Belli und Codex Harier L1 einsetzbar, genauso wie zB Einhändig geführte Äxte.

Bei Stangenwaffen ist es so eine Sache wegen den Regelwerken. Grundsätzlich sind sowohl Stangenwaffen wie Hellebarden, Sensen, Roßschinder etc. durchaus erlaubt (Fallen in Codex Harier L1 und Codex Belli unter „Dänenäxten“), genau wie auch Piken (Fallen in Codex Harier L1 und Codex Belli unter „Zwei-Hand-Ger“). Das Problem ist in diesem Fall tatsächlich eher die Länge der Stangenwaffen. Dabei gibt es eigentlich keine Beschränkung, weder bei Codex Belli, noch bei Codex Harier L1, aber es gibt bei Neustadt-Glewe eine Regelung für die Länge der Stangenwaffen:

„Die Länge der Stangenwaffen ist wie folgt begrenzt:
Einhändig geführte Gere /Speere: max. 2,10 Meter (inklusive der Spitze).
Zweihändig geführte Gere / Lanzen: max: 3,00 Meter (inklusive der Spitze)
Langäxte / Dänenäxte: max. 2,10 Meter (inklusive Axtblatt) Die minimale Klingenlänge einer zweihändig geführten Axt muss 15 cm betragen!“

Quelle: http://www.dengeln-in-bayern.de/?link=8&sub=3 – 2013-08-24 – 10:07

Also während bei Codex Belli oder bei Codex Harier L1 theoretisch auch der Einsatz einer 5 Meter langen Pike möglich wäre, ist das bei Neustadt-Glewe nicht der Fall. Aber diese Regelung kann durchaus Auswirkungen auf die Veranstalter haben, die zwar Codex Harier L1 oder Codex Belli auf ihren Festen als Freikampfregelwerk festlegen, aber trotzdem diese Längenbeschränkung machen.

Ein weiteres Problem bringen Blankwaffen wie Rapiere und Panzerstecher. Der Grund: Es sind vor Allem Stichwaffen. Das Problem dabei: sowohl in Codex Belli als auch in Codex Harier L1 ist das Stechen mit Blankwaffen nicht erlaubt. Dafür aber in Neustadt-Glewe. Auch der Umstand der verbotenen Waffen ist für die Epoche zwischen 1490 und 1690 ein Problem. Warum? Hier ein Zitat aus dem Codex Harier L1:

„v. Verbotene Waffen: Feuerwaffen, Leichtmetall-, Latex- oder Carbonwaffen sowie Wucht- und Kettenwaffen (Keulen, Flegel,..), Peitschen“

Quelle: http://geschichte-u-reenactment.de/index.php?page=Thread&threadID=2420 – 2013-08-24 – 10:55

Dies gibt natürlich einige Beschränkungen. Zum Einen, Bauernwaffen wie Morgenstern und Dreschflegel sowie bei gehobenen Schichten eingesetzte Waffen wie Streitkolben und Streithammer sind nicht erlaubt. Das ist auch grundsätzlich verständlich und legitim, da es hier um die Sicherheit geht. Das Gleiche trifft auch auf die Feuerwaffen hinzu, natürlich aber zu einem entscheidenden Nachteil. Den Grund kann man sich ja denken: Viele Ttruppengattungen können ihre eigentliche Waffe nicht nutzen, sei es Musketier, Arkebusierreiter uvm.

Doch was gegen diese Probleme die ich eben aufgezeigt habe tun?

Nun sei als Erstes gesagt: Die Anwendung von Regelwerken wie Codex Belli oder Codex Harier L1 wäre durchaus für diesen Fall erstrebenswert. Warum? Es handelt sich um Basisregelwerke, die auch für Anfänger gut geeignet sind, und bieten dem Gros der Waffen, auch jener Epoche, durchaus eine Möglichkeit ihres Einsatzes. Natürlich kann es Einschränkungen geben, wenn wir auf den Punkt der Stangenwaffen blicken. Wie wir nun festgestellt haben, gibt es zwar weder in Codex Belli noch in Codex Harier L1 eine Maximallängenregelung, aber sehr wohl in Neustadt-Glewe, und das kann je nach Veranstalter übernommen werden, auch für Codex Belli oder Codex Harier L1. Da kommen dann die Begriffe A-Faktor und P-Faktor ins Spiel, sprich der Faktor der Authentizität und der Praktikabilität. Eine Pike mit 5 Metern Länge ist natürlich authentisch für einen Pikenier, aber wenn dies nicht erlaubt sein sollte, wird man wohl dann auf die Maximallänge zurück gehen.

Wegen dem Blankwaffenproblem kann man den Lösungsansatz nehmen, alternative Waffen zu verwenden, wie zB ein Breitschwert wie das Schiavona anstatt eines Rapiers zu verwenden, und einen Pallasch statt eines Panzerstechers, oder aber, man führt Anpassungen im Regelwerk durch.

Und was ist mit den Feuerwaffen? Natürlich könnte ich sagen, man solle sich Darstellungen suchen, die eben keine Feuerwaffen benötigen. Ich halte aber nichts davon. Eher sollte man hier für den Renaissancefall eine Anpassung der Regelwerke vornehmen. Man wird natürlich nicht mit Feuerwaffen direkt auf jemand Schießen. Auf vielen Veranstaltungen wird meistens in die Feuerwaffen nur Schwarzpulver geladen, ohne Geschoss. So gibt es zwar einen Knall und Rauch, und kann trotzdem, ein Sicherheitsabstand vorausgesetzt, Feuerwaffen einsetzen. Natürlich liegt es im Ermessen des „Ziels“ ob er dann den „fiktiven Schuss“ als Treffer nimmt oder nicht. Das ist zum Beispiel eine Möglichkeit, die ich ganz klar favorisieren würde. Eine andere Alternative kommt aus dem LARP-Bereich: Bandguns. Es handelt sich hierbei um Nachbildungen von historischen Vorderladern, die Gummibänder verschießen. Es gibt dabei auch schon mittlerweile eine sehr schöne Auswahl an eben solchen Nachbildungen, zum Teil sogar mit einer Zusatzfunktion, dass entweder über Knallschnur oder Perkussions-Zündhütchen ein Knall erzeugt wird.

Nun muss ich zu einem anderen Punkt kommen: Der momentane Seltenheitswert solcher Darstellungen wirkt sich auch natürlich auch darauf aus, gegen wen man trainiert. Wenn man selbst eine solche Darstellung zwischen 1490 und 1690 macht, ist die Chance momentan noch zumindest sehr groß, dass der Trainingspartner wohl eher eine frühere Darstellung macht. Das „Problem“ kenne ich auch von mir selber. Dabei fällt natürlich besonders auf, dass im Zeitraum zwischen 1490 und 1690 es eher selten war, auf einen Kämpfer mit Schild zu treffen. Vor diesem Zeitabschnitt war es eher selten auf einen Kämpfer ohne Schild zu treffen. Und das ist, speziell bei Codex Belli oder Codex Harier L1 ein Nachteil für den Schildlosen. Also was tun? Einerseits kann man natürlich mehr trainieren, und so versuchen Kniffe zu finden. Zum Anderen: Schilde waren zwar seltener, aber durchaus auch noch zwischen 1490 und zum Teil noch, je nach Region, in die 1690er hinein im Einsatz. Welche? Zum Beispiel der Targe, ein kleiner Rundschild der bei den Schotten im Einsatz war, die Flügeltartsche, ein asymmetrischer Schild, der vor Allem bei Osteuropäischen Reitern und bei den Osmanen im Einsatz war, der Kalkan, ein gewölbter Rundschild, der ebenfalls in Osteuropa und im gesamten Orient verbreitet war, den Buckler und last, but not least, die Rondartsche, ein aus Stahl gefertigter Schild.

Und nun komm ich endlich zum Punkt des Rondartschiers, den ich schon vorher erwähnt habe. Was ist ein Rondartschier? Ein Rondartschier war eine Art von Schwertkämpfer, der im 17. Jahrhundert aufkam. Er erhielt seinen Namen von dem Schild den er verwendete, der Rondartsche, der ihnen ebenso zum Schutz diente wie die Brustplatte die sie trugen und der Helm, während sie meistens entweder Breitschwerter oder Rapiere zum Fechten verwendeten. Die Darstellung ist für den freikämpfenden Darsteller der oft zB Wikinger verhauen muss hervorragend geeignet. Ähnliches gilt auch für den Husaren zwischen dem 1490ern und den 1580ern.

So, und nun muss ich noch ein Thema ansprechen: Wie ist das denn mit der Schutzausrüstung? Sehen wir uns dazu mal die Angaben an im Codex Harier L1, dem wohl anspruchlosesten Regelwerk in Sachen Schutzausrüstung.

„Der Mindestrüstungsschutz im Kampf besteht aus gepolsterten Handschuhen, Ellbogen- und Knieschoner. Kämpfer, die nicht den Mindestrüstungsschutz tragen, dürfen am Nahkampf nicht teilnehmen.“

Quelle: http://geschichte-u-reenactment.de/index.php?page=Thread&threadID=2420 – 2013-08-26 – 10:20

Was heißt das nun?

Handschuhe: Plattenhandschuhe, Plattenfäustlinge oder sonstige gepolsterte Handschuhe wie auch LaCrosse- oder Eishockeyhandschuhe, die man übernäht hat.
Ellbogenschoner: Armschienen mit Ellbogenschutz, Ellbogenkacheln oder moderne Ellbogenschoner die man unter der Gewandung trägt.
Knieschöner: Beinschienen die über das Knie reichen, Beintaschen die über das Knie reichen, Kniekacheln, moderne Knieschoner unter der Gewandung getragen.

Natürlich ist immer ein mehr an Schutzausrüstung möglich, aber auch dabei gilt die Grundregel: Was Authentisch ist, kann ruhig zu sehen sein, was nicht Authentisch ist, sollte durch die Gewandung verdeckt werden.

Fazit und Chancen:

Was kann man nun aus dieser – zugegeben – nicht gerade kurzen Abhandlung folgern?
Ja, es gibt tatsächlich Probleme was Darstellungen vom Zeitraum zwischen 1490 und 1690 angeht, aber diese sind leicht lösbar. Und es lohnt sich diese Probleme zu lösen und sich darüber zu trauen, und so eine Darstellung zu machen, denn man bringt so nicht nur Vielfalt in die Reenactmentszene. Es wäre eine tolle Möglichkeit, eine wichtige Epoche der europäischen Geschichte wiederaufleben zu lassen, und mal ehrlich: Wäre es nicht toll, die Ausrüstungen die man zB im Grazer Landeszeughaus zu sehen bekommt, in Aktion zu sehen?

Wen ich mit diesem ellenlangen Schreiben vielleicht doch vielleicht überzeugt habe, oder einfach nur das Interesse geweckt, so kann man sich gerne auf Facebook der Gruppe „Reenactment 1490 – 1690 in Österreich“ anschließen, die für all Diejenigen als Plattform dienen soll, die in Österreich leben und eine Darstellung des Zeitraums zwischen 1490 und 1690 haben bzw. eine Solche anstreben. Hier der Link zu der Gruppe:

https://www.facebook.com/groups/194074110762056/

 

Stefan Kerschbaumer aka Pan Stefan Stanulovski, South Styrian Celtics

01Dieses Foto zeigt einen der 2 Darsteller der South Styrian Celtics, einem Grazer Verein, der sich auf das 17. Jahrhundert gestürzt hat, mit der Darstellung eines Kosaken des Hmelnitski-Aufstandes. Diese Darstellung zeigt sehr gut die Vielfalt die in dieser Epoche vorhanden ist.

 

 

 

 

 
02Dieses Foto eines in Darstellers eines Rondartschiers zeigt sehr schön die Essenz dieser Darstellung. Gut zu sehen ist die Sturmhaube, die Brustplatte, die einhändig geführte Blankwaffe, und die Rondartsche, den runden Stahlschild, dessen Namen er trägt. Allerdings trugen Rondartschiere nicht husarische Brustplatten wie hier zu sehen, sondern aus einem Stück getriebene Bustplatten, und als Blankwaffe setzten sie zumeist Rapiere oder Breitschwerter ein.

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