Die Mauer von St. Margarethen – Wenn ein Stück Mauer Geschichte erzählt… (Teil 2)

WO: Gemeinde St. Margarethen. Die B52 führt von Eisenstadt in Richtung Rust direkt durch den Ort. Im ort bei der Ampel rechts Richtung Siegendorf abbiegen, die Kirche ist hierbei bereits sichtbar. Dem Straßenverlauf bis zum Hauptplatz folgen.

Parken: Beim Hauptplatz (allerdings gilt es, auch die Parkverbotstafel in einigen Bereichen beachten!). Die Ruine ist frei zugänglich!

Nun höret, was der Fürste tat

Des andern Morgens in der Früh

Des Montags in den Tagen

Es war ein schöner Samstagnachmittag, der uns in den recht ruhigen Ort Sankt Margarethen führte. Der uns bekannte Trubel- Stichwort Römersteinbruch- war nicht festellbar, ja im Gegenteil, denn hier wirkte alles beschaulich und still.

Wir parken. Vor uns erhebt sich stolz die Kirche, kein kleiner Bau, ein mächtiger Turm. Als wir den sakralen Ort zu betreten gedenken, wird gerade eine Messe gelesen und wir beschließen nicht weiter zu stören.

sô man diu kriuze siht tragen

umb daz heil der kristenheit,

dô was der herzog bereit

Wir besichtigen den Karner, der von vorne erschreckend modern (da eckig und betoniert) aussieht, während der hintere Teil unseren baulichen Eindruck von Karnern befriedigt.

Neben diesem Hort des Todes, besser gesagt Hort der Dinge, die der Tod übrig ließ, steht eine Mauer, wenige Meter lang, etwa einen Meter breit und gut zwei Meter hoch. Ein unscheinbares Fragment, das von seiner Ausrichtung und Form so gar nicht zur Umgebung passt. Keine andere Mauer schließt sich ihr an, kein Hinweis, wofür sie einst bestimmt war, ist hier zu finden. Es scheint so, wie als wäre dieses Mauerstück einfach vom Himmel auf die grüne Wiese gefallen.

Da stehen wir vor dieser Mauer.

Und irgendwie fragen wir uns wieder einmal, vor was wir hier stehen. Mein Kollege, Gerhard Koller, meint, es wäre der letzte Rest einer Burg, die 1289 zerstört worden wäre, weil hier Raubritter saßen. Ich bleibe skeptisch, aber mangels einer anderen Hypothese- die Wehrkirche ist für mich wegen der unterschiedlichen Ausrichtung auch vom Tisch- stimme ich dem zu. Wir stehen vor einer Burgruine.

Aber ganz sicher sind wir uns beide nicht. Die Historiker hingegen haben schon 1986 hier einstimmig von einer Burg gesprochen, die 1289 zerstört wurde. Daraufhin sei dort die Kirche entstanden. Eine schlüssige Hypothese, die bei mir die Frage erweckte, warum gerade dieses Mauerstück noch steht. Die umliegenden Gebäude könnten schon längst aus ihren Steinen errichtet worden sein. Aber genau hier haben Historia und Vanitas anders entschieden und uns einen Rest hinterlassen, der irgendwie demotiviert in der Gegend steht.

Und dennoch kann dieser Rest uns einiges erzählen. Das fängt schon mal damit an, dass meine Zweifel an der Existenz einer Burg beim Betrachten der Mauer an der nördlichen Seite etwas verflogen. Hier waren nämlich andere Strukturen zu beobachten, die von einem mehrgliedrigen Gebäude stammten, etwa von einer Mauer mit Turm. Ein erster Beweis?

Das Mauerwerk selbst dürfte aus dem 13. Jahrhundert stammen und 1277 wurde die Burg auch als „Mayad“ erwähnt. Zu dieser Zeit tobte in Ungarn ein heftiger Kampf zwischen dem König, damals IV. László (Ladislaus IV.), und den Grafen von Güns und Mattersdorf. Dem König gelang es nicht, die widerspenstigen Grafen zu bezwingen, sie tyrannisierten aber nicht nur den König, sondern auch die Österreicher und Steirer, denen ab 1282 Albrecht I. als Herzog vorstand.

dô was der herzog bereit

und fuor für sant Margreten

die selben Unger heten,

Nach Friedrich dem Streitbaren und Přemysl Ottokar ist Albrecht I. der dritte ungemütliche Herzog von Österreich im 13. Jahrhundert. Ihm steht mit Graf Ivan von Güns ein in Kriegswesen durchaus ebenbürtiger Zeitgenosse gegenüber. Ivan ist bekannt für seine Streitsucht und seine brutale Vorgehensweise, er greift nahezu alle Nachbarn an, ermordet angeblich sogar eigenhändig den Erzbischof von Gran und führt von seiner Burg Bernstein groß angelegte Plünderungszüge.

dô graf yban in erloubt /

in Ôsterriche vil geroubt /

und begangen manige ungenuht /

Das Grenzgerangel erzürnte Albrecht I., bei den meisten Untertanen ebenso verhasst, zunehmend. Ein erstes Aufgebot brach wurde 1285 vor den Toren der Burg Bernstein vernichtend geschlagen. Vier Jahre später wagte der Herzog einen zweiten Feldzug.

Über diese kriegerischen Zustände berichtet die Steirische Reimchronik, deren Verse uns schon seit Beginn des Textes- Am Anfang noch in Hochdeutsch, zur Eingewöhnung- begleiten.

Der Reimchronist beschrieb hier, auf der Seite der Habsburger, den Feldzug so genau wie möglich. Durch ihn haben wir einen genauen Einblick in das Ende der Burg.

Die Burg von St. Margarethen gehörte nicht dem Ivan, sondern den Grafen von Mattersdorf, die mit Ivan verbündet waren. Mattersdorfs Burg, die Mattersburg ist heute ebenso verschwunden.

Am 25. April 1289 zog das herzogliche Heer, 15.000 Mann stark von Wiener Neustadt aus in Richtung Osten. Am 16. Mai standen die Österreicher vor der Burg von St. Margarethen.

dâvon si nû swӕre zuht /

von dem furste hie muosen liden /

katzen, ebenhôch und blîden /

het man schir gerihet ûf

unde warf dâmit ze hûf /

Wie uns der Steirische Reimchronist hier berichtet, wurde die Burg mit damals üblichen Belagerungsgegenständen angegriffen. Als „Katze“ bezeichnete man ein fahrbares, bedachtes Holzhaus, das den Angreifern eine bessere Annäherung garantierte. Als „Ebenhoch“ wird ein Belagerungsturm bezeichnet, während man unter „Blide“ eine Wurfmaschine versteht. Eine derartig gut angelegte Belagerung hielt die Burg von Sankt Margarethen kaum stand.

manic dach unde warnt /

die turne wurden entrant /

daz man dadurch sach /

die estrich man zerbrach

die die liute solden schirmen

Die Burg wurde demnach zerstört, interessant ist aber, dass in der Reimchronik eine Beschreibung der Burg indirekt vorliegt. Hier wird von „turne“- Türmen gesprochen, daraus folgt, dass die Burg keineswegs klein gewesen sein kann.

Wir haben es hier also mit einer ordentlichen Burg zu tun, die nun aber ihren Untergang erleben musste. Die Burg sank in Trümmern. Was aber passierte mit der Besatzung?

Niemen mohte gehirmen

Vor des herzogen zorn

Si wâren alle verlorn

Und heten ouch verlorn daz leben

Hieten si sich niht ergeben.

Die Besatzung also ergab sich, die Burg in der sie bisher sie gekämpft hatten, war eine Ruine, unbrauchbar für weitere militärische Zwecke. Dennoch blieb eine österreichische Besatzung in der Burg. Nach dem Frieden von Hainburg, 1291, wurde die Burg geschleift und eine Kirche errichtet. Wahrscheinlich war diese von den Burgmauern umgeben, ergo eine Wehrkirche. Um 1500 wurde die Kirche gotisiert, später dann die Mauer rundherum großteils abgetragen, der Zahn der Zeit nagte gefräßig an den letzten Quellen zu dieser Burg, bis nur mehr ein Stück Mauer stehen blieb.

Diese Mauer aber ist der letzte Rest von jener Burg, die in den Maitagen 1289 zerstört wurde und erzählt mit seiner Existenz somit ein Stück Geschichte, das sonst verloren wäre. Die Steirische Reimchronik ist dabei die zweite Quelle. Ihre Erzählung ergänzt die vorgefundene Begebenheit umfangreich.

Doch erst wer beides, die Mauer und den Text gesehen hat, wird erkennen, wie es sich damals wirklich zugetragen hat. Zu diesem Zweck ist auch der Artikel gedacht, der damit sein ENDE erreicht hat.

nu wart der Unger gelêrt /

der sant Margreten wielt /

P.S.: Ich habe absichtlich zunächst die deutsche Übersetzung- die ich selbst verfasste- und dann auf den Originaltext zurück gegriffen, um die Aura der damaligen Begebenheiten besser dar zu stellen. Der Text wurde zum Teil im Dialekt der Belagerer verfasst und ist damit auch ein Stück Geschichte, genau so wie die Mauer, die etwas einsam und unmotiviert von jenen Begebenheiten zeugt und damit ebenso ein Stück Geschichte erzählt….

 

 

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