Die Herren von Pernegg- Der falsche Stammvater ODER die Lehensnahme, die keine war

Ein Stimmungsbild

 

Jans Enenkel, ein Chronist des 13. Jahrhunderts hat in seinem „Fürstenbuch“ eine Szene beschrieben, die im so genannten „Babenbergerstammbaum“ aufgenommen wurde:

Da gingen die Schildleut zu ihm hin

Und entschieden, dass er [Leopold II.] Österreich

Sollt empfangen gemeineglich

Von seinem Bruder [Adalbert] an der Statt

Seine Hände er zu strecken hat

Und sollt fallen auf die Knie

Was mit dieser Entscheidung nun erging

Das der Markgraf Leopold tat

Er leistete Huld an dieser Statt

Mit zwölf Fanen er das Land empfing

Und kniete nieder auf die Knie

Und Rat in seine Hände

Da nahm der Zorn ein Ende

(Fürstenbuch, V. Buch, 868- 879)

Enenkel berichtet hier von einer sehr ungewöhnlichen Situation. Markgraf Leopold II., genannt „der Schöne“ soll die Mark als Lehen von seinem eigenen Bruder Adalbert (Albrecht) empfangen haben, nachdem ein großer Streit diesem voraus gegangen war.

Ungewöhnlich ist dies deswegen, weil Leopold eigentlich nur vom König das Lehen empfangen konnte und damit ein Ereignis dargestellt wird, das keinesfalls so stimmen kann.

 

Der erste Pernegger

 

Doch haben wir am Ende jener Erzählung angefangen, gewiss eine Taktik, die man auch als Fehler werten kann. Überhaupt haben wir hier eventuell etwas verwirrend begonnen. Warum?

Ich will an dieser Stelle Ihnen zeigen, wie komplex die Situation rund um die Anfänge der Herren von Pernegg ist, denn schon im 13. Jahrhundert waren sie nicht mehr bekannt und so griff man auf eine Erzählung zurück, deren Ursprünge ebenso unbekannt sind. Sie besagt, dass Markgraf Ernst „der Tapfere“ (†1075) zwei Söhne hatte, nämlich Leopold, der uns auch in den zeitgenössischen Quellen bekannt ist, und einen Adalbert, der zwar auch in einigen Quellen genannt wird, wo aber keineswegs klar ist, ob er tatsächlich ein Babenberger war.

Adalbert wird in diesen Quellen auch nach keinem Sitz genannt, sehr wohl aber berichtet Enenkel von Adalberts Burg:

Zu Pernegg, ich hab vernommen

Da war der junge Markgraf gekommen,

der da Albrecht ist genannt

dem dient da das selbe Land.

Auch die Tatsache, dass sowohl Adalbert wie Leopold Markgrafen waren, ist nicht korrekt und für das Hochmittelalter ungewöhnlich. Enenkel konstruierte nun weiter eine Geschichte, die eher an ein Heldenepos erinnert: Leopold wird als schöner Jüngling dargestellt- daher der Beiname „der Schöne“-, der vom Kaiser eine Frau bekam, an der sich Adalbert angeblich verging. Es kam zu Streitigkeiten, die letztendlich mit dieser Unterwerfung endeten.

Wie bereits erwähnt, hatte Enenkel seine Quellen aus heute unbekannter Hand. Damit ist das Nachvollziehen dieser Begebenheit unmöglich. Mehr noch, dürfte Enenkel, der sein Werk zur Zeit des „Österreichischen Interregnums“ (1246-78) formulierte, hier auch andere Absichten getätigt haben. Eine Lehensübernahme zwischen Brüdern könnte- wohlgemerkt könnte- ein Hinweis auf die Unabhängigkeitsbestrebungen des damaligen Herzogtums sein, die sich um 1250/ 60 finden lassen.

Und noch etwas ist wichtig: Pernegg war zu dieser Zeit erst seit kurzem Teil Österreichs. Enenekel wird wohl hier versucht haben, eine Begründung zu finden, warum. Die hier dargestellte Position Adalberts passt dazu recht gut: Als Verwandter der Babenberger war auch sein Gebiet Teil der Babenbergermark, die damit spätere recht „unabhängige Position“ verschweigt Enenkel wissentlich.

Adalberts negativer Charakter führte zu seinen beiden Beinamen „der Charakterlose“ oder „der Leichtsinnige“.

 

 

Der Stammvater, der keiner war

 

Doch was hat dieser Adalbert tatsächlich mit den Herren von Pernegg zu tun? Ist er tatsächlich der Stammvater der Pernegger? Oder ist er tatsächlich nur eine Kunstfigur Enenkels, die der Legitimation diente?

Wie bereits erwähnt, ist ein Adalbert in den 1080er Jahren tatsächlich in einigen Traditionsnotizen des Klosters Göttweig genannt. Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts identifizierten ihn mit Graf Adalbert von Bogen, der um 1100 starb. Die Grafen von Bogen standen den Babenbergern sehr nahe, möglich wäre auch, dass die Pernegger von ihnen abstammen. Möglich, aber nicht wirklich nachweisbar. In den Notizen wird Adalbert ohne Ort genannt, ein Bezug zu Pernegg lässt sich damit nicht finden.

Keine einzige Quelle verbindet diesen Adalbert daher mit den späteren Perneggern.

Wer aber nun ist der erste Pernegger gewesen?

Erst um 1120 wird- wieder- in Göttweig ein „Oudalricus nobilis de Pernekke“ (FRA II/ 69 nr. 146) genannt, womit die Nennungen von Perneggern erst einsetzen. Dieser Ulrich wäre demnach der tatsächliche Stammvater, doch wurde eben dieser Ulrich von seinem Neffen (!) beerbt. Das ist aber schon eine andere Geschichte.

Adalbert lässt sich damit nicht als Stammvater nachweisen. Auch war dieser Name bei den Perneggern nicht gebräuchlich. Soweit so gut.

War die Abstammung von den Babenbergern eine Erfindung aus dem 13. Jahrhundert, so entstanden im 19. und 20. Jahrhundert noch einpaar Hypothesen hinzu. Johann Wendrinsky etwa sah die Pernegger als Verwandte der Nürnberg- Raabser und konstruierte in den Herren von Goßheim ihre (gemeinsame) Abstammung. Diese Hypothese beruhte auf eine ungenaue Quellenstudie (lobenswerterweiße eine Ausnahme bei Wendrinsky!) und auf die Annahme, dass Goßheim in Wahrheit Goßam bei Melk sei, welches ebenfalls den Perneggern gehörte.

Wie jüngere Forschungen zu diesem Thema zeigten, sind die Goßamer kaum in Verbindung mit Österreich zu bringen, noch dazu waren sie Reichsministeriale und keine Edelfreien wie die Pernegger. Viel mehr wird man die Wurzeln der Pernegger im bayrischen Raum suchen, nämlich im Umkreis von Deggendorf, das ebenso den Perneggern gehörte.

Die Figur des Adalbert von Pernegg ist damit eine Erfindung, ebenso wie die angebliche Lehensübergabe an Leopold dem Schönen. Sie beruht auf eine unglaubwürdige Geschichte aus dem 13. Jahrhundert, die womöglich zum Zweck der Legitimation geschrieben wurde, um Pernegg an Österreich zu binden. Der Rest ist Geschichte…

 

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