Die Herren von Pernegg- Der Abt und die zwölf Konkubinen

Ein Stimmungsbild

 

Wir befinden uns in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts in einem Tal, welches verlassen wirkt. Ein Bach rinnt seinen Weg hinunter, fast flüchtend, um andere Gefilde zu erreichen. Neben dem Bach verläuft ein Weg, der sich hin- und her schlängelt. Auf diesem Weg galoppiert ein Reiter, umgeben von einigen wenigen Rittern. Keiner der Herren weiß genau, wo das ersehnte Ziel liegt, jedem ist aber klar, dass in diesem Tal nur selten jemand hin kommt. Die schlechten Wege verzögerten die Reise akut.

Endlich sah man links am berge eine kleine Burg, dahinter jedoch erst kam eine größere Burg zum Vorscheine. Eine, bei der man durchaus glauben konnte, dass sie eines Edelfreien würdig sei.

Erleichtert atmete der Reiter auf, endlich hatte er sein Ziel erreicht, nun musste er nur noch den Bach überqueren und den Hügel empor reiten. Auch seine kleine Gefolgschaft war froh, denn sie war zwar leidgeprüft- ihr Herr beliebte oft zu reisen- aber etwas derartiges, wie diese Tour kannten sie nicht. Selbst in das noch nördlicher gelegene Raabs war ihnen der Weg besser und vor allem erträglicher vorgekommen.

Der Reiter hieß Berthold, seines Zeichens Abt des Klosters Garsten und er war einer Einladung des Ulrichs von Pernegg gefolgt. Diesem Ulrich war er in Göttweig begegnet, wo Berthold sich öfters aufhielt und Ulrich nutzte die Gelegenheit, um dem „Heiligen Mann“, wie man Berthold später verklären wird, eine Einladung in seine entlegene Residenz zu machen.

Dabei hatte Ulrich noch zwei andere Burgen, die sogar am Weg zwischen dem doch beträchtlich entfernten Garsten (bei Steyr!) und Göttweig gelegen wären, nämlich Weitenegg und Goßam bei Melk. Warum lud er Berthold nicht in diese Burgen ein, sondern ließ Berthold in das abgelegene Pernegg kommen?

Die Beweggründe werden um so unverständlicher, wenn man sich die Umstände ansieht, wie wir gleich sehen werden:

Berthold betritt den Ort noch per Pferd, er steigt herab. Vor ihm ist eine Pfarrkirche, dahinter ein Pfarrhof. Der Pfarrer begrüßt ihn und schlägt vor, mit ihn bis zur Burg zu gehen, die sich hinter der Pfarre- eigenartigerweise auf einen Abhang- befindet. Der Abt ist stutzig, warum wird er nicht vom Burgherren begrüßt?

Der Pfarrer schweigt, Berthold merkt in ihm eine gewisse Spannung, die er unbedingt auf den Grund gehen will. Er stimmt dem zu und lässt sich vom Pfarrer bis zur Burg begleiten. Dort empfangen ihn Wachen, von einem Empfang ist aber noch immer keine Rede, erst als Berthold fast schon befehlt, zum Herren vor gelassen zu werden, wir ihm erklärt, dass Herr Ulrich sehr wohl schon bescheid wüsste, aber anderer Tätigkeiten kurzfristig nachgehe. Diese Aussage des Wachen empfindet Berthold wie einen Faustschlag. Der „Heilige Mann“ wird fast zornig, denn so etwas ist ihm noch nie passiert. Er, der Kranke heilt, Messen zu Gottes Ehren abhält, ja sich überhaupt nur Gott untergeordnet sieht, soll nun auf einen Herren warten?

Berthold ist böse, er beschließt, sich zur Kapelle führen zu lassen, die erstaunlicherweise gleich neben dem Burgtor steht und nicht- wie bei Raabs oder Imbach- in der Nähe des Festen Hauses. Berthold betritt das Heilige Gebäude, das erst vor kurzem errichtet worden sein dürfte und kniet vor dem Altar.

Irgendetwas kommt ihm hier seltsam vor, noch aber kann er nicht sagen, was es wäre. Niemand ist ihm besonders freundlich begegnet, jeder schweigt verhalten.

Eine eigenartige Einladung, die ihm dieser Ulrich da ausgesprochen hat. Jener Ulrich, der in Göttweig ansonsten als den Babenbergern sehr nähebedürftig. Ein schmeichelnder Herr also, dem man zunächst mal nichts schlechtes ansehen würde. Auch die Einladung war sehr freundlich gemeint, darüber hinaus musste Ulrich davon Bescheid wissen, dass Berthold kommt, denn es war ihm gemeldet worden. Ulrich muss demnach absichtlich dem Berthold keinen Empfang bereitet haben.

Je länger Berthold darüber nachdenkt, desto zorniger wird er und da er im Zorn nicht in einer Kirche verweilen kann, dankt er Gott für die gute Ankunft und tritt wieder zu einem Wachen, der ihn wieder vertrösten möchte.

Herr Ulrich wäre gerade unabdinglich in einer Angelegenheit beschäftigt, die es ihm unmöglich mache, Berthold zu begrüßen. Je öfter dies die Wache Berthold zu erklären gedachte, desto finsterer wurde die Miene desgleichen. Einem Kirchenmann warten zu lassen und mit irgendwelchen Ausreden zu trösten, die allesamt Lügen an sich sind, das mag auch für die, wohl gottesfürchtigen Wachen peinlich gewesen sein. Was tun?

Berthold erkannte diese Gewissensangst und erteilte dem Wachen sogar Absolution, der nun sehr zögerlich dem Abt Einlass gewährte, zumindest bis zum ersten Burghof. Dann rief er nun doch den Burgherren.

Und der kam auch plötzlich, völlig überrascht, etwas hastig herbei geeilt, schlampigst angezogen mit zersausten Haaren, wie als wäre er erst gerade aufgestanden, obgleich es Nachmittag war.

Ulrich erkannte sofort den Gast und begrüßte ihn freundlich, bat ihn aber auch um Verzeihung, denn er hätte sich heute nicht wohl gefühlt und wäre kurz zu Bett gegangen. Eine Aussage, die in Widerspruch zu der seiner Wachen stand, soviel war klar. Eine Lüge also, darüber hinaus sah Herr Ulrich selbst sehr gesund aus.

Ulrich lud Berthold nicht ein, ihm seine Burg zu zeigen, er verwies ihm einen Platz in der Pfarre sowie die Möglichkeit, jederzeit in der Burgkapelle zu beten und die Heilige Messe zu lesen, er, Ulrich, möge noch heute der Messe bewohnen und dann ihn in sein Festes Haus, das etwas abgelegen lag, zum Mahl einladen.

Damit endete die „Audienz“ und Berthold spürte einmal mehr, dass Ulrich etwas zu verbergen hatte. Etwas, dass er bis zum Festmahl nun so verstecken wird, das es Berthold nicht auffalle.

Berthold ließ sich seine Gemächer zeigen, die außerhalb der Burg lagen, ein Fauxpas, der ihn bis dato noch nie untergekommen war.

Am Abend las Berthold in der Burgkapelle die Messe. Ihm fiel auf, dass das Gefolge Ulrichs großteils aus Frauen bestand, noch aber machte er sich daraus keinen Reim. Frauen waren hier im Grenzland ja ebenso wichtig für die Rodung, wie Männer und so wundert es nicht, dass im sonst recht patriachalen Mittelalter hier auch Frauen wirkten. Im benachbarten Wildberg etwa, wohin Berthold auch noch eingeladen war, regierte sogar eine Frau, die nun plante, ein Kloster zu gründen. Auf diese Besprechung freute sich Berthold sehr, aber noch war er hier in Pernegg und noch wollte er unbedingt heraus finden, was hier wirklich abging.

Von der Kapelle beim Eingang weg führte der Weg über den Burghof. Hier lag ein Stein in Form eines Herzens, ein Herzstein, eine Granitformation, die man beim Bau der Burg- vielleicht aus ästhetischen Gründen- hier stehen ließ. Später werden dem Stein einige Sagen zugesprochen werden. Denn der Stein wird zerspringen und als „gebrochenes Herz“ gelten.

Ungeachtet dessen, schreitet Berthold zum Festen Haus. Nun durfte er hinein, nun wurde er festlich bewirtet. Doch das was er nun sah, traf ihn derart tief, dass er vom Essen keinen Bissen hinunterbringen konnte. Denn: Herr Ulrich war nicht umgeben von seinem Gefolge, sondern von zwölf jungen Frauen, die sich um den Herren gereiht beziehungsweise gesetzt hatten. Konkubinen also. Dem heiligen Berthold blieb der Mund offen stehen, er merkte, dass er hier eine Szenerie vor sich hatte, die er nur aus der Bibel kannte.

Wie Jesus mit seinen zwölf Jüngern saß Herr Ulrich mit zwölf Frauen zu Tische, eine Szenerie, die uns eher an orientalische Verhältnisse erinnert, als an eine Waldviertler Herrschaft.

 

Hintergründe und Vermutungen

 

So jedenfalls formulierte es gut 40. Jahre später ein Mönch des Klosters Garsten in der „Vita Bertholdi“ (hier in ausgeschmückter Form). Der sexuell- motivierte Lüstling Ulrich tritt dem Frommen Berthold entgegen. Tausend-und-eine-Nacht im Waldviertel quasi. Dieser versucht, den Ulrich zu bekehren, was nicht gelingt. Schließlich lässt Berthold eine der Frauen zu Stein erstarren und bei winterlicher Kälte draußen stehen. Erst jetzt sollte Ulrich geläutert sein, Berthold hat seine Mission erfüllt und kann den Ort (wohl erleichtert) verlassen. Damit endet die Erzählung.

Heute ist nicht ganz klar, welchen Ulrich Berthold besuchte. Sowohl Ulrich I. wie auch sein Neffe (!) Ulrich II. könnten in Frage kommen. Berthold von Garsten starb 1142, dementsprechend ist dieses Ereignis davor, wohl in die 1120er oder 1130er Jahre zu datieren. Ulrich I. starb ebenso um 1140 und aus einer Traditionsnotiz des Klosters Göttweig geht hervor, dass Ulrich II. sein Neffe war. Demnach passt die Beschreibung auf Ulrich I. sehr gut hin. Die spätere Sagenkunde hat ihn mit seinem Neffen verbunden. Und so wurde aus einem Polygmanie- Orientierten ein Klostergründer.

Zu seinem Liebesleben lassen sich freilich keine Quellen finden, aber der Umstand, dass Ulrich I. nicht verheiratet war (oder dass sich in den Quellen zumindest keine Gattinnen finden lassen), lässt verschiedene Schlüsse zu.

Eines aber muss man hier besonders zu beachten: Ulrich I. war Rodungsherr, sein Gebiet arm an fruchtbarem Boden und geeigneten Bediensteten. Für die Erschließung seines Gebietes benötigte er bäuerlicher Siedler, Ritter, welche diese überwachten und Schutz gewehrten sowie Handwerker, die geeignete Produkte produzierten. Keiner dieser Menschen kam alleine, sie brachten ihre Familie mit. Da zunächst das Gebiet wohl kaum erschlossen war, blieben diese zunächst auf der Burg. Gut möglich wäre, dass Berthold hier eine missverständliche Situation erlebte, nämlich, dass zu jener Zeit die Männer der Rodung nachgingen, während die Frauen innerhalb der Burg blieben, um hier ihren Tätigkeiten nachgehen zu können.

Den Abt verstörte die Szenerie derart, dass wenige Jahrzehnte später ein besonders fantasiereicher Mönch hier eine Erzählung konstruierte, die uns einen psychologischen Einblick in die Fantasien des Schreibers geben mögen als in die Realität. Nicht zuletzt ging es ja auch darum, die Wundertätigkeit des Abtes hervor zu heben.

Auf Ulrich I. folgte sein Neffe Ulrich II., Herr von Pernegg, Deggendorf und Weitenegg. Dieser hatte damit eine großflächigere Position inne, die er geschickt zu verwalten gedachte. Da die Donauorte Deggendorf und Weitenegg weit ertragreicher waren, als das karge Waldviertel, gründete er 1153 das Doppelklosters Geras- Pernegg. Er übergab damit einen Teil der Rodung dem Orden der Prämonstratenser, vermutlich auch, weil er selbst ebenso nicht genug Ressourcen verfügte.

Darüber hinaus betrieb er mit der Klostergründung offensichtlich Politik mit Böhmen und Mähren, denn die Mönche und Nonnen kamen aus dem böhmischen Seelau (Želiv), wo 1139 ein Prämonstratenserkloster gegründet worden war.

Während bei Geras ein Herrenkloster gegründet wurde, zogen in die einstige Pfarre Pernegg Frauen ein. Hier schließt sich der Kreis: von einem Ort, wo angeblich ein Burgherr mit Konkubinen lebte, wurde ein Burgherr mit Nonnenkloster. Ein Schelm, wer böses dabei denkt, denn auch dieses hatte eine logische Erklärung: die Nonnen waren mit der Burg Pernegg weitaus geschützter, als die Mönche von Geras, zu deren Schutz man aber auch eine eigene Burg errichtete und mit Rittern besetzte.

An der Straße nach Fugnitz soll sich bis in das 20. Jahrhundert ein Erdwerk, bestehend aus einem pyramidenstumpfförmige Kernwerk mit Wall und doppelten Grabenanlagen, befunden haben, das heute völlig eingeebnet ist.

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