Der Goldschatz des Bergmännleins

Vor vielen hundert Jahren war jenes Gelände, auf dem heute die ebenso romantische wie liebliche Wallfahrtskirche Christkindl, der Pfarrhof und andere Gebäude stehen mit dunklem Tannenwald bedeckt. Der bewaldete Hang, der sich niedersenkt zum Wasserarm des Steyrflusses war übersät mit großen und kleinen Steinblöcken, die wirr durcheinander lagen; von Sträuchern und Schlingpflanzen überwuchert, über welche die Spinnen ihre silbernen Netze spannen.

Am Ende des Bergrückens führte ein Holzsteg über eine breite, tiefe Schlucht hinüber auf die rauhe Plattform eines hohen, mächtigen, aus dem Hangwald aufsteigenden, freistehenden Steinfelsen, auf dem eine hölzerne Hütte stand, die einen Uhu barg, der zu Jagdzwecken verwendet wurde. Uralte Fichten mit weitausgreifenden, graugrün bemoosten Ästen, deren lange Bärte sich leise im Winde wiegten, ragten hoch auf und warfen ihre Schatten über das Gelände.

Auf diesem geheimnisvollen Waldgelände stand, unter Bäumen schier versteckt, ein Försterhaus. Darinnen hauste der alte Förster mit seiner Tochter und einem jungen, schmucken Forstgehilfen, der mit des Försters Tochter verheiratet war und der des Försters Nachfolger im Forstdienste werden sollte. Aber es war kein Glück im Forsthause. Die Tochter war schon seit langem krank und bettlägerig; aus der jungen, einst hübschen Frau war im Laufe der Zeit ein abgehärmtes, hohläugiges, schwaches Weib geworden, die das von ihr geleitete kleine Hauswesen ihres Vaters immer mehr zurückgehen sah. Da die Frau des Försters schon gestorben war, schaffte nunmehr eine alte Magd, die auch die kranke Frau betreute und pflegte und für die Männer kochte, die ihren Berufspflichten nachgingen.

Der herzogliche Arzt aus der Burg Steyr, zu der Wald und Felder gehörten, kam ab und zu ins Försterhaus und besuchte die kranke Frau. Aber so frohe Hoffnungen er dem Gatten und dem Vater der Kranken anfangs gemacht hatte, jetzt war er bekümmert, verschlossen und schweigsam. Der Förster ahnte nichts Gutes. Daher fragte er den Arzt, wie es denn mit der Krankheit seiner Tochter stünde. „Schlimm, sehr schlimm“, sagte der Arzt zögernd, „ich glaube“, sagte er weiter, „daß meine Kunst hier zu Ende ist und kein Arzt mehr helfen kann, es sei denn, es geschähe ein Wunder.“ Die schon so lange Krankheit hatte die Ersparnisse des Försters aufgezehrt. Seine Sorge war, woher das Geld nehmen für die so notwendige Luftveränderung und für die teuren Arzneien, die der Arzt dringend angeraten hatte.

Sorgenbelastet und in tiefes Sinnen versunken ging der Förster eines Tages von Steyr, wo er etwas zu tun gehabt, längs des baumbestandenen Hanges, den man heute Christkindlleiten nennt,flußaufwärts gegen Unterhimmel. Plötzlich sah er sich am Fuße jenes mächtigen Steinfelsens, auf dem heute hoch droben das Haus des Wirtes David in Christkindl steht. Wirr und fast unübersteiglich türmten sich hier die bei einem Erdbeben abgestürzten Felsblöcke in der Schlucht durcheinander.

Noch nie war der Förster in diese Wildnis eingedrungen. Dieses trostlose Landschaftsbild paßte gut zu seiner Seelenstimmung. Er kletterte den mit Bäumen und wilden Sträuchern bestandenen und mit Steintrümmern übersäten Hang aufwärts bis zu dem breiten, hoch aufstrebenden Felsen. Auf einmal bemerkte er in der grauen Wand einen klaffenden Spalt, der so breit war, daß ein Mann leicht durchschlüpfen konnte. Neugierig kroch der Förster durch den Spalt und kam in eine ziemlich große klüftenreiche Höhle, in die durch den Spalt einiges Licht hineinfiel. Plötzlich sah der Förster auf einem Felsvorsprung ein kleines Männlein liegen, das zu schlafen schien. Das altersgraue Zwerglein trug einen langen weißen Bart, hatte ein Schürzlein um und hatte auf dem Kopfe eine zipfelige Mütze.

Nun hatte der Förster schon oft gehört, daß Bergmännlein den Menschen gut gesinnt sind und ihnen auch helfen, wenn sie in der Not sind, so weit es ihnen möglich ist. Aber mit einem Wesen anzubinden, dessen zauberhafte Kraft er nicht kannte, schien dem Förster etwas gefährlich. Doch kurz entschlossen packte er das Männchen und hob es empor; es suchte sich aus den Händen des Försters loszumachen, aber es gelang ihm nicht. Das Männchen sagte gutmütig: „Der du ein Förster bist, laß mich los!“ „Nun“, sagte der Förster, „was gibst du mir dafür?“

Das Männchen aber sprach: „Ich bin tausend Jahre alt, bin stark genug, um auch ohne Lösegeld von dir loszukommen; aber sage mir, was du verlangst, du sollst es bekommen.“ „So verschaffe mir Gold“, sagte der Förster, „ich brauch es notwendig“. „Gut“, sprach das Bergmännlein, „das sollst du haben; laß mich aus, ich zeige dir das, nach dem du verlangst“. Das Männlein führte den Förster zu einer Stelle, auf der ein Haufen der schönsten Goldstücke glänzten und gleißten. „Da nimm“, sagte das Männlein und zeigte auf die Goldstücke, „nimm so viel du brauchst.“ „Ei“, dachte sich der Förster, „woher hat dieser Spitzbube so viele Goldstücke? Einerlei, ich nehme davon und frage nicht darnach.“ Und so füllte er sich alle Taschen voll, und das Bergmänniein half ihm noch dabei.

„Ich danke dir“, sagte der Förster, „und nichts für ungut“. „Gewiß nicht“, sprach das Männlein; „hast es aber nicht schlau angestellt“. „Was soll das heißen?“, fragte der Förster. „Des Menschen Sinn ist nur nach Gold“, sagte das Männlein ernst und strich leise seinen weißen Bart, „das tut aber doch nicht alles. Hättest du mich lieber gefragt, zu was das Kreuz in der Nuß ist, es wäre dir und den deinen besser gewesen. Sieh zu, was dein Gold vermag“. Sprach diese geheimnisvollen Worte und war verschwunden. Einige Wochen nach des Försters Heimkehr mit dem Golde erkrankte des Försters Schwiegersohn plötzlich und starb eines qualvollen Todes an der Pest. Und gegen Ende des Jahres starb auch des Försters Tochter. Einsam saß nun der alte Förster des Abends auf der Bank vor dem Hause und sann den Worten des Bergmännieins nach, welchen Zweck es von der Natur aus wohl haben könnte – das Kreuz in der Nuß.

Quelle: Franz Harrer, Sagen und Legenden von Steyr

Taterman erzählt Sagen

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