Das Mühlviertel- Von Falkensteinern, Wallseern und Oberhaimern

 

Nachdem im letzten Kapitel das eigentliche „Untere Mühlviertel“ alias Schwarzviertel historisch betrachtet wurde, gilt es nun, sich mit dem „Oberen“, dem eigentlichen Mühlviertel näher zu beschäftigen. Eigentliches Mühlviertel deswegen, weil hier die beiden Mühls (oder sagt man “Mühle”?) fließen, also die große und die kleine Mühl. Interessant ist, dass die kleine Mühl nicht in die große entwässert, sondern ihren eigenen Weg zur Donau nimmt. Man könnte daher auch das Mühlviertel als „Viertel beider Mühle“ (jetzt mal so…) bezeichnen.

Soweit, so gut. Die Abgrenzung rundherum scheint relativ einfach. Im Osten sind es der Haselgraben und die Rodel, im Norden die Staatsgrenze und die Moldau, im Süden die Donau und im Westen der Dantlbach. Schon einmal was vom Dantlbach (in anderer Schreibweise Dandlbach) gehört? Nein? Der Dantlbach ist das westliche Gegenstück zur March. Mit anderen Worten beginnt hier Österreich nördlich der Donau und bei der March endet Österreich nördlich der Donau. Und zur Thebener Ruine an der March gibt es hier am Dantlbach die Jochensteiner Ruinen als Gegenstück. Das Größenverhältnis Theben- Jochenstein ist genau so wie das Größenverhältnis March- Dantlbach. Zum Grenzbach ist der Dantlbach aber erst 1765 geworden, davor war es die Ranna weiter ostwärts. Damals wurde auch die Leithenmühle unterhalb der Ruine Neu- Jochenstein aufgegeben, ihre Reste sind heute noch zu sehen.

Was nun die Ostgrenze betrifft, so ist diese Sache gar nicht so klar. Sieht man sich etwa die Karte eines Georg Matthäus Vischer an, dann fällt sofort ein anderer Grenzverlauf auf. Denn laut Vischer gehört auch Freistadt zum Mühlviertel (wenn das die Freistadt- Memes wüssten 😉 ). Allerdings ist Vischers Karte sehr mit Vorsicht zu genießen und in diesem Falle ging er wohl er nach dem Machland (die Riedmark gehörte für ihn damit zum Mühlviertel). Dennoch fiel auch mir beim Erarbeiten der Burgen Reichenau und Riedegg im Schwarzviertel auf, dass diese beiden geschichtlich nicht so ganz zum „Schwarzviertel- Charakter“ passten. Zwei Namen sind da sofort ins Auge gestochen, die uns auch hier, im Mühlviertel nur zu oft begegnen werden. Es sind dies die Namen Starhemberg und Passau.

Kapitel 1.

Von Waxenberg und Passaus Burgen.

Noch heute thront die Burg Waxenberg über das Mühlviertel.

Über Starhemberg beziehungsweise die Starhemberger will ich mich vorerst eher weniger auslassen, bei Passau steht die Sache schon ganz anders. Denn ohne Passau lief im Mühlviertel im Mittelalter nahezu gar nichts. Da das Mühlviertel in unmittelbarer Nähe zur Dreiflüssestadt liegt, sind Besitzinteressen nicht weiter zu hinterfragen. Dazu kommt aber noch die Sache mit dem Roden. Das Gebiet zwischen Donau und Moldau war ein Urwald, wo nur einige wenige Adelige sich vortrauten. Eine Dynastie, die dieses tat, waren die Wilheringer- Griesbacher. Irgendwann in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts gründeten sie zwei Burgen, Rotenfels (von roden!) und Waxenberg (aus dem mittelhochdeutschen „steil abfallender Berg“). Vor allem in Waxenberg sollte sich eine gesicherte Herrschaft entwickeln, die dann schnell einige Interessierte fand. Hier begegnen wir erstmals den Schaunbergern, jenen (späteren) Grafen, die uns noch im Hausruckviertel beschäftigen werden. Klarerweise kamen dann auch die österreichischen Landesfürsten auf den Geschmack und so wurde Waxenberg österreichisch und war eine Grafschaft mit Landgerichtsbarkeit.

Passau ging hier quasi leer aus, aber von Aufgeben war keine Rede und so schickten Hochwürden eine recht schlaue Kleinadelsdynastie hier ins nördliche Gefilde, die sich dann sogar eine eigene Burg errichten und diese nach sich nenne durften! Die Rede ist von den Pibern, einem Passauerischen Adelsgeschlecht, das auch im Wiener Raum tätig war. So beerbte etwa Konrad der Piber 1231 einen Konrad Schwaber in Wien, der laut früherer Urkunden keineswegs unvermögend gewesen sein dürfte. Dieses und vielleicht einpaar andere „Transaktionen“ begünstigten den Pibern den Bau ihrer Burg Piberstein. Vischer, den wir ja schon vorhin ins Kreuzfeuer der Kritik genommen haben, hinterließ uns unter „Piberstein“ eine opulente Festung im „Mühlviertler Stil“ (Granitmauern). Wer Piberstein heute sieht, wird wenig davon erkennen, da das große „Feste Haus“ im 18. Jahrhundert abgetragen wurde.

Opulent, wenngleich leider nicht mehr zugänglich ist auch die ehemals passauerische Festung Pürnstein. Ihr Aussehen erhielt sie allerdings durch die Starhemberger, die die Burg als Lehen vom Bischof nahmen. So schließt sich wieder der Kreis.

Kapitel 2.

Von den Falkensteinern und ihrem mysteriösem Nicht- Aussterben.

Eine Schießscharte im Wasserturm von Falkenstein.

Passaus Interessen waren also durchwegs präsent, auch deswegen, weil die Bischöfe hier gefügige Ministeriale hersetzten, die das Gebiet rodeten und dem Bischof somit Gebietsgewinn einbrachten. Dass diese Ministeriale bald dem Bischof zu manches „Augenbrauenzucken“ bewegten, ist eine andere Sache. Und dass diese Herren durch geschickte Heiratspolitik gerne mal in die Reichspolitik sich einmischten oder ihre materielle Herrschaft eine derartige Rolle spielen sollte, soll auch nicht verleugnet werden. Wenngleich, in diesem Falle noch nicht das letzte Wort gesprochen wurde.

Die Rede ist von Falkenstein im Rannatal, einer stark verfallenen Ruine, deren Geschichte zunächst einmal mit einem verirrten Falken beginnt, der einem „Peilsteiner“ gehörte. Wer diese „Peilsteiner“, die nicht ident mit den Mostviertler Grafen von Peilstein sind, waren, mag eine andere Geschichte sein. Jedenfalls büxte das Tier aus und wurde auf einem Felsen gefunden, der dann den Namen „Falkenstein“ erhielt und mit einer Burg versehen wurde. Die Falkensteiner hatten allerdings bald selbst die helle Not, in diesem Urwalddickicht zurecht zu kommen. So auch an einem nebligen Novembertag, wo dem Falkensteiner nur noch das Gebet übrig blieb. Und er wurde erhört! Auch Ihro bischöfliche Gnaden zu Passau zeigten sich derart erfreut (über die Rückkehr des Falkensteiners oder den Wunsch, ein Kloster zu gründen?), dass man schon bald Zisterzienser her holte und diese begannen, sich hier häuslich ein zu richten.

Urkundlich belegt ist dieser Gründung übrigens nicht. 1204 wird erstmals das Kloster genannt beziehungsweise sein Kellermeister und zwar in den Reiseberichten Wolfgers von Erla, des damaligen Bischofs von Passau. Da dieser in einer steirischen Urkunde vorkommt, dürfte das Gebiet sich damals auch schon Richtung Österreich orientiert haben, wenn auch nicht lange. Nach einer zweiten Nennung anno 1209 schweigen die Berichte. Angeblich habe ein kalter Winter und die doch recht unwirtliche Lage (über die es heute nur mehr Spekulationen gibt!) zum Scheitern des Projekts geführt.

Die Falkensteiner gaben aber nicht auf und fragten die Prämonstratenser und die sagten „Ja“, siedelten sich an und gründeten ein Kloster, das den Namen „Schlägl“ erhalten sollte. Es besteht noch heute.

Wilde Spekulationen gibt es über das Aussterben der Falkensteiner. Die Geschichtsschreiber des 19. Jahrhunderts behaupteten, dass die Burg über die Tochter des letzten Falkensteiner an die böhmischen Rosenberger ging. Das mag nicht unbegründet sein und tatsächlich gibt es einige Urkunden, die auf Rosenberger Besitz im Rannatal hindeuten. Überdies wäre der Plan, das böhmische Imperium bis an die Donau aus zu dehnen, durchaus denkbar gewesen. Zawisch von Rosenberg, der 1285 die Witwe Přemysl Ottokars heiratete (woraufhin diese einige Monate später starb) ist der perfekte Potentat für einen derartigen Plan. Doch genau hier gibt es ein kleines Problem. Es besteht in der Nennung verschiedener Falkensteiner nach 1220, wo die Rosenberger ja eigentlich Herren gewesen wäre. Zu allem Unglück haben diese „jüngeren“ Falkensteiner sogar noch die gleichen Namen, wie die „älteren“? Und unbedeutend waren sie auch nicht, gehörte ihnen doch bis ins 14. Jahrhundert ein Teil der Burg Rannariedl. Was tun?

Nun, genau hier wird die Geschichtsforschung nochmals Arbeit leisten müssen. Und das tut sie auch! In Bälde, zumindest.

Kapitel 3.

Von Albrecht I und den mächtigen Wallseern.

Im Keller der Ruine Oberwallsee.

Ich will an dieser Stelle ich darauf hinweisen, dass um 1250 das Mühlviertel nur zum geringen Teil österreichisch war. 1242 mischte sich aber Herzog Friedrich II. “der Streitbare” in Angelegenheiten rund um das Stift Schlägl ein. Lediglich den Osten, wo die Starhemberger und die Grafen von Schaunberg Besitz hatten, könnte man als „österreichisch“ sehen, da diese beiden Sippen sich dem österreichischen Herzog unterwarfen. Bei den Schaunbergern wird es allerdings nochmals anders werden und zwar schon recht bald. Im Westen regierte Passau mit seinen Ministerialen, eine klare Grenze bestand zeitweise in der großen Mühl!

Dann kam Herzog Albrecht I., der älteste Sohn Rudolfs I. von Habsburg und änderte die Situation grundlegend. Eine Fehde mit dem bayrischen Herzog nutzte Albrecht geschickt, um das obere Mühlviertel (zumindest bis zur Mühl, der Rest ist Spekulation!) in seine Tasche zu bringen. Falkenstein und Tannberg dürften dabei gewaltsam erobert worden sein, ihre Herren beließ man aber dort. 1292 entriss Albrecht den Schaunbergern die Grafschaft Waxenberg, das ab nun ein österreichisches Lehen war. Passau musste dabei tatenlos zusehen.

Im Donautal blieb der Konflikt allerdings bestehen, denn hier konnte Albrecht nur wenig bewirken. Die Schaunberger, nun mit Passau eher verbündet, bekamen 1319 vom Bischof das heutige Neuhaus an der Donau (der Name ist eine Anlehnung an die Passauer Feste Oberhaus), dann auch die Burg Rannariedl und versuchten von dort und ihrem Gebiet, dem heutigen Hausruckviertel (über das wir auch noch reden werden) aus sich gegen die Habsburger zu behaupten.

Albrecht I. erkannte recht schnell, dass er diese Schaunberger nicht nur mit militärischen Waffen schlagen könnte, vielmehr bräuchte es da schon eine längerfristige Taktik, um sich hier durch zu setzen. Und Albrecht fand eine Lösung, indem er ein neues Geschlecht hier ansetzte. Dies waren die Wallseer.

Die Wallseer werden uns noch öfters erscheinen, da sie im gesamten österreichischen Raum einen großen Einfluss ausübten. Das ursprünglich schwäbische Geschlecht war mit den Habsburgern nach Österreich gekommen und wurde von diesen bald überall dort eingesetzt, wo Widerstand war. So auch im Mühlviertel.

Hatte Albrecht 1292 Waxenberg den Schaunbergern weg genommen, so vergab er es nun als Lehen an die Wallseer, die damit erstmals hier Fuß fassen konnten. Bald schon kamen weitere Herrschaften hinzu, so um 1360 (das genaue Datum ist nicht ganz bekannt!) Falkenstein und 1375 Rottenegg, das vorher den (schlauen) Pibern gehört hatte. Da sich nun immer mehr ein Konflikt mit den Schaunbergern anbannte, machte Herzog Rudolph IV. „der Stifter“ einen besonders pfiffigen Zug. Er erlaubte den Wallseern, eine neue Feste zu bauen, die durch ihre Lage (gegenüber von Schaunberg), ihr Aussehen (ein sichtbar mächtiges Bauwerk) und ihren Namen (Oberwallsee, zur Unterscheidung von Niederwallsee bei Amstetten) die Schaunberger provozieren sollten. Diese antworteten mit einer Wasserspeierfigur am Bergfried ihrer Burg Neuhaus, die ihr Hinterteil (wo das Wasser herausrinnt!) gegen Wien zeigt. Es kam zu der Situation, die in einem solchen Fall kommen musste, nämlich zur „Schaunberger Fehde“, die letztendlich mit einem Sieg der Wallseer und Habsburger endete, die Schaunberger waren ab nun nur noch Lehensnehmer der Habsburger.

Kapitel 4.

Von diversen Streitereien, der Nixe Lilofee und einem geharnischten Ritter mit nackten Beinen.

PD_49_File_012

Wo die Nixe Lilofee badete… Bei der Quelle im Wasserturm Falkenstein.

Und Passau? Nun, Passau warf sicher einen interessierten Blick in diese Richtung, hatte allerdings auch im oberen Donautal einiges zu bewältigen. So etwa um 1270 auf Burg Marsbach, wo ein bizarrer Familienkonflikt stattfand. Überhaupt wurde im oberen Donautal gerne gestritten, vor allem, wenn es um die Donaumaut ging.

Diese Streitereien sind bis ins Spätmittelalter feststellbar, wo uns nun die Oberhaimer begegnen. Die Wallseer sind 1483 ausgestorben, ihre Burg übernehmen- so kanns gehen- die Schaunberger. Waxenberg hatte zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Pfandnehmer hinter sich, darunter die Liechtensteiner und Schallenberger, deren Stammburg sich unweit von Oberwallsee, Neuhaus und Pürnstein befand.

Zurück zu den Oberhaimern. Diese hatten 1440 von den Wallseern Falkenstein übernommen, später kam auch noch das passauerischen Marsbach hinzu. Schnell konnten die Oberhaimer einen gewaltigen Besitz anhäufen und diesen investierten sie in einen Wasserturm, der neben der Burg Falkenstein errichtet wurde. 1489 war der Bau fertig. Um diesen Wasserturm rankt sich die Sage von der Nixe Lilofee. Othmar der Oberhaimer soll sich auf dem Rückweg von der Kaiserpfalz am Rhein in eine wunderschöne Frau, die aber eine Nixe war, Lilofee mit Namen, verliebt haben. Sie war bereit, mit ihm auf seine Burg zu ziehen, aber nur unter der Bedingung, dass sie jede Vollmondnacht allein im Wasserturm verbringen durfte. Das ging auch lange Zeit gut, bis Othmar doch zum Spanner wurde und nachschaute. Er sah seine Frau am Wasser sitzen, aber statt Füßen hatte sie eine Flosse. Daraufhin verschwand die Nixe Lilofee für immer und Othmar hatte das Nachsehen.

Tatsächlich dürfte es den Oberhaimern schon bald nicht mehr vergönnt gewesen sein, auf Falkenstein zu residieren. 1490 ging die Burg an die Prüschenkbrüder, 1491 nistete sich Oberhaimer auf Burg Haichenbach (in der Schlögener Schlinge) ein und begann von dort aus, das Donautal zu terrorisieren. Aber irgendwann endete auch dieser Spuk. Der Burgherr sollte vom Teufel geholt werden, so die Sage. Als der Bischof von Passau „seine“ Schätze zurückholen wollte, trugen zwei Teufel die Schatzkisten auf die Boote. Schon wären sie sogar mit nach Passau gefahren, als den verängstigten Schiffersleuten einfiel, zu beten. Nachdem der Name „Gott“ gefallen war, sprangen die verängstigten Teufeln vom Boot und verschwanden mit einem Zischen. Damit dürfte auch das Fehdewesen im Donautal und im Mühlviertel geendet haben. Aber bis heute erscheinen verschiedene „arme Ritter“ so manchen Wanderer. Vor allem in den zahlreichen Wäldern kann es schon sein, dass eine derartige Figur auftaucht.

So erzählte eine alte Mühlviertler Bäuerin, dass sie in einem Wald einen geharnischten Ritter mit nackten Beinen gesehen hatte, der auf den Knien durch den Wald rutschte. Die Knie waren schon völlig wund und hinterließen eine blutige Spur. Als die Bäuerin schon ganz nahe gekommen war, bemerkte sie der Ritter und verschwand. Nur die blutigen Spuren am Boden waren noch zu sehen, aber auch die versickerten merkwürdig rasch und waren ebenso schon bald darauf nicht mehr zu sehen.

Wer weiß, vielleicht begegnet ihnen oder uns auch einmal eine solche Figur. Raubritter und Streithansel ritterlicher Art hätte es ja genug gegeben…

Finis.

Empfehlenswerte Literatur:

Friedrich Wimmer, WAXENBERG hat Geschichte-hat Kultur

Kommentare sind geschlossen.