Das Mostviertel – Die Wiege Österreichs?

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Nachdem wir uns bis dato westlich der Enns aufgehalten haben, überqueren wir nun diesen Fluss und betreten Österreich unter der Enns, besser bekannt als Niederösterreich. Genauer gesagt, geht es nun in das größte Viertel unserer Reihe, wenngleich zumindest die Ostgrenze nicht ganz genau definiert ist. Wir befinden uns also im Viertel Ob dem Wienerwald. Juhuu!

Bleiben wir noch kurz im Osten und diskutieren diese Problematik, auch wenn wir damit sprichwörtlich mit der Tür ins Haus oder in diesem Fall mit dem Fuß ins Viertel fallen. Früher hieß es, die Traisen wäre die Grenze gewesen, das wurde aber schnell wieder revidiert. Dabei lieferte bereits Georg Matthäus Vischer mit seiner Landkarte und seinen Stichen eine klare Antwort.

Vor allem die Bezeichnung „Viertel ob dem Wienerwald“ sieht sehr wohl die Wienerwaldgrenze als Grenze zwischen Industrie- und Mostviertel. Doch Wälder wurden gerodet und daher änderten sich ihre Grenzen. Insofern wurde hierbei die Gosse Tulln als Grenze ausgemacht. Das war sie übrigens schon um 880, wenngleich sie da als Grenze zwischen den Bayern und den Slawen fungierte. Damit haben wir ein riesiges Gebiet, das sich von Enns bis Tulln erstreckt. Grob gesehen, lässt sich das Mostviertel in fünf Teile gliedern:

  • Unteres Mostviertel: Das ist das Gebiet von der Tulln bis zur Traisen, das relativ flach ist.
  • Mittleres Mostviertel: Hier geht’s von der Traisen bis zur Erlauf (mit den Flüssen Pielach und Melk dazwischen), das teilweise auch als Alpenvorland gesehen wird. Im Norden sorgen Dunkelsteinerwald und Hiesberg dank ihres Granitgesteins für ein bisschen Waldviertel- Stimmung.
  • Oberes Mostviertel: Das ist das typische Kernland des Mostviertels zwischen Erlauf und Enns.
  • Gölsen-, Traisen- & Pielachtaler Berge: Damit ist der Alpennordrand von Hainfeld bis Kirchberg gemeint.
  • Eisenwurzen: Damit ist das alpine Gebirge zwischen Erlauf- und Ennstal gemeint. Dieses Gebiet ist geprägt von hohen Bergen, schönen Flüssen und wenigen Ansiedlungen.

Kapitel 1.

Vom Vater der Mostviertler und der Sprache des Mostviertels.

Der Ötscher, hier von Rainberg aus gesehen.

Überragt wird dieses Gebiet vom Ötscher, dem mächtigsten Berg des Mostviertels, der wie eine Gottheit über alles andere steht. Der Ötscher ist der Vater des Mostviertels, so erzählt man noch heute und tatsächlich leitet sich das Wort „Ötscher“ aus dem slawischen und bedeutet so viel, wie „Gevatter“. Der Ötscher ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert und war im Volksmund seit jeher Anlass für verschiedene Sagen. So soll in einem unterirdischen See Pontius Pilatus (mit anderen üblen Zeitgenossen) auf das jüngste Gericht warten, die Ötscherhexe das Wetter von ganz Niederösterreich zaubern (was teilweise auch stimmt, der Ötscher ist für das Wetter der Region maßgeblich), und in den zahlreichen Ötscherhöhlen so mancher Schatz vergraben sein.

Die zahlreichen Ötschersagen gelangten übrigens an den Hof Kaiser Maximilian II. Und der zögerte nicht lange und schickte 1574 seinen Hofbotaniker Charles de l’Écluse (Carolus Clusius) auf den Ötscher zu Forschungszwecken. 18. Jahre später unternahm Richard Streun von Schwarzenau erneut eine Besteigung und erforschte dabei auch die Ötscherhöhlen. Sein Bericht gehört zu den interessantesten Reisedokumenten jener Zeit.

Der Name des Ötschers ist, wie bereits erwähnt, slawischer Abstammung, wie auch viele andere Namen. Vor allem die Flüsse, Ybbs, Erlauf, Melk, Pielach und Traisen beziehen sich auch auf diesen Ursprung, während die meisten Ortsnamen bayrischen Ursprungs sind.

Bayrisch geprägt ist auch der Mostviertler Dialekt, wenngleich er (wie alle Dialekte) seine Eigenheiten hat. Geht es etwa um die Wochentage, so wird man folgende im Mostviertel hören:

Maura (Montag) // Iera (Dienstag) // Midecha (Mittwoch, nur im Oberen Mostviertel) // Pfingsta (Donnerstag) // Freida (Freitag) // Saumsta (Samstag) // Sunda (Sonntag)

Statt Gießkanne ist vom „Spritzkruag“ die Rede, eine „schöweankate Hittn“ ist ein schiefes Haus, nicht aber der „Lahmstodl“ ein Bauwerk, sondern eine Pflanze (Sauerampfer), ein alter verwirrter Mensch ist ein „Waugl“, „moarigriawen“ das unsegliche Grenzsteinversetzen, der Wacholder wird „Kranawettn“ genannt und die „Dengl- Goas“ ist….ähh jaa, eine Vorrichtung zum Sensendengln, also zum Sensen schärfen.

Interessant sind auch die geographisch- qualitativen Äußerungen: So fährt man „owe noch Wean“ (runter nach Wien, das der klassische Mostviertler so gar nicht mag), „auffe noch Linz“ (hinauf nach Linz, das beim Mostviertler sehr beliebt ist), „ume ins Woidviatl“ (hinüber ins Waldviertel, das vom Mostviertler nicht weiter bewertet wird) und „eine noch Maria Zö“ (hinein nach Maria Zell, das neben dem Sonntagberg DER Wallfahrtsort der Mostviertler ist).

Geprägt wird die Landschaft übrigens von „Preßhittn“ (Keller- oder Preßhäusern zum Mostpressen) und „Dirrhaisln“ (Dörrhäuser zum Obstdörren).

Kapitel 2.

Von den Persönlichkeiten des Mostviertels.

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Schreckenwalds Rosengärtlein.

Geprägt ist das Mostviertel aber auch von seinen Persönlichkeiten, die seit dem Mittelalter hier „wirkten“. Viele Sagen und Legenden haben sich erhalten und nicht immer berichten sie über gute Taten. Am bekanntesten sind da die Kuenringer, die auf ihrer Burg Aggstein eine Schreckensherrschaft errichteten, eine Donausperre errichteten und die Wachau ausplünderten, so erzählt es die Sage. Als Hunde vonKunenring (Hademar III. und Heinrich III.) sind sie in die Geschichte eingegangen. Die Realität ist hierbei aber eine ganz andere: Aggstein wird erst 1256 erstmals urkundlich genannt und die Sage wurde erst um 1320 im Stift Zwettl aufgezeichnet, wo man um 1230 den Kuenringern eher feindlich gegenüber gestanden war. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass Aggstein mindestens fünf Mal im Besitz von Aufständischen war, wenngleich davon drei im 15. Jahrhundert auf der Burg saßen, zu einer Zeit, da mehr oder minder alle Adelige mindestens einmal Aufständische waren. Am bekanntesten ist hier Scheck von Wald, der 1430 Aggstein erhielt und die Burg nach vieljährigem Verfall wieder aufbaute. Doch Scheck, bald Schreckenwald genannt, hatte eine düstere Schlagseite, die in forma des Rosengärtleins bestand. Diese relativ kleine Plattform diente Schreckenwald, um seine Gefangenen aus zu setzen. Wer kein Lösegeld bezahlt, hatte die Wahl, entweder zu verhungern oder zu springen. Aber auch hier hat ein Kloster massiven Einfluss auf die Realität gehabt, dieses Mal das Stift Melk, dessen Einnahmen durch Scheck massiv beeinträchtigt wurden. Es ging also ums Geld, was sonst?

Schreckenwald war aber nicht der einzige suspekte Zeitgenosse zu jener Zeit. Da gab es auch noch Pankraz von Plankenstein, der ungeheure Machtfülle wie kaum ein anderer hatte und diese auch redlich ausnutzte. Als Teil des Mailberger Bunds wurde er sogar von Papst Nikolaus V. exkommuniziert. Als Vormund des jungen Ladislaus Posthumus geriet Pankraz in Konflikt mit Kaiser Friiedrich III. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Beschwerde Herzog Friedrichs „des Sanftmütigen“ von Sachsen, dass der Plankensteiner ihn anno 1454 Pferde gestohlen hätte, just zu dem Zeitpunkt, als Pankraz den jungen Ladislaus in Prag begleitete. Der Pferdedieb Pankraz baute seine Burg aus (die bekannte Wendeltreppe stammt aus dieser Zeit), versöhnte sich mit Kaiser Friedrich III. und borgte ihm die gewaltige Summe von 6.000 Dukaten. Hochgeehrt starb Pankraz 1465 und wurde in St. Michael zu Wien beigesetzt. Ein zweiter (!) Grabstein ist in Kirnberg zu bestaunen.

Es gibt aus dieser Zeit aber auch ruhigere Zeitgenossen, wie Hanns von Trennbeckh, der anno 1468 im unzarrten Alter von 115. Jahren (!!!) vom Pferd flog und starb. Trennbeckh war 1450 heimlich Laienbruder in der Kartause Gaming geworden (zuvor war er Rat der bayrischen Herzöge) und hatte 18. Jahre in der Kartause verbracht, bis er eben vom Pferd flog.

Um die gender studies  zu beruhigen, sei hierbei Adelheid von Reinsberg erwähnt, eine Power- Frau des 13. Jahrhunderts. Adelheid war mit Engelschalk von Reinsberg verheiratet und verwaltete nach dessen Tod, 1268, den Besitz der Reinsberger bis zu ihrem Tod 1315, also 47. Jahre! In dieser ungeheuer langen Zeit legte sie sich mit diversen Lehensherren an, darunter Freising, Regensburg und die Habsburger. Aber kein einziger konnte Adelheids Ansprüche revidieren. Adelheid warf das Gesellschaftsbild dementsprechend um, sie hatte männliche Pfleger (!) und änderte sogar ihr Wappen. Eine ungewöhnliche Persönlichkeit also.

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Von den Zinnen der Burg Reinsberg blickte Adelheid auf ihre Konkurrenz, darunter auch den öst. Herzog. Heute weht friedlich die öst. Fahne auf der Ruine…

 

Kapitel 3.

Von den ersten Babenbergern und den Sieghardingern.

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Nebel zieht durch die letzten kargen Reste der Burg Peilstein…

Ungewöhnlich sind auch die Besitzverhältnisse im Mostviertel und eines gleich vorweg: nicht alles gehörte den Babenbergern, das zeigen ja schon die zahlreichen Streitpartner von Adelheid. Und dennoch gilt das Mostviertel als Wiege Österreich, als Urkeim, als 996 genanntes „Ostarrichi“, als Ausgangspunkt für die Babenberger. Wieso ist das so?

Nun, damit begeben wir uns ins Jahr 976, als ein neuer Markgraf namens Leopold (oder Liutpolt) diese Gegend erricht. Er hatte bereits einen Vorgänger namens Burchard, der aber in einen Aufstand gegen Kaiser involviert war und somit seines Amtes enthoben wurde. Leopold kam also hierher und fand…nichts. Urwälder beherrschten die Mark, die sich in etwa zwischen Ybbs und Traisen erstreckte.

Leopold herrschte also über ein schönes Waldstück, wo höchstens einpaar römische Ruinen zu sehen waren. Einzig Pöchlarn schien als Residenz gelegen. Doch Pöchlarn gehörte zu Regensburg. Leopold und seine Nachfolger mussten sich zunächst also mit den kirchlichen Instanzen (Regensburg, Passau und Salzburg) verständigen, die seit der Karolingerzeit hier begütert waren. So besaß das Kloster Niederaltaich einen großen Anteil an der Wachau, zu dem auch Spitz und Aggstein gehörten. Vögte dieses Klosters waren die bayrischen Herzöge. Aber auch Freising erhielt diverse Besitzungen, so bereits im Jahr 995, als Bischof  Gottschalk von Freising durch Otto III. sechs Königshufe in „Zudamaresfelt“ erhielt. 996 folgte eine zweite Schenkung, die Neuhofen an der Ybbs an Freising brachte und in der erstmals das Wort „Ostarrichi“ vorkam. Bis 1803 waren diese Herrschaften Freisinger Gebiet und somit von der österreichischen Landeshoheit ausgeschlossen. Auch nicht „österreichisch“ war Sankt Pölten, das sich seit jeher im Besitz von Passau befand und ebenfalls erst 1803 österreichisch wurde.

Das war aber erst der kirchliche Teil, mit dem Leopold sich arrangieren musste. Da gab es auch noch einen weltlichen Teil. Und genau da gab es die Sieghardinger, ein seit Karolingerzeiten bedeutendes Adelsgeschlecht. Nun berichtet die Melker Chronik (um 1150 entstanden) von einem „Siho“, dessen Burg, die Eisenburg, dem Markgrafen Leopold so gut gefiel, dass er sich diese kurzerhand eroberte und Siho vertrieb. Nun haben einige Schriftexperten aber etwas bemerkenswertes hervor gebracht: Der Name Sihos wurde im 14. Jahrhundert ausgebessert! Warum? Nun, das kann nicht gesagt werden. Viele Jahrzehnte gab es verschiedene Schreibweisen des Namens: Sitzo, Sizo, Sido (wenn das der Rapper wüsste!), Sicho. Erst jüngst konnte Siho als „korrigierte“ Bezeichung erforscht werden.

Siho war weg, Leopold war da, die Eisenburg war seine Residenz ab diesem Zeitpunkt und sollte es auch für 100. Jahre bleiben. Erst Leopold II. „der Schöne“ zog dann nach Gars und machte aus der Eisenburg ein Stift, das heutige Stift Melk. Einige Babenberger wurden hier beigesetzt, konkret konnten die Gebeine von Adalbert und Ernst gefunden werden.

Und die Sieghardinger? Die scheinen ab 1100 in der Gegend urkundlich auf und nannten sich ab da „Grafen von Burghausen- Peilstein- Schala“. Über Burghausen und Schala (= Schallaburg) brauch ich wohl nicht viel zu sagen, Peilstein ist da schon unbekannter. Diese Burg lag am Südhang des Hiesberges, ist aber seit dem Spätmittelalter verfallen. Nun regierten diese sieghardingischen Grafen über ein riesiges Gebiet, das sich zwischen Pielach und Ybbs befand! Zahlreiche Gefolgsleute lassen sich ab dem 12. Jahrhundert nachweisen, darunter die Ellinger, Plankensteiner, Schlattener,  Schö….., Sichtenberger und noch viele andere. Nun starben aber die verschiedenen Zweige aus, woraufhin verschiedene Erben auftraten. Großteils waren es die Babenberger, aber etwa beim Burghausener Zweig, der um 1168 erlosch, ging fast die gesamte Ritterschaft zu den Grafen von Plain über, die durch Heirat Haupterben geworden waren. 1218 starb das letzte Mitglied der Peilsteiner, eine Gräfin Euphemia von Peilstein stellte noch 1236 eine Urkunde im Turm ihrer Burg aus, in dem sie sich krankheitsbedingt zurück gezogen hatte. Neben den Babenbergern fungierten auch der Bischof von Freising als  Profiteur sieghardingischen Besitzes, so gehörte ab 1218 Waidhofen an der Ybbs zu Freising.

 

Kapitel 4.

Von den mittelalterlichen Literaten des Mostviertels.

Um 1200 war im Mostviertel und da vor allem in Melk ein literarisches Zentrum. Das begann schon um 1100 mit der ersten weiblichen Dichterin des deutschsprachigen Raums, Ava von Melk. Ava, sie lebte wohl in Melk, dann in Göttweig (wo sich ein Gebäude namens Ava- Turm befindet! Zweite Bezeichnung: Eselshaupt) und schrieb mehrere christliche Gedichte, darunter eines über das jüngste Gericht. Ava starb 1127 (nähere Infos siehe hier), um 1160 ist ein Heinrich von Melk bekannt, der ein mittlehochdeutsches „memento mori“ („Von des tôdes gehugede„) und eine sehr kritische Abfassung über das Priesterleben verfasste.

Manche Forscher sieht in dem Minnesäger „Der von Kürenberg“ übrigens einen Sieghardinger, der sich nach Kirnberg an der Mank nannte, was allerdings spekulativ bleiben muss. Wesentlich interessanter ist in diesem Zusammenhang die Entstehung des Nibelungenliedes. Auch Melk (oder Göttweig) gehört zu den potentiellen Ursprungsorten des Epos. Interessant ist, wie Mostviertler Orte im Gedicht vorkommen. So steht bei Melk etwa:

So heißts bei Pöchlarn:

Die Fenster an den Mauern | sah man offen stehn;                                                               

Man mochte Bechelaren | weit erschlossen sehn.

und bei Melk steht:

Ein Wirt war da gesessen, war Astold genannt,                                                                            

Der wies ihnen die Straße ins Österreicherland

Eine offene Burg und ein sympathischer Wirt, das sind also zwei sehr charismathische Merkmale des Nibelungenlieds, das im Mostviertel sehr wohl Spuren hinterlassen hat. Nicht weniger charismathisch war jener Minnesänger, der um 1230 hier einen Alterssitz bekam: Neudhart von Rheuental, seines Zeichens Liebhaber schöner Bauernmädchen, wofür er von deren Liebhabern, meist Knechten, so manche Schelle erhalten hat. Neidhart ist der erste sozialkritische Autor, er jammerte gerne, galt aber als viel beachtet und erhielt deswegen von den Babenbergern einen Alterssitz in Melk, wo er um 1245 starb. Neidhart gab übrigens die Bauernmädels (mit Konsequenzen) nicht auf, in einem Gedicht etwa meinte er: ,,owê, wer brâhte in ie von Sante Lîenharden her?“ (Verflucht [Anm.:Auweh], wer brachte ihn mir von Sankt Leonhard nun her?). Aber in diesem Fall hatte Neidhart Glück, er fand Zuflucht beim Ritter von S., so erzählt er in einem Lied.

Kapitel 5.

Von einer Quellenlücke, diversen Streitereien (um Birnenbäume) und einem bewundernswerten Burgenforscher.

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Auch Burg Jeßnitz (hier nicht mehr sichtbar) wurde von H. Pöchhacker erforscht… Plan unter http://www.imareal.sbg.ac.at/noe-burgen-online/tl_files/bilder/Mostviertel/jessnitz_714/jessnitz_714_plan_poechhacker.jpg

Nach 1230 nimmt die Quellenmenge rapid ab, es beginnt die dunkle Zeit.  Kaum wo werden Ritter genannt, viele verschwinden für immer aus den Annalen. Auch literarische Quellen sind nicht zu finden. Friedrich der Streitbare und das österreichische Interregnum sind der Hauptgrund dafür. Erst um 1260 endet diese dunkle Zeit und ab da häufen sich die Urkunden.Viele Burgen, die im gebirgigem Raum (etwa südlich von Purgstall an der Erlauf) liegen, werden erstmals genannt. Doch die Ritter begannen schnell zu streiten.

Nach 1290 kam es erneut zu einem Adelsaufstand, nun gegen König Albrecht I., der von Konrad von Sommerau und Leutold von Kuenring geführt wurde. Albrecht I. konnte schnell diesen Aufstand niederschlagen, Leutold musste Spitz, Wolfstein und wohl auch Aggstein hergeben, Konrad verlor überhaupt all seinem Besitz, darunter seine Stammburg Sommerau, die Sindelburg, Seisenegg und Freyenstein. Wie auch im Mühlviertel setzte Albrecht auch hier die uns wohl bekannten Wallseer ein, die sich anstelle der Sindelburg eine neue Burg errichteten. Heute steht dort das Schloss Niederwallsee.

Die lokalen Ritter erlitten großteils im 14. Jahrhundert ihren Niedergang. Grund dafür waren schon erwähnte Streitigkeiten, die oftmals zu höchst pradoxen Lösungen führten. So wurde etwa die Burg Liebegg bei Scheibbs zwischen zwei streitenden Erben geteilt:

Eine fensterlose Mauer sollte „durch daz haus und durch die chuchel“ gezogen werden, wobei jeder der beiden Parteien einen Turm erhielten. Geteilt wurde dabei auch der Baumbestand, ja sogar Birn- und Kriecherlbäume wurden exakt geteilt. Lange hielt diese Teilung übrigens nicht, denn Herzog Albrecht II „der Weiße“ gründete 1330 nach einem überlebten Giftanschlag, weswegen er teilweise gelähmt war (weswegen ihn die Mostviertler bis heute als „hatscherten Bertl“ bezeichnen), ein Kartause in Gaming. Verdrossen von den Streitschlichtungen, schenkte er eine Burg nach der anderen der Kartause, die auf ihrem Grund keine Burgen duldeten und so eine nach der anderen niederreißen ließen.

Viele dieser einistigen Burgen sind oder waren als mächtige Erdwerke erhalten. Viele hat die Agrarrevlution des 20. Jahrhunderts vernichtet (immerhin wurde etwa beim Zerstören des Schafferfelder Burghügels Bilder gemacht, siehe hier). Im Bezirk Melk und Scheibbs wurden großteils alle Burghügeln vor ihrer Zerstörung aufgezeichnet, um so zumindest einen planmäßigen Eindruck zu bekommen. Dieses sehr umfangreiche Werk schuf Herbert Pöchhacker. Pöchhacker, eigentlich Schlosser von Beruf, verbrachte einen Großteil seiner Freizeit mit der Vermessung und Erforschung der Burgen im Bezirk Scheibbs, später dann auch Melk. Seiner Pionierleistung ist der Umstand zu verdanken, dass wir über die Burgen im Bezirk Scheibbs sehr gut informiert sind. Leider wurden seine Forschungstätigkeiten mit einem Schlag (im wahrsten Sinne des Wortes) beendet: 1990 erlitt Pöchhacker einen schweren Arbeitsunfall und starb an den Folgen, sein Band über die Burgen im Bezirk Melk blieb ein Fragment.

Kapitel 6.

Von Türkenkriegen, einem prunkvollen Renaissancebau und einem Bauernkrieg.

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Die Türkenmauer in der Pockau sollte osmanische Streifscharen von einer Belagerung Gamings abhalten.

Kehren wir noch mal zurück zur Geschichte und blicken wir, was in der Neuzeit so los war. Grundsätzlich beginnt die im Mostviertel tragisch:

1529 und 1532 drangen osmanische Streifscharen tief ins Mostviertel ein. Viele Menschen wurden ermordet oder verschleppt, ganze Landstriche nieder gemacht. Die Kartause Gaming errichtete zur Abwehr eine eigene Mauer, die heute noch in der Rotte Pockau zu sehen ist.

400. Jahre nach dem Aufstand Konrad Sommeraus rebellierten die Bauern im Mostviertel gegen die harte Obrigkeit und den immer höheren Abgaben. Zahlreiche Adelige ließen sich zu jener Zeit bemerkenswerte Renaissancebauten errichten. Der bekannteste Bau ist zweifelsohne die Schallaburg mit ihren Terrakottaarkaden, die unterschiedliche Figuren und Szenarien darstellen. Aber so ein Prunkbau kostete und das mussten die Bauern bezahlen. Noch 1614 war eine Schuldenlast von 120.000 Gulden offen. Zum Vergleich: Die Rauber auf Plankenstein hatten 1556 eine Schuldenlast von 80.000 Gulden, ihre Herrschaft Krumau am Kamp wurde 1553 um 5.000 Gulden verkauft.

 

Der Bau neuer Anlagen kostete enorm viel Geld und genau das mussten die Untertanen bezahlen, was zu großen Spannungen führte. Und das (sowie weitere Steuerauflagen wegen der anhaltenden Türkenkriege) führte 1595 zum Aufstand der Bauern. Als im März 1597 der Prior von Gaming nach Scheibbs reiste, wurde er unvorzüglich im Scheibbser Schloss gefangen genommen. Gaming und Lilienfeld wurden geplündert, ebenso Schloss Perwarth und die Burgen Rabenstein und Weißenburg. Als Anfang April das Bauernheer St. Pölten belagerte, wurde es vom „Entsatzheer“ Wenzel Morahksys geschlagen. 3000 Bauern ergaben sich. Sie wurden allesamt grausam hingerichtet (Abbildung siehe hier).

Kapitel 7.

Von einem vergänglichen Prachtbau und diversen Alkoholgeschichten.

Die Baulust der Adeligen ging weiter. Noch einmal sollte ein großartiger Prunkbau á la Schallaburg errichtet werden und das gar nicht mal soweit weg. Wir befinden uns in Hohenegg, wo bereits um 1600 ein Renaissancebau errichtet wurde. 1631 erwarb Familie Montecuccoli die Burg.

Raimondo Montecuccoli, 1609 in Italien geboren, war der bedeutendste seiner Familie. Das hatte einen Grund: Im Jahr 1663 war nach fast fünf Jahrzehnten „Friede“ (dank großer Tributzahlungen) erneut ein Krieg zwischen dem Kaiser und den Osmanen ausgebrochen. Und wie schon 1529 und 1532 waren die Osmanen sehr bald in Ungarn und schon auf dem Weg nach Wien. Bei St. Gotthard- Mogersdorf standen den 50.000 Osmanen plötzlich 25.000 Mann entgegen, die hier ihr Lager hatten. Diese 25.000 Mann war die stolze Kaiserarmee schlechthin sowie einige französische Kontingente. Dreimal dürfen Sie raten, wer diese Armme leitete. Richtig, Montecuccoli!

Es kam zur Schlacht. Und Montecuccoli gewann sie. Als „Sieger von Mogersdorf“ ging er in die Geschichte ein. Und so ein Sieger brauchte ein großes, tolles Schloss. Hohenegg mit seinen neun Türmen, seinen großen Gemächern und seiner architektonischen Schönheit war geradezu ideal. Montecuccoli erweiterte die Herrschaft. Er kaufte noch drei benachbarte Herrschaften (darunter die Osterburg) hinzu.Durch seine Heirat mit Margareta von Dietrichstein kam ihm aber das größte (und für seinen Prunk wichtigste) Vermögen zu. Er errichtete die Vorburg und den siebengeschossigen Glockenturm.

Hohenegg wurde bald als „Perle Österreichs“ bezeichnet, ähnlich wie übrigens Windhaag bei Perg, nicht? Großartig war auch das Innere: Eine riesige Rüstkammer mit Ausrüstung für 600. Mann, 146 Gemälde und ein Weinkeller mit sage-und-schreibe 4000 Eimer Wein, das sind umgerechnet 224 000. Liter!  Kein Wunder, wenn man einerseits vom „Königreich Montecuccoli“ sprach und andrerseits oft sang:

„Hohenegg, du hohes Haus / Nüchtern rein, bsoffen raus“

Nun, irgendwann hatte dieser Prunk ein Ende. Alles begann 1680: Montecuccoli wurde im desolaten Linzer Schloss von einem Balken erschlagen. Ironie des Schicksals: Das Linzer Schloss steht heute noch teilweise, Hohenegg ist Ruine.

Schuld daran ist die Dachsteuer. Die Montecuccolis zogen 1756 ins Schloss Mitterau. Hohenegg wurde zunächst noch benutzt, verlor aber dann seine Bedeutung, ehe man auf die Idee kam, die Dachzigeln zu verkaufen. Ein Käufer war schnell gefunden: Das Stift Melk. Danach wurde die Burg regelrecht ausgplündert. Nur die starken Dachbalken blieben im Schlosshof liegen und vermoderten. Ein Abtransport wäre zu teuer gekommen.

Nach den Türkenkriegen 1683 (die das Mostviertel großteils verwüsteten), brachten die Reformen des 18. Jahrhunderts viele Neuerungen. Viele Klöster wurden aufgelassen, darunter die große Kartause Gaming und Stift Ardagger. Die Besitze wurden verteilt, einige Klöster verschwanden fast. Auch so manche Kirche wurde aufgelassen, darunter St. Cäcilia bei Böheimkirchen. Plankenstein hatte wiederum Glück. Da im Schlagerboden keine Kirche war und man laut kaiserlichem Patent nicht länger als eine Stunde zur Kirche gehen durfte, wurde die Burgkapelle um zwei Räume erweitert und eine Pfarre mit Schule (über der Kirche) eingerichtet. Die Freiherren von Tinti, Besitzer von Plankenstein hatten die Burg schon längst der konfortableren Schallaburg vorgezogen, lediglich der Wald blieb interessant. Hinter der Burg wurde um 1900 eine Jägervilla errichtet. Bis heute erzählt man die Geschichte von den betrunkenen Jägern, die nach Schallaburg zurückfuhren. Nur die Pferde hätten den Weg gewusst und die Betrunkenen sangen

Schallaburg und Plankenstein / Alles muss besoffen sein.

Wer hier eine (alkoholische) Verbindung zu Hohenegg sieht, der mag sich nicht irren. Heute ist aus der Jägervilla eine Event- Bühne geworden und es wird wieder gesungen, allerdings harmonischer und künstlerisch hochwertiger. So ändern sich die Zeiten…

Finis.

Empfehlenswerte Literatur

Hubert Bruckner, Mostviertlerisch von Aan bis Zwutschkerl

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