Das Mittelburgenland- Von unverschämten Steirern, verschwundenen Bauwerken sowie einem “Kultraum”

Wir überqueren die Rosalia (Sala’He) und das Ödenburger Gebirge mit seinen tiefen Gräben, ehe sich vor uns, von Norden kommend, eine neue Gegend auftut. Wie ein Tor öffnet sich eine Ebene mit einigen kleinen Bergen und einem mächtigen „Gebirge“ im Hintergrund.

Wir sind im Mittelburgenland angekommen, einer Gegend, die es eigentlich erst seit 1921 gibt. Geschaffen wurde sie aus der Begebenheit, da Ödenburg, welches die Hauptstadt dieses Bundeslandes hätte werden sollen, aufgrund einer Volksabstimmung bei Ungarn blieb, wodurch dieses neue Bundesland hier mit einer Breite von vier Kilometern den schmalsten Abschnitt seiner Fläche hat, ideal um eine Abgrenzung zu haben, die noch dazu auch geologisch gesehen natürlich ist, denn das Ödenburger Gebirge grenzt das Nord- vom Mittelburgenland eindeutig ab. Spätestens jetzt haben wir unsere Viertelreihe endgültig verlassen und sind am besten Weg, diese Reihe zu einer „Regionalgeschichte- Reihe“ zu machen.

Die Bezeichnung „Mittelburgenland“ ist zugegebenermaßen ein holpriger Name für diese Region, die eigentlich nur aus einem Bezirk besteht, nämlich Oberpullendorf (was- man verzeihe meinen Sarkasmus- ebenfalls etwas holprig klingt). Etwa 700 km² ist dieses Gebiet groß und an drei Seiten von Bergen umgeben: Im Norden sind es, wie bereits erwähnt, die Rosalia und das Ödenburger Gebirge, im Westen liegt das Landseer Gebirge vor der Buckligen Welt (und damit das eigentliche geschichtliche Gegenstück zum Mittelburgenland) und im Süden kündigen das Bernsteiner- und Günser Gebirge geschlossen das Südburgenland an. Wie von drei Mauern umgeben, ist dieses Land nur nach Osten hin offen, doch dort ist schon nach wenigen Kilometern die Grenze erreicht, die es bis vor fast 100. Jahren noch nicht gab.

Das ist die Ironie dieser Region: Grenzland war es schon seit Jahrhunderten, aber seine heutigen Grenzen- mit Ausnahme der Westseite- hat es erst im 20. Jahrhundert erhalten. Ob Ironie oder nicht, auf der Landkarte sieht diese Gegend ein wenig wie der Bauch der Burgenlandes aus (wenn man dieses Gebiet von Süden nach Norden betrachtend personifiziert).

Mit diesen einleitenden Worten möchte ich Sie nun auf eine geschichtliche Reise in diese Region einladen. Wir werden durch die Jahrhunderte von Nord nach Süd reißen, in einem Kultraum dann wenden und wieder noch einmal kurz nach Norden zurückkommen.

 

Kapitel 1

Von den unverschämten Steirern

Fährt man nun von Norden nach Süden, so wird bald rechts eine mächtige Anlage sichtbar, die uns sofort an Forchtenstein erinnert. Doch im Gegensatz zu dieser ist diese Anlage eine Ruine, aber noch immer so stolz wie einst, als sie noch bedacht in die Gegend blickte. Je mehr man sich ihr nähert, desto eindrucksvoller erscheint sie. Es ist die Ruine Landsee, eine der  größten Ruinen Mitteleuropas, ein wahrer Koloss, den wir in dieser Gegend grundsätzlich mal nicht vermutet hätten. Aber es gibt im Mittelburgenland noch einiges zu bestaunen.

Doch eines ist bei diesem Burgrest eigenartig: Es scheint fast so, dass  diese Feste aufgrund ihrer Bauweise gegen Osten und damit gegen Ungarn gerichtet ist. Der Eindruck täuscht nicht, wie wir bald merken werden.

Wir fahren von der Schnellstraße herunter und biegen nach rechts in Richtung der Ruine ein. Zuerst gehrt es durch den Ort Neudorf, dann geht es nach einer kleinen Mühle bergauf.

Wir kommen auf eine Hochebene,, rechts geht es zur Ruine, gerade aus zum Ort. Wir biegen rechts ab und treffen auf einen alten halbverfallenen, aber umso romantischeren kleinen Friedhof. Es geht nun zum ersten Burgtor.  Wir lesen die Jahreszahl 1668 sowie die Hausnummer Landsee 176, durchschreiten dieses barocke Relikt und betreten das zweite Tor. Über uns ist eine Pechnase, im Torhaus können wir Reste einer Wendeltreppe finden. Vor uns liegt wieder ein tiefer Graben, eine Brücke führt zum dritten Tor, hinter dem eine große Wiese liegt. Vor uns erhebt sich das „Hochschloss“ mit dem eigenartig geformten Bergfried.

Das vierte Tor begrüßt uns, es ist wieder barock, wir durchschreiten es ebenso und biegen links ab zum Hochschloss und durchschreiten das fünfte Tor und die Torhalle, ehe wir im kleinen Burghof stehen, der förmlich in den Himmel ragt. Drei Stockwerke hatte das Hochschloss. Uns fallen die vielen gotischen Türrahmen auf, die heute leer sind. Wir gelangen in die Küche, dem wohl sehenswertesten Raum der Ruine, da es sich um eine Rauchküche mit überdimensionalem Rauchfang handelt, der der den Raum überdeckte. Wir blicken in den Himmel.

Weiter geht es zum Bergfried, der heute eine herrliche Fernsicht bietet. Wir können hier wie kaum woanders das ganze Mittelburgenland erblicken. Und so wie wir auf diese Gegend und auf die Ruine blicken, blicken wir auch auf die Geschichte und die ist bei Landsee etwas kurios.

Bleiben wir mal beim Ausblick. Wir wären am Bergfried der Burg ja fast geneigt, den Burgnamen aufgrund dieser dahingehend zu interprätieren, als dass man hier so viel Land sieht, also Landsee vom viel Land sehen. Doch diese Interpretation ist falsch!

Das Wort Landsee kommt von der Landesehre und die bezieht sich hier nicht auf die ungarische, sondern auf die steirische Ehre!

Denn der erste Ritter von Landsee, ein Gottschalk, scheint 1158 unter steirischen Adeligen auf, ebenso der 1173 genannte Erchanger. Vermutlich waren diese Herren eine Nebenlinie der steirischen Stubenberger. Zu dieser Zeit gehörte auch die Bucklige Welt zur Steiermark, daher ist der „Grenzübertritt“ um so klarer, zumal im Grenzbereich generell Ritter verschiedener Kulturen residierten, eine Eigenheit der ungarischen Grenzpolitik. Noch dazu tobte um 1170 in Ungarn ein Thronstreit, der die ungarischen Könige ablenkte und so den Steirern einen derartigen Grenzgang erlaubte.

Wie lange sich hier die Stubenberger halten konnten, ist nicht ganz bekannt, 1222 jedenfalls war Landsee bereits Teil der ungarischen Krone und wurde vom König immer wieder vergeben.

Im Zuge der Güssinger Fehde eroberte 1289 Herzog Albrecht I. die Burg, gab sie aber im Hainburger Frieden wieder an Ungarn zurück, allerdings sollte die Burg abgetragen werden. In wie weit dies erfolgte, ist fraglich, zumal einige Meinungen diese Altburg gar nicht im Bereich der heutigen Ruine sehen, sondern am Klosterberg oder am Heidriegel. Tatsächlich sind auf beiden Bergen Mauerreste zu sehen, am Klosterberg war aber im 18. Jahrhundert ein Kloster- daher der Name-, welches wir uns später noch etwas näher ansehen.

Am Haidriegel wiederum sind ein Wall sowie ein eigenartiger Mauerrest- bestehend aus Trockenmauern- zu sehen, der sich zeitlich nicht einordnen lässt und damit ein Kuriosum darstellt.

Zurück zur Burg Landsee. 1438  übernehmen die Mattersburg- Forchtensteiner die Herrschaft, um sie kurze Zeit später den Habsburgern zu verkaufen. Ähnlich wie Forchtenstein wird Landsee nun de facto österreichisch, kommt aber zunächst an Matthias Corvinus, der die Burg wieder an den berühmt- berüchtigten Ulrich von Grafeneck weiter gibt. Ulrich war bekanntlich ein durchaus umtriebiger Söldnerführer, der mal für Kaiser Friedrich III., mal für Matthias Corvinus Partei nahm und für seine verwegenen Dienste großzügigst mit verschiedenen Burgen ausgestattet wurde. An Landsee dürfte der Grafenecker aber Gefallen gefunden haben, die gotischen Türstöcke im Hof gehen auf ihn zurück. Dem Grafeneck folgte Ulrich Weißpriach, der vor allem mit der Stadt Ödenburg stritt. Ulrichs Witwe Gertrud heuerte den Räuberhauptmann Franz Magutsch an, die Nachbarherrschaften zu überfallen. Landsee war damit ein Räubernest geworden. Dem Treiben von Magutsch konnte aber ein Ende gesetzt werden, Gertrud starb in Gefangenschaft.

1612 gelangte Landsee an die Esterházy und ist seither in deren Besitz, zu dieser Zeit wurde die Anlage noch einmal umgebaut, ehe sie im 18. Jahrhundert verfiel. Was blieb war eine imposante Ruine, die heute ihre ganz eigene Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die mit Steirern anfängt.

Wir verlassen die Ruine wieder, beeindruckt von ihrer Dimension, beeindruckt von ihrer Geschichte, vor allem aber beeindruckt von ihrer Ausstrahlung.

 

Kapitel 2

Von zwei Sakralen Ruinen und einer Grenzburg

Wir bleiben vorerst in Landsee und wenden uns nach Norden. Hier liegt ein mächtiger Berg, auf dem ein Kloster gestanden ist. Dieses Kloster wurde 1701 von Esterházy Pál gegründet und von Kamaldulenserinnen übernommen. Nach 80. Jahren wurde das Kloster aufgelassen, was blieb war eine imposante Ruine.

Wer diese heute sucht, muss einen etwas steilen Waldweg in Kauf nehmen, ehe er/ sie den Ort betritt. Erhalten haben sich die Reste der Kirche und der Umfassungsmauern. Der Ort wirkt eigenartig und im Gegensatz zur Ruine nicht unbedingt positiv. Besonders wenn ein Wind geht und die Bäume rund herum rauschen, wie es bei uns der Fall war.

Klosterruine Landsee

Wir verlassen die Klosterruine und fahren nach Westen (!), also genau dorthin, wo bis 1921 tatsächlich die Staatsgrenze war. Als die Straße bergab geht, parken wir links bei einem Forstweg und beginnen mit einer Wandertour durch den Wald. Unser Ziel ist zweigeteilt, zum einen möchten wir eine Kirchenruine besuchen, zum anderen einen Burgstall.

Beginnen wir bei der Kirchenruine, sie liegt im Tal nächst dem einstigen Grenzfluss Rabnitz, der hier das Burgenland zu Niederösterreich begrenzt. Hier liegt etwas versteckt diese schöne Ruine, die im Volksmund schlicht „ödes Kircherl“ genannt wird. Sie ist der letzte Rest der Ortschaft Pischelsdorff. Mich erinnert sie stark an St. Cäcilia bei Böheimkirchen und so verweilen wir hier kurz, um uns das frühere Treiben vor zu stellen. Südlich der Ruine, in einem Talkessel, befand sich ein Ort, von dem heute nur noch einige Bodenunebenheiten zeugen.

Das Öde Kircherl

Es gäbe flussabwärts auf niederösterreichischer Seite noch eine Mühlenruine, wir aber nehmen den Forstweg bei der Kirchenruine, der etwas schweißtreibend bergauf nach Osten geht, dann eine Kurve nach Westen macht, ehe er in einen anderen Weg mündet. Oberhalb dieser Wegmündung liegt der Burgstall Jeva.

Letzte Mauerspuren am Burgstall Jeva.

Jeva ist ein sehr versteckter Burgstall, der so manchem Burgenforscher schon gewaltig viele Stunden zur Suche abverlangt hat. Jeva ist aber auch eine Burg, über die wir kaum etwas wissen, außer dass sie im 13. Jahrhundert bestand und definitiv eine Grenzburg war. Ob dieser Burgstall tatsächlich der Rest der Burg Jeva ist, bleibt insofern fraglich, da wir den Namen „Jeva“ nur aus zwei Quellen des 13. Jahrhunderts kennen. Diese beiden Quellen von 1277 und 1281 geben indirekt Auskunft, dass die Burg Jeva in dieser Gegend gelegen sein muss.

Nach 1281 verschwindet die Burg wieder, wahrscheinlich wurde sie im Zuge der Güssinger Fehde erobert und zerstört.

Was mich wundert: Wenn die Stubenberger in Landsee eine Burg gebaut haben, mussten sie theoretisch an Jeva vorbei, was den dortigen aufgefallen sein muss, es sei denn dass Jeva tatsächlich jüngeren Datums ist.

Auch der Bau der Burg Jeva weißt seltsame Eigenheiten auf. Die Burg bestand im Wesentlichen aus Bergfried und Palas, wobei letzterer rund gewesen sein dürfte und gegen die Grenze ausgerichtet war, während der Bergfried den Eingang schützte.

Einige wenige Mauerreste haben sich erhalten, der Rest ist vom Waldboden bedeckt und wartet auch weiterhin, dass jemand mal das Jeva- Rätsel löst.

Heute thront ein Waidmannsturm am Bergfriedhügel.

Kapitel 3

Von einer großen Komitatsburg, die verschwunden ist

Szenenwechsel. Wir fahren hinein in das Mittelburgenland, genau genommen in die Bezirkshauptstadt Oberpullendorf, um noch weiter nach Osten zu gelangen. Unser Ziel ist Lutzmannsburg, aber nicht die Therme, sondern ein anderer Ort, der im Mittelburgenland eine zentrale Rolle einnahm. Lutzmannsburg liegt an der Ostgrenze des Mittelburgenlandes, wir müssen daher vom Westen in den Osten.

Es regnet. Wir könnten auch zum Burgstall Frauenbrunn fahren, der südlich von Deutschkreuz liegt, doch der Regen verhindert diesen Plan. Wenn man mal Lutzmannsburg erreicht, so wird rechterhand am Berg eine kleine Kirche sichtbar. Sie ist unser Ziel.

Wir fahren in den Ort und biegen rechts ab. Eine schmale Straße führt zur Kirche.

Es geht nach rechts bergauf, ehe auf einmal die Straße einen Bogen nach links macht. Wir haben damit unser Ziel schon umkreist und befinden uns im Burggraben. Die Dimensionen erscheinen mächtig und links ist noch immer ein Wall, der plötzlich eine Unterbrechung aufweist, aus welcher die Kirche durchblickt. Hier befand sich das einstige Burgtor, der Wall dürfte jedoch aus der Urgeschichte stammen.

Wir fahren hier zur Kirche, die sich nun stolz vor uns erhebt. Sie an sich wäre schon sehenswert genug, ist sie doch aus dem Spätmittelalter und somit recht alt, doch ihr Standort ist etwas ganz besonderes, das man freilich auf den ersten Blick nicht erkennen würde.

Wir stehen am Standort der einst bedeutendsten Burg des Burgenlandes!

Ja jetzt können Sie mal tief Luft holen. Weder Forchtenstein, Bernstein, Schlaining noch das so mächtige Güssing (zu Lockenhaus kommen wir noch) sind zumindest vom Titel her je so bedeutend gewesen wie die Lutzmannsburg, an deren Stelle wir nun hier stehen.

Denn Lutzmannsburg war eine Komitatsburg, also Sitz eines Gespans.

Was aber sind Komitate?

Das zentralistische Königreich Ungarn war seit dem Hochmittelalter in Komitate- man könnte es als Grafschaft bezeichnen, denn Komitat kommt von „comes“, also Graf- geteilt. Diese Komitate waren auch Gerichtsbezirke und wurden von einem so genannten Gespan verwaltet, der wiederum vom König eingesetzt wurde. Im Gegensatz dazu war das Heilige Römische Reich in Herzogtümer geteilt, die teilweise sehr unabhängig waren und sehr bald zum verfassungsgeschichtlichen Fast- Zerfall des Reiches führten. Ungarn ist noch heute in Komitate geteilt und der Name Burgenland kommt von den Grenzkomitaten Pressburg, Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg! Diese „Burgen“ waren damit der Ausgangspunkt der Komitate, aus welchem sich meist florierende Städte bildeten. Nicht so in Lutzmannsburg, wie es scheint.

Das verraten uns auch die Quellen. Denn schon 1156 übergab der ungarische König zwei Gästen (!), nämlich einem Albrecht und Gottfried den Markt (!) Lutzmannsburg. Burg und Markt werden damit getrennt, ein wirtschaftlich ungünstiger Faktor, dessen Hintergründe uns unbekannt bleiben. Es ist jene Zeit, als Österreich von der Mark zum Herzogtum wird und Grenzstreitigkeiten an der Tagesordnung stehen, bald auch wieder eskalieren. Und es ist die Zeit, wo die Steirer Landsee errichten. Genau zu dieser Zeit wird der Komitatssitz dahingehend geschwächt, ob hier nicht doch ein Zusammenhang besteht?

Denn Landsee gehörte auch zum Komitat Lutzmannsburg und dem Gespan wäre eine derartige Grenzverletzung- falls dies tatsächlich ohne königliche Zustimmung erfolgte- gewiss aufgefallen, doch im Fall von Lutzmannsburg lagen die Dinge anders. Die Streitigkeiten zwischen den beiden „Deutschen“ Albrecht und Gottfried sowie dem Gespan, einem Ivan  blieben bestehen und sind uns noch im Jahr 1171 belegt. Dieser Ivan wurde recht alt. Noch um 1200 bestimmte er, dass in Klostermarienberg seine Grablege sich befinden soll. Dann schweigen die Berichte vorerst.

Erst in den 1260er Jahren taucht Lutzmannsburg wieder auf, nun ist ein Laurentius d. Aba Burgherr und Gespan. Er ist ein regionaler Adeliger, stammt aber aus Slawonien. Seine Burg stand in Neckenmarkt und ist heute verschwunden (letzte Mauerreste waren noch vor einigen Jahren sichtbar, dürften aber nun auch abgetragen worden sein). Damit ist Lutzmannsburg eine regionale Macht, doch das nahe liegende Ödenburg ist noch bedeutender und beginnt langsam aber sicher das kleine Lutzmannsburg zu verschlingen.

1263 und 1281 werden die Burg und das Komitat noch einmal genannt und beschrieben, wodurch wir über die geografischen Ausmaße informiert sind. Dadurch wissen wir, dass Jeva und Landsee ebenfalls zum Komitat gehörten. Demnach ist nahezu das gesamte Mittelburgenland quasi ein Teil dieses Komitates. Heute ist Lutzmannsburg ein Grenzort und nur wenige Kilometer östlich des Burgstalls liegt die Grenze, damals lag der Ort in der Mitte des Komitats. Damit ist das Mittelburgenland die östliche Hälfte des einstigen Komitats Lutzmannsburg.

Die Familie des Laurentius wird nach 1250 von den Güssingern immer mehr „unterdrückt“, denn nun spielen diese eine erhebliche Rolle, was wiederum bald zu Konflikten mit dem König sowie den österreichischen Herzögen führen wird. Dabei spielt die Lutzmannsburg keine gewichtige Rolle mehr, sie dürfte damals bereits entweder verfallen oder zerstört worden sein. Berichte dazu gibt es keine. Was blieb war eine Kirche und einige Mauerreste, die im Laufe der Zeit ebenso verschwunden sind.

In den 1950er Jahren wurde die Lutzmannsburg archäologisch untersucht, dabei wurden einige Gebäude im Bereich der Kirche gefunden. Die Burg verfügte über gepflasterte Fußböden und hatte demnach auch einigen Luxus, der in den sonst oft unkomfortablen Burgen des Mittelalters gewiss bewundert wurde. An Baumaterial fehlte es auch nicht, denn schon die Römer hatten hier ihre Spuren in Form von sehr vielen gebrannten Tonziegeln hinterlassen, die man im Mittelalter gewiss gerne zur Hand nahm. So groß und mächtig der Burgstall heute noch wirkt, so verhängnisvoll ist seine Geschichte, die von Anfang an von Bedeutungsverlust geprägt war.

Im Burgenland gab es übrigens noch eine zweite Komitatsburg, nämlich in Deutsch Kaltenbrunn. Doch in diesem Falle wissen wir nicht einmal, wo die Burg gestanden ist.

 

Kapitel 4

Von einem Zisterzienserkloster, das ebenso verschwunden ist

Wir fahren weiter. In Frankenau wird eine Burg vermutet, aber ihr Standort ist nach wie vor spekulativ, daher geht es weiter. Vor Unterlois biegen wir links ab und gelangen zu einem Ort namens Klostermarienberg.

Lassen Sie sich mal diesen Namen „Klostermarienberg“ ein wenig auf der Zunge zergehen. Ist er nicht schön? Ein wenig so wie „Allerheiligen im Mühlkreis“ oder? Eben etwas Besonderes.

In der jüngeren österreichischen Geschichte kam diesem Ort, der seit 1921 neben der Grenze liegt, eine historische Rolle zu: Am 29. März 1945 betraten hier russische Soldaten erstmals ehemals österreichischen Boden. Damit begann hier die Geschichte der Befreiung und Errichtung des neuen Österreichs, der Zweiten Republik.

Uns aber interessiert dieser Abschnitt nicht so sehr, wir wollen tiefer in die Materie der Geschichte dieses Ortes tauchen.

Fangen wir mal damit an uns zu fragen, warum dieser Ort diesen Namen hat. Ein Ort mit dem Namen „Klostermarienberg“ muss ja irgendetwas Sakrales aufweisen, so unser Gedanke, bevor wir diesen Ort erreichten. Und tatsächlich thront hier eine barocke Kirche mit einem kleinen Kloster.

Das heutige Kloster von Klostermarienberg wirkt aber nicht alt, ist es aber dennoch und das hat seinen Grund, wie wir bald heraus finden werden. Hier befand sich im Mittelalter eine Zisterzienserabtei. Ja Klostermarienberg war mal gleich Heiligenkreuz, welches für dieses Kloster von besonderer Bedeutung war, denn Heiligenkreuz stand von Anfang an etwas schützend hinter dieser Abtei. Das ist für uns ein Glücksfall, denn wir wüssten sonst kaum etwas über die Geschichte des Klosters Marienberg. Aber alles der Reihe nach.

Alles beginnt um 1190. Dominik Bors, Banus von Kroatien, nimmt das Kreuz und gelobt eine Fahrt in das Heilige Land, die er dann doch nicht unternimmt. Als Reue über sein Vergehen stiftete er ein Kloster, das seinen Namen tragen sollte (Bors monostra) und übertrug es den Zisterziensern. In Quellen lässt sich das Stiftungsgut lesen:

Dreihundert Mark Silber, hundert Ochsen, fünfzig  hundert Kühe, tausend Schafe, zwanzig Knechte sowie acht Ortschaften samt Mühlen und Weinbergen sollen an die Neugründung gegangen sein, ein großer Besitz, den der Doch- Nicht- Kreuzritter da hergab.

In den folgenden Jahren erhielt das Kloster einige Schenkungen und wurde von den Bors, aber auch vom damals recht alten Banus Iwan von Lutzmannsburg als Grablege bestimmt.

Es gab aber auch relativ bald Streitigkeiten mit den umliegenden Adeligen, die 1207 sogar den Papst aufmerksam machten. 1217 steckte das Kloster in derartige wirtschaftliche Schwierigkeiten, dass der Abt wegen „Armut und Neuheit“ nicht beim jährlichen Generalkapitell in Citaeux erschien.

Auch mit der Gründerfamilie gab es Turbulenzen, sodass 1224 König Andreas II. den Grafen Nikolaus von Güns beauftragte, die Abtei gegen Gewalttaten ihres Vogtes Bors zu schützen. Damit kamen die Marienberger Mönche erstmals in Berührung mit den Günsern. Andreas II. war dem Kloster nunmehr ebenso zugetan, bestätigte seine Besitzungen und schenkte den Mönchen Anteile an der königlichen Saline zu Ödenburg. Dennoch wollten die Mönche 1231 das Kloster wieder verlassen.

1240 starben die Bors aus und das Kloster, das zu dieser Zeit noch dazu von den Mongolen zerstört worden war, hatte nun den Gespan von Ödenburg (und nicht den Gespan von Lutzmannsburg!) als Vogt. Es wurde wieder aufgebaut und entgegen der eigentlichen Ordenregel mit einer Apsis versehen.

Das Kloster hatte demnach einigen Besitz und blieb über dreihundert Jahre bestehen. Im 14. Jahrhundert erhielt es verzierte Bodenfliesen, deren Bruchstücke bei archäologischen Grabungen gefunden wurden. Dann kamen die Osmanen. 1529 und 1532 wird Marienberg zerstört und bleibt letztendlich eine Ruine. Das Urkundenmaterial ging zum größten Teil verloren.

Nahezu 150. Jahre blieb das Kloster- mit Ausnahme der Kirche- in diesem Zustand, ehe Palatin Esterházy Pál das Grundstück erwarb und ein neues Kloster zu gründen gedachte. Aber dieser Plan ging nicht auf, der Bau kam an das Stift Lilienfeld, das heute noch im Besitz von Klostermarienberg ist.

Eine Frage stellt sich uns vor Ort, nämlich wie die Mönche hier einst gelebt haben. In den 1990er Jahren ging man dieser Frage auf wissenschaftlicher Ebene nach. Am Friedhof bei der ehemaligen Stiftskirche wurden 1006. Skelette gefunden, während auf dem Dorffriedhof ab dem 17. Jahrhundert über 900. Personen bestattet waren. Von den 1006. Skeletten untersuchte man 37. näher. Diese Individuen hatten im Mittelalter gelebt. Dabei konnte ein Durchschnittsalter von 39. Jahren eruiert werden. Keiner der Mönche wurde älter als 49, das jüngste- ein Kind- war um die zehn Jahre alt.

Die Skelette wiesen eine Körperhöhe von durchschnittlich 167, 4 cm auf (der Größte war 173,5 cm groß). Acht Skelette wiesen Wirbelsäulenerkrankungen auf (was auf die Ernährung und dem damit verbundenen Vitaminmangel zurück zu führen ist), während ansonsten kaum Abnützungen zu beobachten waren.

489 gefundene Zähne wiesen Karies auf, obgleich die Zähne insgesamt starke Abnützungen hatten, was auf grob gemahlenes Mehl zurück zu führen sei (die Zisterzienser aßen grundsätzlich kein Fleisch).

Wir resümieren: Die Mönche von Klostermarienberg wurden im Durchschnitt 39. Jahre alt, wurden etwa 167 cm groß, hatten großteils bei den Zähnen Probleme, während die restlichen Gelenke nicht derartig „beeinträchtigt“ waren.

In der Kirche selbst war eine Gruft, in der im 15. Jahrhundert ein kaum 20. Jähriger Mann beigesetzt wurde.

Mit dieser recht interessanten Erkenntnis über das Leben AnnO DazumalS verlassen wir diesen interessanten Erinnerungsort wieder.

 

Kapitel 5

Von einer Burg mit “Kultraum”

Weiter geht es nach Unterloisdorf, wo sich in Richtung Oberloisdorf bei einer Kapelle eine Taboranlage befinden soll, dann nach Mannersdorf, wo ebenfalls eine derartige verschwundene Anlage zu finden ist. Uns aber steht der Sinn nach Größerem und so geht es vom Rabnitz- ins Günstal nach Rattersdorf, wo wir links nach Güns/ Köszeg fahren könnten, dem einstigen Zentrum der Region, das sich aber 1921 für Ungarn entschied. Wir biegen rechts ab und fahren entlang der österreichisch- ungarischen Grenze bis zu dem Ort, der für Geschichtsinteressierte und damit auch für uns etwas ganz besonderes ist. Es ist quasi heute ein Zentrum, über dessen Geschichte wir schon viel nachgedacht haben und es auch wohl noch tun werden. Ein Ort mit vielen Rätseln, eigenartigen Hypothesen und vor allem, ja vor allem einer Burg!

Wir befinden uns in Lockenhaus.

Ja endlich haben wir es mal mit einer Burg zu tun, der einzigen in dieser Region. Auf den ersten Blick könnten wir sagen, dass diese Burg ganz passabel zu den anderen vier Burgen des Burgenlandes (Bernstein, Forchtenstein, Güssing sowie Schlaining) passt, wenn sie auch diesen nicht ähnlich sieht (was aber generell nicht der Fall ist). Uns fällt freilich auch die Nähe zu Bernstein und Schlaining auf, die aber von Lockenhaus aus nicht zu sehen sind. Die Freude, hier mal eine schöne Burg zu sehen, steigt ins unermessliche.

Wir bezahlen den Eintritt und treten in den Unteren Hof, der aus dem 17. Jahrhundert stammt. Vor uns steht stolz der Eingangsbereich, bestehend aus einer Stiege, einem kleinen Turm und dem Bergfried. Zwischen der Stiege und dem kleinen Turm ist in einer unverputzten Wand passenderweise eine Uhr angebracht, ein Symbol für Vergänglichkeit.

Wir gehen die Stiege hinauf und betreten die Burg und befinden uns in einem überdachten Bereich. Rechts geht es in die Küche. Damit haben wir grundsätzlich nicht gerechnet, als erstes den Kochplatz zu sehen, aber wie wir wissen, hat jede Burg ihre Eigenheiten, so auch Lockenhaus.

Bleiben wir bei den Eigenheiten.

Wir können links über die Stiege hinauf in den Burghof gelangen. Oder wir betreten gerade aus einen Kellerabteil, das unter dem mächtigen fünfeckigen Bergfried liegt.

Wir entscheiden uns für das Kellergeschoss des Bergfrieds. Dieser ist ein so genannter Keilturm, also fünfeckig mit einer Spitze nach außen. Wir kennen solche Türme aus dem Waldviertel, etwa Arbesbach, Buchenstein (deren Grundriss wegen dem Gelände Lockenhaus nicht unähnlich war), Raabs, Rastenberg oder Schauenstein, südlich der Donau sind uns Freyenstein und Kammerstein bekannt.

Wir gehen einen Raum weiter und dann….ja dann…stehen wir in einem Raum, der uns sehr eigenartig vorkommt. Neben dem Zugang, durch welchen wir kamen und der auffällig jung ist, weist er an der Decke eine Öffnung in den Hof auf. Bis zur Schaffung des Zugangs, durch welchen wir kamen, war dies die einzige Verbindung zu diesem Raum. In der Mitte des Bodens befindet sich eine Vertiefung.

Wir schauen uns um. Die Wände sind von grünen Algen geprägt. Der Raum besaß zwei Apsiden (eine wurde durch den „Zugang“ zerstört), also halbrunde Bautypen, die wir von sakralen Räumen her kennen. Doch ein sakraler Raum mit einem kleinen Zugang durch die Decke….das klingt eher mysteriös als realistisch, eher nach Dan Brown als nach plausiblen Hypothesen. Wir sind geneigt, hier eine erstaunliche große Zisterne an zu nehmen und zu vermuten, dass diese Burg von einem sehr reichen und vor allem Bauherren, der Kontakte bis in den Mittelmeerraum pflegte, errichtet wurde. Ein Bauherr, der also weit herum kam. Uns fällt sofort Banus Dominik Bors ein, der Gründer von Klostermarienberg, der aber eben nicht (!) weit herum kam, obgleich er das Kreuz genommen hatte. Besteht hier eine Verbindung? Als wir noch einmal auf die Decke blicken, erkennen wir ein Tatzenkreuz. Wir kennen dieses Symbol für einen spezifischen Ritterorden, nämlich jenen der Templer. Doch was hätte dieser Orden, der vor allem im Heiligen Land und in Frankreich tätig war (und dort auch vernichtet wurde), gerade in Lockenhaus getan?

Gerhard Volfing tritt aus der Dunkelheit zu uns. Er hat vor 20 Jahren versucht, etwas Licht in die Geschichte von Lockenhaus zu bringen. Seine Hypothese ist schnell formuliert: Lockenhaus war eine Templerburg. Dafür sprechen vor allem die baulichen Beweise. Der Zweiapsidenraum- in der Populärliteratur als „Kultraum“ bezeichnet-, die Kapelle und der Rittersaal sollen auf ihr Konto zurück gehen, da vor allem Templer solche Bauwerke errichten konnten und weil Kreuzfahrerburgen Ähnlichkeiten mit Lockenhaus aufweisen. Kritiker sehen in Volfings Hypothesen freilich keinen Zusammenhang zu den Templern und verwerfen genüßlich diese Hypothese. Wir wollen uns aber diese Sache etwas näher ansehen.

Gemeinsam gehen wir zum Ausgangspunkt zurück. Wir entscheiden uns nun für den Burghof, der- ähnlich wie in Landsee, Schlaining oder Güssing- sehr unregelmäßig ist. Man hat hier zunächst die Ringmauern und den Bergfried errichtet, um dann innerhalb der Ringmauer Gebäudeteile zu bauen. Vor uns liegt links die Burgkapelle mit ihrem Turm, davor steht eine Statue des Magnaten Nádasdy Férenc, der 1671 als Aufständischer überführt und in Wien geköpft wurde. Er war damals auch Besitzer von Lockenhaus.

Wir betreten die Kapelle, die dem Heiligen Nikolaus geweiht ist und heute durch weiße Wände geprägt ist, was freilich nicht dem Urzustand entspricht. In der rechten Fensternische sind Fresken zu sehen, die ältesten des Burgenlandes. Wir sehen hier einerseits ein relativ gut erhaltenes Fresko, das einen Patriarchen (!) oder den Heiligen Nikolaus darstellt. Da die Kapelle letzterem geweiht ist, spricht einiges dafür, dass wir hier den Heiligen Nikolaus vor uns haben. Das zweite Fresko ist nur zum Teil erhalten, wir können nur die Füße erkennen, die sich als gepanzert erweisen und somit Ritterfüße sind.  Uns fallen auch die Farben der Fresken auf, die etwas dunkel erscheinen und uns eher an orthodoxe Fresken erinnern. Unser Eindruck ist nicht falsch, tatsächlich weist Lockenhaus byzantinisch- artige Fresken auf, ein Unikat also, das es in Österreich kein zweites Mal gibt und auch in Ungarn nur ein weiteres Mal (auf Burg Sümeg) zu finden ist (lediglich in der Ostslowakei beziehungsweise in Transkarpatien und somit im ehemals nordöstlichen Teil des einstigen Königreiches Ungarn gibt es alte orthodoxe Kirchen). Es gibt übrigens ein sehr ähnliches Nikolaus- Fresko in der Kirche Aghios Nikolaos tis Stegis in Zypern, wie uns Gerhard Volfing erzählt.

Wir gelangen wieder in den Hof und gehen nach links, wo der „Rittersaal“ liegen soll. Wir öffnen die Türe und betreten eine zweischiffige Halle mit Kreuzrippengewölbe, die von achteckigen Säulen getragen wird. Derart gotische Räumlichkeiten sind in Burgen selten zu finden, wir kennen sie eher aus Klöstern, wie etwa Heiligenkreuz. Doch warum gibt es gerade in Lockenhaus derartige Räume?

Hier kommen die Hypothesen von Gerhard Volfing ins Spiel!

Seine Annahme bezieht sich auf bauliche Details, die er vor allem in drei Räumlichkeiten- dem Zweiapsidensaal (vulgo „Kultraum“), der Kapelle und dem Rittersaal- gefunden hat, während die schriftlichen Belege spärlich sind und die Templer als Besitzer nicht nennen.

Der Name Lockenhaus an sich lautet im ungarischen „Léka“ und leitet sich laut Volfing aus dem griechischen „Leuka“ ab, was so viel wie weiß bedeutet.

Laut Volfing wurde Lockenhaus nach einem Planschema angelegt, das jenem der Zisterzienser entspricht und von den Templern auch so übernommen wurde, nämlich dass die Kirche im Norden und der Kapitelsaal im Osten liegt, während sich im Westen wirtschaftliche Einrichtung, wie etwa die Küche, befanden. Die Zisterzienserklöster Heiligenkreuz, Lilienfeld und Zwettl sind so angelegt, nicht aber das Kloster Marienberg, wo die Kirche im Süden lag! In Lockenhaus ist die Situation schon wegen der Lage etwas anders, da die Burg an drei Seiten auf einem Felsen steht und da von der Güns umgeben ist. Bergfried und Ringmauer sind- schon wegen ihrer Bedeutung, aber auch aufgrund der Bauweise- die ältesten Teile der Burg. Die Kapelle liegt im Osten (wie bei Burgen üblich), der Rittersaal im Süden. Lediglich die erste Küche dürfte im Westen gelegen sein. Die Grundhypothese, dass der Rittersaal neben der Kapelle liegt, stimmt auch nur ansatzweise, da beide Räume nicht direkt nebeneinander liegen.

Auffällig an Lockenhaus ist die Bauweise. Sowohl im Zweiapsidensaal als auch im Rittersaal sind sehr viele Quadersteine anzutreffen, eine eher „gehobene“ Art, Bauwerke zu errichten, wie etwa Kirchen oder Klöster. Die Burgen dieser Region, soweit wir über die Bauart informiert sind (was bei den Burgställen nahezu unmöglich ist), wurden mit billigeren Bruchsteinen errichtet. Lockenhaus muss also- wie bereits fest gestellt- einen reichen Bauherren gehabt haben. Volfing fand aber noch mehr. Lockenhaus weist nicht nur Quadermauerwerk auf, es gibt auch einige Steinmetzzeichen, die er dokumentieren konnte. Volfing suchte diese Zeichen in anderen derartigen Bauten und wurde in Heiligenkreuz (aber auch bei Kreuzfahrerburgen quer durch Europa) fündig. Demnach waren Mitglieder der Heiligenkreuzer Bauhütte auch in Lockenhaus tätig. Dabei dürfen wir eines nicht vergessen. Unweit von Lockenhaus lag bekanntlich eben die Zisterzienserabtei Marienberg, die wiederum zu Heiligenkreuz gute Kontakte pflegte. Eine Verbindung ist damit durchaus gegeben, ja sie erlaubt uns sogar zu sagen, dass während der Errichtung von Marienberg, um 1200, auch Lockenhaus errichtet wurde, während der Kreuzgang sowie der Kapitelsaal von Heiligenkreuz ebenfalls in diese Zeit (bis etwa 1250) zu datieren ist. Noch dazu waren die Templer mit den Zisterziensern eng verbunden und hatten das nötige Kleingeld. Die Nähe zu Klostermarienberg ist demnach ein wichtiger Hinweis und vielleicht auch der Schlüssel zu diesem Rätsel.

Was den Zweiapsidenraum betrifft, gab es einige interessante Untersuchungen in verschiedene Richtungen, darunter auch in astronomischer. Der Raum ist exakt Nord- Süd gerichtet. Durch die Lichtöffnung können bestimmte Himmelskonstellationen beobachtet werden. War der Raum gar für Astronomieinteressierte errichtet worden?

Derartige Gestalten wären für diese Region gänzlich undenkbar, gäbe es da nicht eine Institution, die sich dafür interessieren würde. Wie eben die Templer, die bekanntlich auch beim Bau der unterirdischen Virgilkapelle in Wien derartige Spuren hinterlassen haben. Vielleicht gab es in Lockenhaus aber auch eine Ausnahme informa eines Adeligen, der sich hier verewigen wollte. Warum aber dann das Tatzenkreuz? Umgekehrt muss aber irgendwer die Templer in diesen Landstrich geholt haben. Und so fragen wir uns wer als erster hier war, die Henne oder das Ei? Und dazu gleich die Frage: Gab es denn überhaupt ein Ei?

Noch etwas sei hierbei erwähnt: Klostermarienberg erhielt erst nach 1240 seine Apsis, die grundsätzlich gegen die Regeln der Zisterzienser sprach. Demnach wäre die Apsis von Lockenhaus älter als jene von Klostermarienberg.

Es gibt aber noch eine Burg in der Nähe, die wahrscheinlich eine untypische Apsis hatte, nämlich Burg Òház bei Köszeg (Güns), die nachweislich den Grafen von Güns- Güssing gehörte. Diese Apsis, die bis dato nur vermutet wird (!) war nach Süden orientiert, ähnlich der Apsis von Lockenhaus. Ob es hier wohl eine Verbindung gibt?

Kommen wir zu den Quellen. Die sind in Lockenhaus ziemlich spärlich. Gerhard Volfing hat sie in seinen beiden Publikationen von 2001 und 2012 skizziert. Dabei gibt es lediglich vier Quellen für das 13. Jahrhundert, die Lockenhaus erwähnen. Die erste Erwähnung erfolgt im Zusammenhang mit den Mongolenkämpfen und liefert keine weitere Aussage zu den Besitzerverhältnissen. Der in diesem Zusammenhang von Karl Josef Homma erwähnte Torda wird erst 1260 genannt.

1256 bestätigt Banus Nikolaus von Eisenburg seinem Dienstmann Bana von Eisenburg den Besitz von Szünöse, den dieser gegen seinen Erbbesitz Velike bei Lockenhaus eingetauscht hat. Auch hier wird kein Besitzer genannt, die Tatsache, dass ein Dienstmann des Banus von Eisenburg- der Nikolaus hieß!- in der Umgebung von Lockenhaus Besitzungen hatte, lässt aber auf einiges schließen:

Erstens war die Burg damals derart bedeutend, dass sie als geografischer Fixpunkt erwähnt wurde. Diese „Bedeutung“ lässt aber auch vermuten- wohlgemerkt vermuten!- dass sie entweder aufgrund ihrer Bausubstanz oder wegen bedeutende Besitzer als Fixpunkt galt. Vielleicht wird die Burg auch deswegen erwähnt, weil sie im Besitz des Nikolaus war und damit einen Fixpunkt in dessen Herrschaftsgebiet darstellte. Lassen wir es mal bei dieser Spekulation und gehen wir weiter in den Quellen.

1260 verleiht König Stephan V. von Ungarn auf Bitten des Gespans und Oberkämmerer Csak dem Torda das Burgland Csöszi im Komitat Zala, da Torda mit seinem Vater Geur die Burg Lockenhaus gegen die Österreicher verteidigte. Diese Quelle ist besonders interessant.

Auch sie erwähnt keine Besitzer, immerhin wissen wir aus der Quelle, dass Burg Lockenhaus damals durch königsnahes Klientel gegen die Österreich verteidigt wurde. Sowohl die Templer wie auch andere potentielle Kandidaten fallen insofern nun als Besitz aus.

Immerhin muss diese Verteidigung für den Oberkämmerer Csak von derartiger Wichtigkeit gewesen sein, dass er den König um eine Belohnung für die Verteidiger bat. Das legt den Schluss nahe, dass Csak damals Burgbesitzer war und die Verteidigung kurzfristig dem Torda überlassen hatte.

Diese Vermutung wird in der so genannten Teilungsurkunde der Grafen von Güssing, 1279, bestätigt. Dieses Dokument ist allerdings nur durch eine Abschrift aus dem 16. Jahrhundert erhalten, die sich wiederum auf eine Abschrift aus dem Jahr 1328 (!) bezieht. Gerhard Volfing hat gerade diese Urkunde daher zu Recht sehr kritisch hinterfragt. Denn 1328 war die politische Lage durchaus anders. Es ist die Zeit, als die Güns- Güssinger relativ unabhängig vom ungarischen König ihr Gebiet beherrschten. Dieses „Beherrschen“ versuchten sie freilich durch ältere Quellen zu legitimieren und da war diese Teilungsurkunde von 1279 eine der wichtigsten Dokumente, die Frage, ob man hier nicht ein wenig nachhelfen wollte, soll zukünftigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorbehalten sein. Zumindest dürfte man die Quelle von 1260 gekannt haben.

Für uns stellt sich aber die Frage, wann Lockenhaus nun in Besitz der Güssinger gekommen wäre. 1328 war dieses jedenfalls Realität, 1279 demnach auch. Die Mär, dass Heinrich von Güssing 1270 die Burg dem Přemysl Ottokar übergeben hätte, entbehrt jeglicher Quelle. Überraschend ist auch, dass Lockenhaus in den Quellen zur Güssinger Fehde nicht erwähnt wird, obgleich das benachbarte Güns und Rechnitz sehr wohl erobert wurden. Gerhard Volfing schloss daraus, dass die Burg nicht erobert wurde, weil sie eben den Templern gehörte. Nun nennt aber die Teilungsurkunde von 1279 den Banus Nikolaus von Güns als Besitzer, gegen den die Habsburger nicht derartig vorgingen, wie es bei dessen Bruder Ivan der Fall war, was die Authentizität der Teilungsurkunde von 1279 wieder bestätigen würde.

Allerdings wurde die 1279 ebenfalls an Nikolaus gegangene Wehrkirche von Pilgersdorf sehr wohl zerstört, was wiederum den Schluss nahe legt, dass bei Lockenhaus andere Umstände vorhanden waren.

Wie also können wir den Spagat rund um die Templer und Lockenhaus lösen? Was können wir zur Frühgeschichte sagen?

Lassen Sie mich mit einer Intention beginnen:

Ich habe im Zuge der Arbeit an diesem Artikel eine für mich wichtige Erkenntnis erlangt, die Gerhard Volfing indirekt erwähnt. Die Geschichte von Lockenhaus muss zumindest teilweise mit der Geschichte des Klosters Marienberg zusammen gehangen sein. Das bedeutet nicht unbedingt, dass die Gründer des Klosters, die Familie Bors, auch Besitzer von Lockenhaus waren, schließt es aber auch nicht aus. Wir wissen, dass das Kloster 1207 über mehrere Steinbrüche verfügte, deren Steine vielleicht auch für den Bau von Lockenhaus verwendet wurden.

Wenn Volfing nun erwähnt, dass die Templer auf Lockenhaus zum Schutze von Marienberg eingesetzt wurden, so dürften diese dem Auftrag nicht weiter nachgekommen sein, denn die Quellen berichten ja von den Katastrophen, die dem Kloster arg zusetzten.

Allerdings wissen wir, dass es Templer im näheren Umfeld gab: ein Verbindungsglied zwischen dem Kloster und dem Ritterorden stellt Gespan Nikolaus von Güns dar, in dessen Umfeld 1223 ein „magister de Templo“ aus dem Konvent von Ödenburg genannt wird. Darüber hinaus hatten die Templer nachweislich Besitz in der Nähe von Lutzmannsburg und waren daher dem jeweiligen Gespan sehr nahe.

Der Name Nikolaus wiederum ist für die Burg sehr signifikant und begegnet uns in der Geschichte der Burg auffällig oft. Zudem ist auch die Burgkapelle dem Heiligen Nikolaus geweiht. Eine erste Verbindung? Wir erinnern uns, dass Nikolaus sich selbst nach dem nahe gelegenen Güns nennt und 1224 den Schutz des Klosters übernimmt. Insofern ist er der wohl potenziellste Kandidat für Lockenhaus.

Als königsnaher Adeliger war Nikolaus dementsprechend mächtig, um Lockenhaus aus zu bauen oder aber aber die Templer hier als Bauherren wirken zu lassen (was möglich wäre). Die Burg selbst dürfte den Quellen nach- wir haben es oben festgestellt- nicht im Besitz der Templer gewesen sein (jetzt habe ich es endgültig gesagt!), sondern im Besitz von königsnahem Klientel, etwa eines Gespans, sich befunden haben. Dieser Umstand ist bis 1279 zu beobachten!

Die Idee, hier die Templer an zu siedeln, hat aber auch strategische Vorteile: Lockenhaus wäre damit für diverse, wohlgemerkt christliche Feinde ein Sakrileg geworden, denn eine Ordensburg griff ein „normaler“ Christ nicht an. Das allerdings wird durch die Urkunde von 1260 deutlich widerlegt!

Es liegt der Schluss nahe, dass die Errichtung der Burg zwar unter Mitwirkung der Templer erfolgt sein könnte, aber der Orden als Besitzer nicht weiter in Frage kommen mag, was nicht unbedingt bedeutet, dass es in Lockenhaus keine Templer gab.

Gerhard Volfing, der beim Lesen dieses Artikels wohl nicht ganz meine Meinung teilen wird, hat noch eine mögliche Hypothese parat: Im Ort Lockenhaus gab es zwischen 1316 und 1337 ein Franziskanerkloster gab, dessen Größe und Aussehen aufgrund von überdimensionalen Ausmaßen nicht den Vorgaben des Bettelordens entsprach und somit von den Templern errichtet worden wäre. Auch hier müssen wir im Bereich der Spekulation bleiben.

Der Zusammenhang zwischen Lockenhaus und dem Templerorden wird erstmals 1671 bei einer Bestandsaufnahme erwähnt, später wurden einige Sagen aufgeschrieben, die von einer blutigen Eroberung der Templerburg Lockenhaus berichten. Diese Eroberung soll sich auf die markante Eroberung von 1337 beziehen, die in der Geschichte der Burg eine besondere Rolle einnimmt.

Nach 1337 ist Lockenhaus im königlichen Besitz (die Güssinger wurden dafür sogar entschädigt), ehe sie 1390 an die Kanizsai kam, die bis 1558 mit kurzen (wohlgemerkt österreichischen) Unterbrechungen Burgbesitzer blieben. Da die letzte Kaniysai, Ursula, Palatin Nádasdy Thomas geheiratet hatte, kam Lockenhaus nun in den Besitz dieser Familie. Der Sohn von Thomas, Ferenc, ehelichte wiederum die berüchtigte Báthory Ersébet, die über 650 junge Mädchen bestialisch ermordet haben soll. Auch Lockenhaus war Ort dieser grausamen Tätigkeit, die Eiserne Jungfrau in der Burg soll aus jener Zeit stammen. Der Enkel von Ferenc und Ersébet, wieder ein Ferenc, rebellierte 1670 gegen die Habsburger und wurde 1671 geköpft, an ihm erinnert eine Statue im Burghof. In der Bestandsaufnahme des Erbes wird im Bezug zum Rittersaal in Lockenhaus auch erstmals die Nähe zu den Templern erwähnt. Ab 1676 waren die Esterházy Burgbesitzer. Lockenhaus verfiel, wurde eine Ruine, ehe sie ab 1968 unter großem Aufwand durch den Dichter Paul Anton Keller eine Renaissance erlebte, sodass aus der Ruine wieder eine Burg wurde.

Bevor wir die Burg verlassen, weißt Gerhard Volfing uns auf ein bauliches Detail hin, das seine Hypothese wie nichts anderes unterstützt: in jedem ihrer Bauwerke fügten die Templer einen architektonischen „Fehler“ ein und genau so ein „Fehler“ ist auch in Lockenhaus zu sehen. Alles Zufall oder nicht? Wir betreten wieder den äußeren Burghof, um dann die Burg zu verlassen. Ein Hauch von Nebel umgibt die Burg. Ähnlich der Frage, wie sich das weitere Wetter gestaltet, bleibt auch die frühe Geschichte der Burg im Konjunktiv, den wohl nur Bauhistoriker, Archivare (also Quellenkundige) und einzelne Historiker, die sich mit dem aristokratisch- verwaltungstechnischen Umfeld der ungarischen Herrscher sowie der Rolle des Templerordens in Ungarn auseinandersetzen, in eine „stabilere“ Zeitform setzen können.

 

Kapitel 6

Von zwei “Steinbergen” und zwei weiteren Ruinen

Von Lockenhaus führt unser Weg nun wieder nach Norden, genauer gesagt in die Doppelgemeinde Steinberg- Dörfl. Darunter versteht man die beiden Orte Dörfl und Steinberg, die etwas versteckt am Fuße von zwei Bergen liegen, die durch einen Bach getrennt werden, an welchen die Straße vorbei führt.

Steinberg- Dörfl ist auf den ersten Blick etwas unscheinbar, aber sein klingender Name- zumindest was das „Steinberg“ betrifft, verrät uns, dass hier irgendetwas gestanden sein könnte.

Kommt man von Oberpullendorf so fällt dem Burgenforscher wohl schnell der bewaldete Bergrücken oberhalb von Steinberg auf, dessen westlicher Teil einige „zerrupfte“ Baumwipfel aufweißt (was mich an die Ruine Tyrnau bei Drosendorf erinnert 😉 ), ein für Burgenforscher verdächtiges Indiz, das hier vielleicht etwas steht.

Und tatsächlich: Hier stand eine Burg von „atypischer Form“ (Prickler), die die Talenge in Richtung Süden zu sichern hatte. Heute ist das Gelände wegen seines Baumbestandes unter Naturschutz, am höchsten Punkt steht ein hohes Kreuz. Wir freuen uns, als wir am Burgstall einen kolossalen Steinpilz finden. Der Steinpilz vom Steinberg.

Der Platz wirkt harmonisch, ohne Frage, es ist aber nicht der einzige Burgstall: Wir fahren in den Ort Steinberg, dann rechts zur Kirche und dort die Straße in Richtung Wald. Auf der linken Seite, wo der Burgstall angeblich liegen soll, geht es steil bergauf, wir entscheiden uns, noch weiter nach hinten, zu einer Kapelle zu fahren, und dann von dort wieder nach vorne zum Burgstall zu gehen.

Es regnet wieder, wir aber lassen uns vom Ziel nicht abhalten, kämpfen uns in Indiana-Jones-Manier durchs Gestrüpp und stehen dann vor einem verwachsenen Hügel, der von einem Wall umgeben ist. Er ist heute verwachsen und ungepflegt, wir finden eine alte Waschschüssel, ein Ofentürl sowie einen Kanonenöferl- Ring. Alles Zeugen, wie man noch vor wenigen Jahrzehnten mit der Müllentsorgung umging.

Wir lesen in unserer Literatur, dass auf diesem Hügel eine Burg stand, die- genau so wie ihre Schwester mit dem Steinpilz- in der Güssinger Fehde zerstört wurde. Später errichtete man hier eine Kirche, die dann nach Süden- wo nun die bereits erwähnte Kapelle steht- verlegt wurde. Doch den- vor allem alten- Leuten war der Weg zu mühsam und so verlegte man die Kirche dorthin, wo sie heute steht. Soweit so gut.

Es geht weiter nach Pilgersdorf, wo wir die Reste einer kleinen Kirche (samt Friedhof) erkunden, die 1975 beim Abriss des Schulgebäudes gefunden wurde. Es ist ein besonders bemerkenswerter Bau, denn sie soll angeblich bereits um 844 genannt worden sein und somit eine der ältesten Kirchen Ostösterreichs sein. Bereits um 1200 wurde ein Steinbau (!) errichtet, 1225 wird in einer Urkunde für das Kloster Marienberg eine große Straße genannt, die von „villa Pylgrim“ kommen soll. Der Ort mit seiner- damals bestehenden- Steinkirche muss demnach um 1225 Bekanntheit genossen haben.

1289 wurde die Kirche (!), damals wohl eine Wehrkirche, im Zuge der Güssinger Fehde zerstört. In der so genannten „Continuatio Vindobonensis“ ist der Ort als „zerstört“ angegeben.

Wir resümieren, dass in dieser Gegend demnach einige interessante Bauwerke standen, die 1289 verschwunden sind, in jenem Jahr, als ein großes österreichisches Heer unter der Führung Herzog Albrecht I. einfiel, um dem Treiben Grafen Ivans von Güssing ein Ende zu bereiten. Dieser Feldzug, wir haben ihn bereits bei Lockenhaus besprochen, ist vor allem durch die Steirische Reimchronik und die Texte der oben erwähnten „Continuatio Vindobonensis“ bekannt, es werden aber wohl dann doch nicht alle Orte genannt. Im Falle von Steinberg etwa müssen (!) die Österreicher vorbei gekommen sein, denn der Ort lag strategisch wichtig am Übergang vom Rabnitz- in das Günstal. Auch die Eroberung von Pilgersdorf erscheint logisch und da wir dank der Reimchronik über den zeitlichen Faktor gut informiert sind, können wir annehmen, dass die hier genannten Liegenschaften zwischen der Eroberung von Kobersdorf und von Rechnitz liegen dürften. Gemäß den Bestimmungen des Hainburger Vertrages von 1291 wurden diese Anlagen nicht mehr errichtet und verschwanden damit recht früh von der Bildfläche. Damit sind sie aber wertvolle Zeugnisse jener Zeit.

Übrigens Ruine und Zeugnis. In Dörfl- nächst dem Steinpilz- Burgstall wurde 1592 ein Kastell errichtet. Dieses Kastell, ein kleines Schloss, wurde in den 1960er Jahren großteils zerstört. Interessant war schon der Eingang, der von drei Statuen, darunter einer Marienstatue (wie unter anderem in Eisenstadt, Forchtenstein, Landsee und Kobersdorf) umgeben war. Lange Zeit glaubten wir nicht, dass hier noch etwas stand. Im März 2019 wurde Gerhard Koller aber fündig und konnte erstmals eine Bestandsaufnahme präsentieren. Und so ist neben den beiden Steinbergen in Dörfl auch noch eine Ruine zu finden, die keiner mehr vermutet hätte.

 

Kapitel 7

Von zwei Prachtschlössern und dem Fahnenschwingen

Wir fahren zurück zu unserem Ausgangspunkt. Es treibt uns in Richtung Niederösterreich, in Richtung Bucklige Welt. Unser Blick schweift noch einmal nach Landsee. Dann kommt Kobersdorf. Auf den ersten Blick ist Kobersdorf ein groß wirkender Markt, nicht mehr, nicht weniger. Eine Kirche beherrscht vom Berg aus diesen lang gestreckten Ort. Plötzlich taucht- in Richtung Niederösterreich- rechts ein wuchtiger Bau auf, ein wahrer Koloss. Schnell überlegen wir, ob es eine Wasserburg oder ein Wasserschloss ist, das sich hier stolz erhebt, um sich letztendlich für letzteres zu entscheiden, da wir den Bau unschwer der Renaissancezeit zuordnen können. Sechs runde Türme, einer größer als der andere, zählen wir. Ja Kobersdorf ist ein Koloss, ein Bauwerk, dessen Geschichte man durchaus schon bei der Betrachtung sehen oder spüren kann.

Auch wenn die Renaissance nach wie vor dominierend ist, im Bereich der Kapelle aber erkennen wir noch ein Relikt des Mittelalters. Kobersdorf ist damit ein imposantes Mischmasch aus Mittelalter und Neuzeit, ein Prestigebau, der seit dem Mittelalter immer wieder große Beachtung fand.

Auch hier in Kobersdorf tobte die Güssinger Fehde, wenn auch nur kurz. Am 27. Mai 1289 kamen die Österreicher von Neckenmarkt hier her, die damalige Burg wurde nach einem weiteren Tag- wohl aus Angst vor einer militärischen Unterlegenheit- übergeben. Unklar erscheint, ob die Burg damals bereits hier oder im Bereich der Flur „Stronz“, wo ebenfalls ein Burgstall nachgewiesen werden konnte, gestanden ist. Auch die Kirche erscheint als Standort der ursprünglichen Burg möglich. Im Gegensatz zum Standort des Wasserschlosses sind die beiden anderen auf einer markanten Höhe und somit auch strategisch bedeutend.

Wie dem auch sei, 1319 kam Kobersdorf an die Grafen von Mattersdorf, die zu dieser Zeit die Burg Forchtenstein errichteten. 120. Jahre später verpfändete der letzte Mattersdorfer, Wilhelm, Kobersdorf an die Habsburger. Ähnlich wie Forchtenstein sollte auch Kobersdorf beinahe ein österreichisches Lehen werden, das die Habsburger je nach Gutdünken hergaben. Die Besitzer sind fast die gleichen wie im bereits erwähnten Forchtenstein oder in Landsee: da lesen wir von den Weißpriach oder den Prüschenk. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden wieder ungarische Adelige Burg- beziehungsweise nun Schlossbesitzer. Es war die Zeit, in der Kobersdorf ein imposantes Renaissanceschloss wird, das auch in kriegerischen Zeiten einen sicheren Schutz bot. Ab 1704 waren auch hier die Esterházy Besitzer. Nach einer Periode des Verfalls wurde das Schloss ab den 1960er Jahren mustergültig saniert, heute finden hier überregional bekannte Theaterfestspiele statt.

Wir fahren in Richtung Osten und gelangen nach Lackenbach, wo ebenfalls ein Renaissanceschloss steht. Es hat aber seine Ursprünge auch in eben dieser Epoche. Lackenbach war 1620 Schauplatz einer blutigen Schlacht zwischen den kaisertreuen Truppen unter Führung von Esterházy Miklos, dem ersten- fürs heutige Burgenland bedeutenden- Spross dieser Familie, und den Truppen des siebenbürgischen Fürsten Bethlen Gabor.

Esterházy, damals Herr von Lackenbach, wurde angeblich durch die benachbarten Bauern aus Neckenmarkt rechtzeitig alarmiert, wodurch letztendlich (die genauen, recht blutigen Details ersparen wir uns hier) seine Truppen den Sieg davon trugen. Esterházy, der nun endgültig zum ungarischen Hochadeligen aufstieg und 1625 Palatin wurde, schenkte den Neckenmarktern einen bis heute praktizierenden Brauch: Das Fahnenschwingen, das bis heute traditionell am ersten Sonntag nach Fronleichnam stattfindet. Dieser Brauch erfolgt nach genauen Regeln, die sich auch in der Uniform widerspiegeln.

Von Lackenbach kommen wir kurz nach Raiding, wo 1811 Franz Lizst geboren wurde, bevor es über Neckenmarkt, wo neben den Fahnenschwingern eine, bis vor wenigen Jahren noch durch Mauerreste erkennbare Burg zu vermerken ist, zu unserem letzten Ziel, nämlich Deutschkreuz geht.

Wir gelangen bald zum Schloss, das- ähnlich wie Kobersdorf- eine sehr imposante Aura hat, doch hier spüren wir Morbidität. Wir treten ein und gelangen in den mächtigen Arkadenhof, der uns aufgrund seiner Größe sehr beeindruckt. Im Inneren sorgen große Räume ebenso für eine derartige Impression. Deutschkreuz ist ebenfalls ein Koloss, aber seine Aura ist von Vergänglichkeit geprägt, von Prunk und Darstellungs- und Geltungssucht alter feudaler Institutionen. Dass ein derartiges Bauwerk aber nach dem Ende dieser Zeit weiterhin bestehen durfte und saniert wurde, ist dem Maler Anton Lehmden, einem bedeutenden Vertreter der „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“ zu verdanken, der bis zu seinem Tod, 2018, das Schloss vorbildlich restaurierte. Die großen Räume des Schlosses kann gerade ein derartiger Künstler besonders gut nutzen, kann ihnen eine neue Bedeutung einhauchen und eine neue Aura schaffen, ohne die alte zu zerstören.

Wir verlassen beeindruckt das Schloss wieder und spazieren ein wenig bei einem nahe gelegenen Feld. Hinter uns taucht etwas über den Getreideähren, umgeben von grünen Bäumen und Laub das dunkelrote, schon sehr morbid wirkende Dach des Schlosses auf, das die, von Regen grau- blau gefärbten Wolken bekrönt, und wahrlich eine farbenprächtige Komposition darstellt, die auch ein Maler hätte zeichnen können, um uns zu imponieren. Fasziniert von dieser Aura beenden wir unsere Reise durch das Mittelburgenland und treten den Heimweg an, wo auch immer wir hergekommen sind…

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