Das Mittelburgenland- 7. Von Prachtschlössern und dem Fahnenschwingen

Wir fahren zurück zu unserem Ausgangspunkt. Es treibt uns in Richtung Niederösterreich, in Richtung Bucklige Welt. Unser Blick schweift noch einmal nach Landsee. Dann kommt Kobersdorf. Auf den ersten Blick ist Kobersdorf ein groß wirkender Markt, nicht mehr, nicht weniger. Eine Kirche beherrscht vom Berg aus diesen lang gestreckten Ort. Plötzlich taucht- in Richtung Niederösterreich- rechts ein wuchtiger Bau auf, ein wahrer Koloss. Schnell überlegen wir, ob es eine Wasserburg oder ein Wasserschloss ist, das sich hier stolz erhebt, um sich letztendlich für letzteres zu entscheiden, da wir den Bau unschwer der Renaissancezeit zuordnen können. Sechs runde Türme, einer größer als der andere, zählen wir. Ja Kobersdorf ist ein Koloss, ein Bauwerk, dessen Geschichte man durchaus schon bei der Betrachtung sehen oder spüren kann.

Auch wenn die Renaissance nach wie vor dominierend ist, im Bereich der Kapelle aber erkennen wir noch ein Relikt des Mittelalters. Kobersdorf ist damit ein imposantes Mischmasch aus Mittelalter und Neuzeit, ein Prestigebau, der seit dem Mittelalter immer wieder große Beachtung fand.

Auch hier in Kobersdorf tobte die Güssinger Fehde, wenn auch nur kurz. Am 27. Mai 1289 kamen die Österreicher von Neckenmarkt hier her, die damalige Burg wurde nach einem weiteren Tag- wohl aus Angst vor einer militärischen Unterlegenheit- übergeben. Unklar erscheint, ob die Burg damals bereits hier oder im Bereich der Flur „Stronz“, wo ebenfalls ein Burgstall nachgewiesen werden konnte, gestanden ist. Auch die Kirche erscheint als Standort der ursprünglichen Burg möglich. Im Gegensatz zum Standort des Wasserschlosses sind die beiden anderen auf einer markanten Höhe und somit auch strategisch bedeutend.

Wie dem auch sei, 1319 kam Kobersdorf an die Grafen von Mattersdorf, die zu dieser Zeit die Burg Forchtenstein errichteten. 120. Jahre später verpfändete der letzte Mattersdorfer, Wilhelm, Kobersdorf an die Habsburger. Ähnlich wie Forchtenstein sollte auch Kobersdorf beinahe ein österreichisches Lehen werden, das die Habsburger je nach Gutdünken hergaben. Die Besitzer sind fast die gleichen wie im bereits erwähnten Forchtenstein oder in Landsee: da lesen wir von den Weißpriach oder den Prüschenk. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden wieder ungarische Adelige Burg- beziehungsweise nun Schlossbesitzer. Es war die Zeit, in der Kobersdorf ein imposantes Renaissanceschloss wird, das auch in kriegerischen Zeiten einen sicheren Schutz bot. Ab 1704 waren auch hier die Esterházy Besitzer. Nach einer Periode des Verfalls wurde das Schloss ab den 1960er Jahren mustergültig saniert, heute finden hier überregional bekannte Theaterfestspiele statt.

Wir fahren in Richtung Osten und gelangen nach Lackenbach, wo ebenfalls ein Renaissanceschloss steht. Es hat aber seine Ursprünge auch in eben dieser Epoche. Lackenbach war 1620 Schauplatz einer blutigen Schlacht zwischen den kaisertreuen Truppen unter Führung von Esterházy Miklos, dem ersten- fürs heutige Burgenland bedeutenden- Spross dieser Familie, und den Truppen des siebenbürgischen Fürsten Bethlen Gabor.

Esterházy, damals Herr von Lackenbach, wurde angeblich durch die benachbarten Bauern aus Neckenmarkt rechtzeitig alarmiert, wodurch letztendlich (die genauen, recht blutigen Details ersparen wir uns hier) seine Truppen den Sieg davon trugen. Esterházy, der nun endgültig zum ungarischen Hochadeligen aufstieg und 1625 Palatin wurde, schenkte den Neckenmarktern einen bis heute praktizierenden Brauch: Das Fahnenschwingen, das bis heute traditionell am ersten Sonntag nach Fronleichnam stattfindet. Dieser Brauch erfolgt nach genauen Regeln, die sich auch in der Uniform widerspiegeln.

Von Lackenbach kommen wir kurz nach Raiding, wo 1811 Franz Lizst geboren wurde, bevor es über Neckenmarkt, wo neben den Fahnenschwingern eine, bis vor wenigen Jahren noch durch Mauerreste erkennbare Burg zu vermerken ist, zu unserem letzten Ziel, nämlich Deutschkreuz geht.

Wir gelangen bald zum Schloss, das- ähnlich wie Kobersdorf- eine sehr imposante Aura hat, doch hier spüren wir Morbidität. Wir treten ein und gelangen in den mächtigen Arkadenhof, der uns aufgrund seiner Größe sehr beeindruckt. Im Inneren sorgen große Räume ebenso für eine derartige Impression. Deutschkreuz ist ebenfalls ein Koloss, aber seine Aura ist von Vergänglichkeit geprägt, von Prunk und Darstellungs- und Geltungssucht alter feudaler Institutionen. Dass ein derartiges Bauwerk aber nach dem Ende dieser Zeit weiterhin bestehen durfte und saniert wurde, ist dem Maler Anton Lehmden, einem bedeutenden Vertreter der „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“ zu verdanken, der bis zu seinem Tod, 2018, das Schloss vorbildlich restaurierte. Die großen Räume des Schlosses kann gerade ein derartiger Künstler besonders gut nutzen, kann ihnen eine neue Bedeutung einhauchen und eine neue Aura schaffen, ohne die alte zu zerstören.

Wir verlassen beeindruckt das Schloss wieder und spazieren ein wenig bei einem nahe gelegenen Feld. Hinter uns taucht etwas über den Getreideähren, umgeben von grünen Bäumen und Laub das dunkelrote, schon sehr morbid wirkende Dach des Schlosses auf, das die, von Regen grau- blau gefärbten Wolken bekrönt, und wahrlich eine farbenprächtige Komposition darstellt, die auch ein Maler hätte zeichnen können, um uns zu imponieren. Fasziniert von dieser Aura beenden wir unsere Reise durch das Mittelburgenland und treten den Heimweg an, wo auch immer wir hergekommen sind…

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