Das Mittelburgenland- 5. Von einer Burg mit einem „Kultraum“ / Pars Tertius

Kommen wir zu den Quellen. Die sind in Lockenhaus ziemlich spärlich. Gerhard Volfing hat sie in seinen beiden Publikationen von 2001 und 2012 skizziert. Dabei gibt es lediglich vier Quellen für das 13. Jahrhundert, die Lockenhaus erwähnen. Die erste Erwähnung erfolgt im Zusammenhang mit den Mongolenkämpfen und liefert keine weitere Aussage zu den Besitzerverhältnissen. Der in diesem Zusammenhang von Karl Josef Homma erwähnte Torda wird erst 1260 genannt.

1256 bestätigt Banus Nikolaus von Eisenburg seinem Dienstmann Bana von Eisenburg den Besitz von Szünöse, den dieser gegen seinen Erbbesitz Velike bei Lockenhaus eingetauscht hat. Auch hier wird kein Besitzer genannt, die Tatsache, dass ein Dienstmann des Banus von Eisenburg- der Nikolaus hieß!- in der Umgebung von Lockenhaus Besitzungen hatte, lässt aber auf einiges schließen:

Erstens war die Burg damals derart bedeutend, dass sie als geografischer Fixpunkt erwähnt wurde. Diese „Bedeutung“ lässt aber auch vermuten- wohlgemerkt vermuten!- dass sie entweder aufgrund ihrer Bausubstanz oder wegen bedeutende Besitzer als Fixpunkt galt. Vielleicht wird die Burg auch deswegen erwähnt, weil sie im Besitz des Nikolaus war und damit einen Fixpunkt in dessen Herrschaftsgebiet darstellte. Lassen wir es mal bei dieser Spekulation und gehen wir weiter in den Quellen.

1260 verleiht König Stephan V. von Ungarn auf Bitten des Gespans und Oberkämmerer Csak dem Torda das Burgland Csöszi im Komitat Zala, da Torda mit seinem Vater Geur die Burg Lockenhaus gegen die Österreicher verteidigte. Diese Quelle ist besonders interessant.

Auch sie erwähnt keine Besitzer, immerhin wissen wir aus der Quelle, dass Burg Lockenhaus damals durch königsnahes Klientel gegen die Österreich verteidigt wurde. Sowohl die Templer wie auch andere potentielle Kandidaten fallen insofern nun als Besitz aus.

Immerhin muss diese Verteidigung für den Oberkämmerer Csak von derartiger Wichtigkeit gewesen sein, dass er den König um eine Belohnung für die Verteidiger bat. Das legt den Schluss nahe, dass Csak damals Burgbesitzer war und die Verteidigung kurzfristig dem Torda überlassen hatte.

Diese Vermutung wird in der so genannten Teilungsurkunde der Grafen von Güssing, 1279, bestätigt. Dieses Dokument ist allerdings nur durch eine Abschrift aus dem 16. Jahrhundert erhalten, die sich wiederum auf eine Abschrift aus dem Jahr 1328 (!) bezieht. Gerhard Volfing hat gerade diese Urkunde daher zu Recht sehr kritisch hinterfragt. Denn 1328 war die politische Lage durchaus anders. Es ist die Zeit, als die Güns- Güssinger relativ unabhängig vom ungarischen König ihr Gebiet beherrschten. Dieses „Beherrschen“ versuchten sie freilich durch ältere Quellen zu legitimieren und da war diese Teilungsurkunde von 1279 eine der wichtigsten Dokumente, die Frage, ob man hier nicht ein wenig nachhelfen wollte, soll zukünftigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorbehalten sein. Zumindest dürfte man die Quelle von 1260 gekannt haben.

Für uns stellt sich aber die Frage, wann Lockenhaus nun in Besitz der Güssinger gekommen wäre. 1328 war dieses jedenfalls Realität, 1279 demnach auch. Die Mär, dass Heinrich von Güssing 1270 die Burg dem Přemysl Ottokar übergeben hätte, entbehrt jeglicher Quelle. Überraschend ist auch, dass Lockenhaus in den Quellen zur Güssinger Fehde nicht erwähnt wird, obgleich das benachbarte Güns und Rechnitz sehr wohl erobert wurden. Gerhard Volfing schloss daraus, dass die Burg nicht erobert wurde, weil sie eben den Templern gehörte. Nun nennt aber die Teilungsurkunde von 1279 den Banus Nikolaus von Güns als Besitzer, gegen den die Habsburger nicht derartig vorgingen, wie es bei dessen Bruder Ivan der Fall war, was die Authentizität der Teilungsurkunde von 1279 wieder bestätigen würde.

Allerdings wurde die 1279 ebenfalls an Nikolaus gegangene Wehrkirche von Pilgersdorf sehr wohl zerstört, was wiederum den Schluss nahe legt, dass bei Lockenhaus andere Umstände vorhanden waren.

Wie also können wir den Spagat rund um die Templer und Lockenhaus lösen? Was können wir zur Frühgeschichte sagen?

Lassen Sie mich mit einer Intention beginnen:

Ich habe im Zuge der Arbeit an diesem Artikel eine für mich wichtige Erkenntnis erlangt, die Gerhard Volfing indirekt erwähnt. Die Geschichte von Lockenhaus muss zumindest teilweise mit der Geschichte des Klosters Marienberg zusammen gehangen sein. Das bedeutet nicht unbedingt, dass die Gründer des Klosters, die Familie Bors, auch Besitzer von Lockenhaus waren, schließt es aber auch nicht aus. Wir wissen, dass das Kloster 1207 über mehrere Steinbrüche verfügte, deren Steine vielleicht auch für den Bau von Lockenhaus verwendet wurden.

Wenn Volfing nun erwähnt, dass die Templer auf Lockenhaus zum Schutze von Marienberg eingesetzt wurden, so dürften diese dem Auftrag nicht weiter nachgekommen sein, denn die Quellen berichten ja von den Katastrophen, die dem Kloster arg zusetzten.

Allerdings wissen wir, dass es Templer im näheren Umfeld gab: ein Verbindungsglied zwischen dem Kloster und dem Ritterorden stellt Gespan Nikolaus von Güns dar, in dessen Umfeld 1223 ein „magister de Templo“ aus dem Konvent von Ödenburg genannt wird. Darüber hinaus hatten die Templer nachweislich Besitz in der Nähe von Lutzmannsburg und waren daher dem jeweiligen Gespan sehr nahe.

Der Name Nikolaus wiederum ist für die Burg sehr signifikant und begegnet uns in der Geschichte der Burg auffällig oft. Zudem ist auch die Burgkapelle dem Heiligen Nikolaus geweiht. Eine erste Verbindung? Wir erinnern uns, dass Nikolaus sich selbst nach dem nahe gelegenen Güns nennt und 1224 den Schutz des Klosters übernimmt. Insofern ist er der wohl potenziellste Kandidat für Lockenhaus.

Als königsnaher Adeliger war Nikolaus dementsprechend mächtig, um Lockenhaus aus zu bauen oder aber aber die Templer hier als Bauherren wirken zu lassen (was möglich wäre). Die Burg selbst dürfte den Quellen nach- wir haben es oben festgestellt- nicht im Besitz der Templer gewesen sein (jetzt habe ich es endgültig gesagt!), sondern im Besitz von königsnahem Klientel, etwa eines Gespans, sich befunden haben. Dieser Umstand ist bis 1279 zu beobachten!

Die Idee, hier die Templer an zu siedeln, hat aber auch strategische Vorteile: Lockenhaus wäre damit für diverse, wohlgemerkt christliche Feinde ein Sakrileg geworden, denn eine Ordensburg griff ein „normaler“ Christ nicht an. Das allerdings wird durch die Urkunde von 1260 deutlich widerlegt!

Es liegt der Schluss nahe, dass die Errichtung der Burg zwar unter Mitwirkung der Templer erfolgt sein könnte, aber der Orden als Besitzer nicht weiter in Frage kommen mag, was nicht unbedingt bedeutet, dass es in Lockenhaus keine Templer gab.

Gerhard Volfing, der beim Lesen dieses Artikels wohl nicht ganz meine Meinung teilen wird, hat noch eine mögliche Hypothese parat: Im Ort Lockenhaus gab es zwischen 1316 und 1337 ein Franziskanerkloster gab, dessen Größe und Aussehen aufgrund von überdimensionalen Ausmaßen nicht den Vorgaben des Bettelordens entsprach und somit von den Templern errichtet worden wäre. Auch hier müssen wir im Bereich der Spekulation bleiben.

Der Zusammenhang zwischen Lockenhaus und dem Templerorden wird erstmals 1671 bei einer Bestandsaufnahme erwähnt, später wurden einige Sagen aufgeschrieben, die von einer blutigen Eroberung der Templerburg Lockenhaus berichten. Diese Eroberung soll sich auf die markante Eroberung von 1337 beziehen, die in der Geschichte der Burg eine besondere Rolle einnimmt.

Nach 1337 ist Lockenhaus im königlichen Besitz (die Güssinger wurden dafür sogar entschädigt), ehe sie 1390 an die Kanizsai kam, die bis 1558 mit kurzen (wohlgemerkt österreichischen) Unterbrechungen Burgbesitzer blieben. Da die letzte Kaniysai, Ursula, Palatin Nádasdy Thomas geheiratet hatte, kam Lockenhaus nun in den Besitz dieser Familie. Der Sohn von Thomas, Ferenc, ehelichte wiederum die berüchtigte Báthory Ersébet, die über 650 junge Mädchen bestialisch ermordet haben soll. Auch Lockenhaus war Ort dieser grausamen Tätigkeit, die Eiserne Jungfrau in der Burg soll aus jener Zeit stammen. Der Enkel von Ferenc und Ersébet, wieder ein Ferenc, rebellierte 1670 gegen die Habsburger und wurde 1671 geköpft, an ihm erinnert eine Statue im Burghof. In der Bestandsaufnahme des Erbes wird im Bezug zum Rittersaal in Lockenhaus auch erstmals die Nähe zu den Templern erwähnt. Ab 1676 waren die Esterházy Burgbesitzer. Lockenhaus verfiel, wurde eine Ruine, ehe sie ab 1968 unter großem Aufwand durch den Dichter Paul Anton Keller eine Renaissance erlebte, sodass aus der Ruine wieder eine Burg wurde.

Bevor wir die Burg verlassen, weißt Gerhard Volfing uns auf ein bauliches Detail hin, das seine Hypothese wie nichts anderes unterstützt: in jedem ihrer Bauwerke fügten die Templer einen architektonischen „Fehler“ ein und genau so ein „Fehler“ ist auch in Lockenhaus zu sehen. Alles Zufall oder nicht? Wir betreten wieder den äußeren Burghof, um dann die Burg zu verlassen. Ein Hauch von Nebel umgibt die Burg. Ähnlich der Frage, wie sich das weitere Wetter gestaltet, bleibt auch die frühe Geschichte der Burg im Konjunktiv, den wohl nur Bauhistoriker, Archivare (also Quellenkundige) und einzelne Historiker, die sich mit dem aristokratisch- verwaltungstechnischen Umfeld der ungarischen Herrscher sowie der Rolle des Templerordens in Ungarn auseinandersetzen, in eine „stabilere“ Zeitform setzen können.

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