Das Mittelburgenland- 5. Von einer Burg mit einem „Kultraum“ / Pars Secundus

Gemeinsam gehen wir zum Ausgangspunkt zurück. Wir entscheiden uns nun für den Burghof, der- ähnlich wie in Landsee, Schlaining oder Güssing- sehr unregelmäßig ist. Man hat hier zunächst die Ringmauern und den Bergfried errichtet, um dann innerhalb der Ringmauer Gebäudeteile zu bauen. Vor uns liegt links die Burgkapelle mit ihrem Turm, davor steht eine Statue des Magnaten Nádasdy Férenc, der 1671 als Aufständischer überführt und in Wien geköpft wurde. Er war damals auch Besitzer von Lockenhaus.

Wir betreten die Kapelle, die dem Heiligen Nikolaus geweiht ist und heute durch weiße Wände geprägt ist, was freilich nicht dem Urzustand entspricht. In der rechten Fensternische sind Fresken zu sehen, die ältesten des Burgenlandes. Wir sehen hier einerseits ein relativ gut erhaltenes Fresko, das einen Patriarchen (!) oder den Heiligen Nikolaus darstellt. Da die Kapelle letzterem geweiht ist, spricht einiges dafür, dass wir hier den Heiligen Nikolaus vor uns haben. Das zweite Fresko ist nur zum Teil erhalten, wir können nur die Füße erkennen, die sich als gepanzert erweisen und somit Ritterfüße sind.  Uns fallen auch die Farben der Fresken auf, die etwas dunkel erscheinen und uns eher an orthodoxe Fresken erinnern. Unser Eindruck ist nicht falsch, tatsächlich weist Lockenhaus byzantinisch- artige Fresken auf, ein Unikat also, das es in Österreich kein zweites Mal gibt und auch in Ungarn nur ein weiteres Mal (auf Burg Sümeg) zu finden ist (lediglich in der Ostslowakei beziehungsweise in Transkarpatien und somit im ehemals nordöstlichen Teil des einstigen Königreiches Ungarn gibt es alte orthodoxe Kirchen). Es gibt übrigens ein sehr ähnliches Nikolaus- Fresko in der Kirche Aghios Nikolaos tis Stegis in Zypern, wie uns Gerhard Volfing erzählt.

Wir gelangen wieder in den Hof und gehen nach links, wo der „Rittersaal“ liegen soll. Wir öffnen die Türe und betreten eine zweischiffige Halle mit Kreuzrippengewölbe, die von achteckigen Säulen getragen wird. Derart gotische Räumlichkeiten sind in Burgen selten zu finden, wir kennen sie eher aus Klöstern, wie etwa Heiligenkreuz. Doch warum gibt es gerade in Lockenhaus derartige Räume?

Hier kommen die Hypothesen von Gerhard Volfing ins Spiel!

Seine Annahme bezieht sich auf bauliche Details, die er vor allem in drei Räumlichkeiten- dem Zweiapsidensaal (vulgo „Kultraum“), der Kapelle und dem Rittersaal- gefunden hat, während die schriftlichen Belege spärlich sind und die Templer als Besitzer nicht nennen.

Der Name Lockenhaus an sich lautet im ungarischen „Léka“ und leitet sich laut Volfing aus dem griechischen „Leuka“ ab, was so viel wie weiß bedeutet.

Laut Volfing wurde Lockenhaus nach einem Planschema angelegt, das jenem der Zisterzienser entspricht und von den Templern auch so übernommen wurde, nämlich dass die Kirche im Norden und der Kapitelsaal im Osten liegt, während sich im Westen wirtschaftliche Einrichtung, wie etwa die Küche, befanden. Die Zisterzienserklöster Heiligenkreuz, Lilienfeld und Zwettl sind so angelegt, nicht aber das Kloster Marienberg, wo die Kirche im Süden lag! In Lockenhaus ist die Situation schon wegen der Lage etwas anders, da die Burg an drei Seiten auf einem Felsen steht und da von der Güns umgeben ist. Bergfried und Ringmauer sind- schon wegen ihrer Bedeutung, aber auch aufgrund der Bauweise- die ältesten Teile der Burg. Die Kapelle liegt im Osten (wie bei Burgen üblich), der Rittersaal im Süden. Lediglich die erste Küche dürfte im Westen gelegen sein. Die Grundhypothese, dass der Rittersaal neben der Kapelle liegt, stimmt auch nur ansatzweise, da beide Räume nicht direkt nebeneinander liegen.

Auffällig an Lockenhaus ist die Bauweise. Sowohl im Zweiapsidensaal als auch im Rittersaal sind sehr viele Quadersteine anzutreffen, eine eher „gehobene“ Art, Bauwerke zu errichten, wie etwa Kirchen oder Klöster. Die Burgen dieser Region, soweit wir über die Bauart informiert sind (was bei den Burgställen nahezu unmöglich ist), wurden mit billigeren Bruchsteinen errichtet. Lockenhaus muss also- wie bereits fest gestellt- einen reichen Bauherren gehabt haben. Volfing fand aber noch mehr. Lockenhaus weist nicht nur Quadermauerwerk auf, es gibt auch einige Steinmetzzeichen, die er dokumentieren konnte. Volfing suchte diese Zeichen in anderen derartigen Bauten und wurde in Heiligenkreuz (aber auch bei Kreuzfahrerburgen quer durch Europa) fündig. Demnach waren Mitglieder der Heiligenkreuzer Bauhütte auch in Lockenhaus tätig. Dabei dürfen wir eines nicht vergessen. Unweit von Lockenhaus lag bekanntlich eben die Zisterzienserabtei Marienberg, die wiederum zu Heiligenkreuz gute Kontakte pflegte. Eine Verbindung ist damit durchaus gegeben, ja sie erlaubt uns sogar zu sagen, dass während der Errichtung von Marienberg, um 1200, auch Lockenhaus errichtet wurde, während der Kreuzgang sowie der Kapitelsaal von Heiligenkreuz ebenfalls in diese Zeit (bis etwa 1250) zu datieren ist. Noch dazu waren die Templer mit den Zisterziensern eng verbunden und hatten das nötige Kleingeld. Die Nähe zu Klostermarienberg ist demnach ein wichtiger Hinweis und vielleicht auch der Schlüssel zu diesem Rätsel.

Was den Zweiapsidenraum betrifft, gab es einige interessante Untersuchungen in verschiedene Richtungen, darunter auch in astronomischer. Der Raum ist exakt Nord- Süd gerichtet. Durch die Lichtöffnung können bestimmte Himmelskonstellationen beobachtet werden. War der Raum gar für Astronomieinteressierte errichtet worden?

Derartige Gestalten wären für diese Region gänzlich undenkbar, gäbe es da nicht eine Institution, die sich dafür interessieren würde. Wie eben die Templer, die bekanntlich auch beim Bau der unterirdischen Virgilkapelle in Wien derartige Spuren hinterlassen haben. Vielleicht gab es in Lockenhaus aber auch eine Ausnahme informa eines Adeligen, der sich hier verewigen wollte. Warum aber dann das Tatzenkreuz? Umgekehrt muss aber irgendwer die Templer in diesen Landstrich geholt haben. Und so fragen wir uns wer als erster hier war, die Henne oder das Ei? Und dazu gleich die Frage: Gab es denn überhaupt ein Ei?

Noch etwas sei hierbei erwähnt: Klostermarienberg erhielt erst nach 1240 seine Apsis, die grundsätzlich gegen die Regeln der Zisterzienser sprach. Demnach wäre die Apsis von Lockenhaus älter als jene von Klostermarienberg.

Es gibt aber noch eine Burg in der Nähe, die wahrscheinlich eine untypische Apsis hatte, nämlich Burg Òház bei Köszeg (Güns), die nachweislich den Grafen von Güns- Güssing gehörte. Diese Apsis, die bis dato nur vermutet wird (!) war nach Süden orientiert, ähnlich der Apsis von Lockenhaus. Ob es hier wohl eine Verbindung gibt?

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