Das Mittelburgenland- 3. Von einer großen Komitatsburg, die verschwunden ist.

Szenenwechsel. Wir fahren hinein in das Mittelburgenland, genau genommen in die Bezirkshauptstadt Oberpullendorf, um noch weiter nach Osten zu gelangen. Unser Ziel ist Lutzmannsburg, aber nicht die Therme, sondern ein anderer Ort, der im Mittelburgenland eine zentrale Rolle einnahm. Lutzmannsburg liegt an der Ostgrenze des Mittelburgenlandes, wir müssen daher vom Westen in den Osten.

Es regnet. Wir könnten auch zum Burgstall Frauenbrunn fahren, der südlich von Deutschkreuz liegt, doch der Regen verhindert diesen Plan. Wenn man mal Lutzmannsburg erreicht, so wird rechterhand am Berg eine kleine Kirche sichtbar. Sie ist unser Ziel.

Wir fahren in den Ort und biegen rechts ab. Eine schmale Straße führt zur Kirche.

Es geht nach rechts bergauf, ehe auf einmal die Straße einen Bogen nach links macht. Wir haben damit unser Ziel schon umkreist und befinden uns im Burggraben. Die Dimensionen erscheinen mächtig und links ist noch immer ein Wall, der plötzlich eine Unterbrechung aufweist, aus welcher die Kirche durchblickt. Hier befand sich das einstige Burgtor, der Wall dürfte jedoch aus der Urgeschichte stammen.

Wir fahren hier zur Kirche, die sich nun stolz vor uns erhebt. Sie an sich wäre schon sehenswert genug, ist sie doch aus dem Spätmittelalter und somit recht alt, doch ihr Standort ist etwas ganz besonderes, das man freilich auf den ersten Blick nicht erkennen würde.

Wir stehen am Standort der einst bedeutendsten Burg des Burgenlandes!

Ja jetzt können Sie mal tief Luft holen. Weder Forchtenstein, Bernstein, Schlaining noch das so mächtige Güssing (zu Lockenhaus kommen wir noch) sind zumindest vom Titel her je so bedeutend gewesen wie die Lutzmannsburg, an deren Stelle wir nun hier stehen.

Denn Lutzmannsburg war eine Komitatsburg, also Sitz eines Gespans.

Was aber sind Komitate?

Das zentralistische Königreich Ungarn war seit dem Hochmittelalter in Komitate- man könnte es als Grafschaft bezeichnen, denn Komitat kommt von „comes“, also Graf- geteilt. Diese Komitate waren auch Gerichtsbezirke und wurden von einem so genannten Gespan verwaltet, der wiederum vom König eingesetzt wurde. Im Gegensatz dazu war das Heilige Römische Reich in Herzogtümer geteilt, die teilweise sehr unabhängig waren und sehr bald zum verfassungsgeschichtlichen Fast- Zerfall des Reiches führten. Ungarn ist noch heute in Komitate geteilt und der Name Burgenland kommt von den Grenzkomitaten Pressburg, Wieselburg, Ödenburg und Eisenburg! Diese „Burgen“ waren damit der Ausgangspunkt der Komitate, aus welchem sich meist florierende Städte bildeten. Nicht so in Lutzmannsburg, wie es scheint.

Das verraten uns auch die Quellen. Denn schon 1156 übergab der ungarische König zwei Gästen (!), nämlich einem Albrecht und Gottfried den Markt (!) Lutzmannsburg. Burg und Markt werden damit getrennt, ein wirtschaftlich ungünstiger Faktor, dessen Hintergründe uns unbekannt bleiben. Es ist jene Zeit, als Österreich von der Mark zum Herzogtum wird und Grenzstreitigkeiten an der Tagesordnung stehen, bald auch wieder eskalieren. Und es ist die Zeit, wo die Steirer Landsee errichten. Genau zu dieser Zeit wird der Komitatssitz dahingehend geschwächt, ob hier nicht doch ein Zusammenhang besteht?

Denn Landsee gehörte auch zum Komitat Lutzmannsburg und dem Gespan wäre eine derartige Grenzverletzung- falls dies tatsächlich ohne königliche Zustimmung erfolgte- gewiss aufgefallen, doch im Fall von Lutzmannsburg lagen die Dinge anders. Die Streitigkeiten zwischen den beiden „Deutschen“ Albrecht und Gottfried sowie dem Gespan, einem Ivan  blieben bestehen und sind uns noch im Jahr 1171 belegt. Dieser Ivan wurde recht alt. Noch um 1200 bestimmte er, dass in Klostermarienberg seine Grablege sich befinden soll. Dann schweigen die Berichte vorerst.

Erst in den 1260er Jahren taucht Lutzmannsburg wieder auf, nun ist ein Laurentius d. Aba Burgherr und Gespan. Er ist ein regionaler Adeliger, stammt aber aus Slawonien. Seine Burg stand in Neckenmarkt und ist heute verschwunden (letzte Mauerreste waren noch vor einigen Jahren sichtbar, dürften aber nun auch abgetragen worden sein). Damit ist Lutzmannsburg eine regionale Macht, doch das nahe liegende Ödenburg ist noch bedeutender und beginnt langsam aber sicher das kleine Lutzmannsburg zu verschlingen.

1263 und 1281 werden die Burg und das Komitat noch einmal genannt und beschrieben, wodurch wir über die geografischen Ausmaße informiert sind. Dadurch wissen wir, dass Jeva und Landsee ebenfalls zum Komitat gehörten. Demnach ist nahezu das gesamte Mittelburgenland quasi ein Teil dieses Komitates. Heute ist Lutzmannsburg ein Grenzort und nur wenige Kilometer östlich des Burgstalls liegt die Grenze, damals lag der Ort in der Mitte des Komitats. Damit ist das Mittelburgenland die östliche Hälfte des einstigen Komitats Lutzmannsburg.

Die Familie des Laurentius wird nach 1250 von den Güssingern immer mehr „unterdrückt“, denn nun spielen diese eine erhebliche Rolle, was wiederum bald zu Konflikten mit dem König sowie den österreichischen Herzögen führen wird. Dabei spielt die Lutzmannsburg keine gewichtige Rolle mehr, sie dürfte damals bereits entweder verfallen oder zerstört worden sein. Berichte dazu gibt es keine. Was blieb war eine Kirche und einige Mauerreste, die im Laufe der Zeit ebenso verschwunden sind.

In den 1950er Jahren wurde die Lutzmannsburg archäologisch untersucht, dabei wurden einige Gebäude im Bereich der Kirche gefunden. Die Burg verfügte über gepflasterte Fußböden und hatte demnach auch einigen Luxus, der in den sonst oft unkomfortablen Burgen des Mittelalters gewiss bewundert wurde. An Baumaterial fehlte es auch nicht, denn schon die Römer hatten hier ihre Spuren in Form von sehr vielen gebrannten Tonziegeln hinterlassen, die man im Mittelalter gewiss gerne zur Hand nahm. So groß und mächtig der Burgstall heute noch wirkt, so verhängnisvoll ist seine Geschichte, die von Anfang an von Bedeutungsverlust geprägt war.

Im Burgenland gab es übrigens noch eine zweite Komitatsburg, nämlich in Deutsch Kaltenbrunn. Doch in diesem Falle wissen wir nicht einmal, wo die Burg gestanden ist.

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