Das Mittelburgenland- 1. Von den unverschämten Steirern

Wir überqueren die Rosalia (Sala’He) und das Ödenburger Gebirge mit seinen tiefen Gräben, ehe sich vor uns, von Norden kommend, eine neue Gegend auftut. Wie ein Tor öffnet sich eine Ebene mit einigen kleinen Bergen und einem mächtigen „Gebirge“ im Hintergrund.

Wir sind im Mittelburgenland angekommen, einer Gegend, die es eigentlich erst seit 1921 gibt. Geschaffen wurde sie aus der Begebenheit, da Ödenburg, welches die Hauptstadt dieses Bundeslandes hätte werden sollen, aufgrund einer Volksabstimmung bei Ungarn blieb, wodurch dieses neue Bundesland hier mit einer Breite von vier Kilometern den schmalsten Abschnitt seiner Fläche hat, ideal um eine Abgrenzung zu haben, die noch dazu auch geologisch gesehen natürlich ist, denn das Ödenburger Gebirge grenzt das Nord- vom Mittelburgenland eindeutig ab. Spätestens jetzt haben wir unsere Viertelreihe endgültig verlassen und sind am besten Weg, diese Reihe zu einer „Regionalgeschichte- Reihe“ zu machen.

Die Bezeichnung „Mittelburgenland“ ist zugegebenermaßen ein holpriger Name für diese Region, die eigentlich nur aus einem Bezirk besteht, nämlich Oberpullendorf (was- man verzeihe meinen Sarkasmus- ebenfalls etwas holprig klingt). Etwa 700 km² ist dieses Gebiet groß und an drei Seiten von Bergen umgeben: Im Norden sind es, wie bereits erwähnt, die Rosalia und das Ödenburger Gebirge, im Westen liegt das Landseer Gebirge vor der Buckligen Welt (und damit das eigentliche geschichtliche Gegenstück zum Mittelburgenland) und im Süden kündigen das Bernsteiner- und Günser Gebirge geschlossen das Südburgenland an. Wie von drei Mauern umgeben, ist dieses Land nur nach Osten hin offen, doch dort ist schon nach wenigen Kilometern die Grenze erreicht, die es bis vor fast 100. Jahren noch nicht gab.

Das ist die Ironie dieser Region: Grenzland war es schon seit Jahrhunderten, aber seine heutigen Grenzen- mit Ausnahme der Westseite- hat es erst im 20. Jahrhundert erhalten. Ob Ironie oder nicht, auf der Landkarte sieht diese Gegend ein wenig wie der Bauch der Burgenlandes aus (wenn man dieses Gebiet von Süden nach Norden betrachtend personifiziert).

Mit diesen einleitenden Worten möchte ich Sie nun auf eine geschichtliche Reise in diese Region einladen. Wir werden durch die Jahrhunderte von Nord nach Süd reißen, in einem Kultraum dann wenden und wieder noch einmal kurz nach Norden zurückkommen.

 

Kapitel 1

Von den unverschämten Steirern

Fährt man nun von Norden nach Süden, so wird bald rechts eine mächtige Anlage sichtbar, die uns sofort an Forchtenstein erinnert. Doch im Gegensatz zu dieser ist diese Anlage eine Ruine, aber noch immer so stolz wie einst, als sie noch bedacht in die Gegend blickte. Je mehr man sich ihr nähert, desto eindrucksvoller erscheint sie. Es ist die Ruine Landsee, eine der  größten Ruinen Mitteleuropas, ein wahrer Koloss, den wir in dieser Gegend grundsätzlich mal nicht vermutet hätten. Aber es gibt im Mittelburgenland noch einiges zu bestaunen.

Doch eines ist bei diesem Burgrest eigenartig: Es scheint fast so, dass  diese Feste aufgrund ihrer Bauweise gegen Osten und damit gegen Ungarn gerichtet ist. Der Eindruck täuscht nicht, wie wir bald merken werden.

Wir fahren von der Schnellstraße herunter und biegen nach rechts in Richtung der Ruine ein. Zuerst gehrt es durch den Ort Neudorf, dann geht es nach einer kleinen Mühle bergauf.

Wir kommen auf eine Hochebene,, rechts geht es zur Ruine, gerade aus zum Ort. Wir biegen rechts ab und treffen auf einen alten halbverfallenen, aber umso romantischeren kleinen Friedhof. Es geht nun zum ersten Burgtor.  Wir lesen die Jahreszahl 1668 sowie die Hausnummer Landsee 176, durchschreiten dieses barocke Relikt und betreten das zweite Tor. Über uns ist eine Pechnase, im Torhaus können wir Reste einer Wendeltreppe finden. Vor uns liegt wieder ein tiefer Graben, eine Brücke führt zum dritten Tor, hinter dem eine große Wiese liegt. Vor uns erhebt sich das „Hochschloss“ mit dem eigenartig geformten Bergfried.

Das vierte Tor begrüßt uns, es ist wieder barock, wir durchschreiten es ebenso und biegen links ab zum Hochschloss und durchschreiten das fünfte Tor und die Torhalle, ehe wir im kleinen Burghof stehen, der förmlich in den Himmel ragt. Drei Stockwerke hatte das Hochschloss. Uns fallen die vielen gotischen Türrahmen auf, die heute leer sind. Wir gelangen in die Küche, dem wohl sehenswertesten Raum der Ruine, da es sich um eine Rauchküche mit überdimensionalem Rauchfang handelt, der der den Raum überdeckte. Wir blicken in den Himmel.

Weiter geht es zum Bergfried, der heute eine herrliche Fernsicht bietet. Wir können hier wie kaum woanders das ganze Mittelburgenland erblicken. Und so wie wir auf diese Gegend und auf die Ruine blicken, blicken wir auch auf die Geschichte und die ist bei Landsee etwas kurios.

Bleiben wir mal beim Ausblick. Wir wären am Bergfried der Burg ja fast geneigt, den Burgnamen aufgrund dieser dahingehend zu interprätieren, als dass man hier so viel Land sieht, also Landsee vom viel Land sehen. Doch diese Interpretation ist falsch!

Das Wort Landsee kommt von der Landesehre und die bezieht sich hier nicht auf die ungarische, sondern auf die steirische Ehre!

Denn der erste Ritter von Landsee, ein Gottschalk, scheint 1158 unter steirischen Adeligen auf, ebenso der 1173 genannte Erchanger. Vermutlich waren diese Herren eine Nebenlinie der steirischen Stubenberger. Zu dieser Zeit gehörte auch die Bucklige Welt zur Steiermark, daher ist der „Grenzübertritt“ um so klarer, zumal im Grenzbereich generell Ritter verschiedener Kulturen residierten, eine Eigenheit der ungarischen Grenzpolitik. Noch dazu tobte um 1170 in Ungarn ein Thronstreit, der die ungarischen Könige ablenkte und so den Steirern einen derartigen Grenzgang erlaubte.

Wie lange sich hier die Stubenberger halten konnten, ist nicht ganz bekannt, 1222 jedenfalls war Landsee bereits Teil der ungarischen Krone und wurde vom König immer wieder vergeben.

Im Zuge der Güssinger Fehde eroberte 1289 Herzog Albrecht I. die Burg, gab sie aber im Hainburger Frieden wieder an Ungarn zurück, allerdings sollte die Burg abgetragen werden. In wie weit dies erfolgte, ist fraglich, zumal einige Meinungen diese Altburg gar nicht im Bereich der heutigen Ruine sehen, sondern am Klosterberg oder am Heidriegel. Tatsächlich sind auf beiden Bergen Mauerreste zu sehen, am Klosterberg war aber im 18. Jahrhundert ein Kloster- daher der Name-, welches wir uns später noch etwas näher ansehen.

Am Haidriegel wiederum sind ein Wall sowie ein eigenartiger Mauerrest- bestehend aus Trockenmauern- zu sehen, der sich zeitlich nicht einordnen lässt und damit ein Kuriosum darstellt.

Zurück zur Burg Landsee. 1438  übernehmen die Mattersburg- Forchtensteiner die Herrschaft, um sie kurze Zeit später den Habsburgern zu verkaufen. Ähnlich wie Forchtenstein wird Landsee nun de facto österreichisch, kommt aber zunächst an Matthias Corvinus, der die Burg wieder an den berühmt- berüchtigten Ulrich von Grafeneck weiter gibt. Ulrich war bekanntlich ein durchaus umtriebiger Söldnerführer, der mal für Kaiser Friedrich III., mal für Matthias Corvinus Partei nahm und für seine verwegenen Dienste großzügigst mit verschiedenen Burgen ausgestattet wurde. An Landsee dürfte der Grafenecker aber Gefallen gefunden haben, die gotischen Türstöcke im Hof gehen auf ihn zurück. Dem Grafeneck folgte Ulrich Weißpriach, der vor allem mit der Stadt Ödenburg stritt. Ulrichs Witwe Gertrud heuerte den Räuberhauptmann Franz Magutsch an, die Nachbarherrschaften zu überfallen. Landsee war damit ein Räubernest geworden. Dem Treiben von Magutsch konnte aber ein Ende gesetzt werden, Gertrud starb in Gefangenschaft.

1612 gelangte Landsee an die Esterházy und ist seither in deren Besitz, zu dieser Zeit wurde die Anlage noch einmal umgebaut, ehe sie im 18. Jahrhundert verfiel. Was blieb war eine imposante Ruine, die heute ihre ganz eigene Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die mit Steirern anfängt.

Wir verlassen die Ruine wieder, beeindruckt von ihrer Dimension, beeindruckt von ihrer Geschichte, vor allem aber beeindruckt von ihrer Ausstrahlung.

Fortsetzung folgt!

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