Das Industrieviertel- Ein attraktives Grenzland?

Das letzte Viertel Niederösterreichs, nun wieder südlich der Donau ist ein geografisch mehrgliedriges Gebiet, dessen Grenzen bis auf Osten klar umrissen sind. Hier haben wir uns ja schon im Mostviertel darüber unterhalten. Die große Tulln als Westgrenze ist ganz passabel, daher bleiben wird dabei, wenngleich es östlich der Tulln sehr wohl noch flaches Gebiet wie östlich der Tulln gibt, das bald schon hügelig wird und genau dort liegt dann auch schon der Wienerwald, die erste von drei großen Regionen diese Viertels. Gegen Süden hin übernimmt dann der Gerichtsberg die trennende Linie, die man dort sogar an den Besiedlungsspuren sehen kann: westlich davon, im so genannten Mostviertel gibt es frei stehende Höfe, die auf den Hügeln stehen, östlich davon, im Industrieviertel ist so etwas nahezu unbekannt. Neben dem erwähnten Wienerwald, an dessen Nordosten eben die Stadt Wien liegt, gibt es nun auch das Wiener Becken und damit die zweite große Region. Hier haben wir es mit einer sehr flachen Region, dem Steinfeld zu tun. In dieser Region liegen neben Wien (das einen Zwiesel zwischen Wienerwald und Laaaberg nutzte) die Städte Baden, Mödling (beide ebenfalls am Rand zum Wienerwald) sowie Wiener Neustadt. Von dort ist aber nicht mehr weit zur dritten Region, der Buckligen Welt, die quasi der Südzipfel des Industrieviertels ist. Die „Buckeln“ sind die Berge, die diese Region prägen.

Neben Wienerwald, Wiener Becken und der Buckligen welt gibt es noch zwei kleinere Gebiete, nämlich ostwärts des Wiener Beckens zur Hainburger Pforte und das Rax- Schneeberg- Gebiet, wobei letzterer sich als höchste Erhebung Niederösterreichs auszeichnet und sogar vom Weinviertel aus zu sehen ist. Der Schneeberg ist damit die dritte markante Erhebung neben Ötscher und Traunstein, die ihr Viertel sehr prägt.

Es sind also drei große Regionen, die dieses Viertel bilden, wobei eben der Wienerwald zunächst gar nicht wirklich dazu gerechnet wurde. Schon der Namen „Viertel unter dem Wienerwald“ suggeriert dieses. Tatsächlich wurde der Wienerwald über Jahrhunderte verwaltungstechnisch separat behandelt, so gab es seit Kaiser Maximilian I. in Purkersdorf ein Waldamt. In den meisten Orten waren Holzfäller, die von den wenigen Herrschaftsträgern, darunter die Stifte Heiligenkreuz und Klosterneuburg, jahraus jahrein mit der Rodung des Gebietes beschäftigt waren.

Aber auch an Burgen mangelt es im Wienerwald nicht. Von Greifenstein bis nach Gutenstein verkünden zahlreiche Anlagen die Geschichte dieses Gebietes, während im Wiener Becken kaum markante Burgen zu finden sind. Auch in der Buckligen Welt wurde das Gelände genutzt und mit Burgen besetzt, die heute noch markant über die Täler ragen. Die schönste Anlage ist wohl Seebenstein, das am Tor zu Buckligen Welt liegt und als „Perle des Pittentales“ gilt. Im benachbarten Thernberg wiederum ist eine mächtige Burg- und Schlossruine , die kaum zu begehen sind.

Auch im Osten, bei Hainburg, sind drei Burgruinen zu besichtigen, die als östlichste Burganlagen von Österreich und dereinst vom Heiligen römischen Reich galten. Diese Grenzregion lag gegenüber der ungarischen Stadt Pressburg, die heute die slowakische Hauptstadt Bratislava ist.

Hainburg markieren den nördlichen Teil des Industrieviertels und sind die einzige Region, die noch heute eine Grenze zum „Ausland“ hat. Das war aber nicht immer so, denn bis 1921 war diese Region ein Grenzgebiet. Die Funktion, das „Hinterland“ gegen wen auch immer zu schützen, war aber nicht immer die einzige Aufgabe dieses Landes. Das Industrieviertel war auch das Land, in dem Kaiser residierten, wo Fehden zwischen den Grenzrittern ausgetragen wurden, wo Kreuzfahrer noch einmal kurz Halt machten und wo neben blutigen Kämpfen es doch auch recht harmonisch zuging. Es ist eine lange Geschichte, die ich Ihnen erzählen möchte und die Ihnen den Eindruck vermitteln soll, dass dies Grenzland für so manchen Akteur recht attraktiv sein konnte. Sind Sie bereit für eine Zeitreise?

Der Weg in die Geschichte…

 

 

Kapitel 1.

Von Schlachten und kurzlebigen Marken.

Anstelle der Pankrazikirche dürfte sich im Hochmittelalter die Burg der Edelfreien von Nöstach befunden haben.

Unsere Geschichte beginnt…mit einer Schlacht: wir befinden uns im Jahre 1042. Die Ungarn sind in den Osten des damals noch waldreichen Heiligen Römischen Reiches eingefallen. Ihnen steht nun ein ostfränkisches Heer gegenüber, das- so sagen es die Quellen- sich gegen die Ungarn akkurat durchsetzen konnte. Rodungsbestrebungen hatte es zu dieser Zeit schon gegeben, denn bereits in den 1010ern und 1020ern gaben die späten Ottonen und die frühen Salier so genannte Königsgüter an die Babenberger. 1030 hatte ein Einfall der Ungarn bis in den Wienerwald diese bestreben vorerst gestoppt.

Mit dem Tod König Stephan I., des „Heiligen“, gab es in Ungarn Thronkämpfe, in denen nun auch Heinrich III. eingriff. In der Schlacht bei Pitten, 1042, konnten die Ungarn zurück gedrängt werden, 1044 wurde der ungarische König getötet und Friede geschlossen. Schon ein Jahr zuvor aber hatte Heinrich III. eine Struktur für die eroberten Gebiete geschaffen. Während der Wienerwald weiterhin fast undurchdringliches Land blieb, wurden östlich davon zwei „Grafschaft“ geschaffen, die Ungarnmark (Neumark), die ein Babenbergersprössling namens Liutpold erhielt und die Pittener Grafschaft, die an Gottfried von Wels- Lambach ging. Beiden sollte das Glück nicht lange bescherrt sein: Liutpold starb nur wenige Tage nach der Einsetzung (die Todesursache ist unklar) 1043, und Gottfried fiel 1049/50 einem Mordanschlag zum Opfer.

Während nun die Ungarnmark an einen Siegfried ging, aber später von den Babenbergern „verschluckt“ wurde, blieb die Grafschaft Pitten und somit die heutige Bucklige Welt unabhängig und ging an die Grafen von Formbach. Somit hatte hier nun eine Grafensippe aus dem späteren Innviertel die Macht übernommen. Die Formbacher begannen nun dieses Land zu kolonisieren, wobei sie ihre Klöster, etwa Reichersberg, mit der Errichtung von kirchlichen Institutionen beauftragten. Diese Struktur ist bis heute so, denn noch heute firmt der Propst von Reichersberg die Seebensteiner Firmlinge.

Nun gut, die Pittener Grafschaft war eigenständig, der Rest gehörte den Babenbergern. Immer wieder, vor allem an der Grenze zu Ungarn gab es Edelfreie, die ebenso eigenständig waren. Ihr Stammgebiet lag meistens in Bayern oder im Nordgau, der heutigen Oberpfalz. Eine dieser Edelfreien waren die Schwarzenburg- Nöstach, deren Burgen rund um den Hafnerberg lagen.

 

Kapitel 2.

  Von einem Heiligen Zänker, attraktiven Residenzen und diversen Streitigkeiten. 

Noch aber sind es große Wälder, oftmals undurchdringlich, nach Süden hin wilde Schluchten, undurchdringbares Geäst, kurz…eine gar unwirtliche Wildnis. Und genau hier in dieser Einöde soll der Sage nach mal ein Brautschleier sich verhängt haben. Markgraf Leopold III., der bekannteste Babenberger, hat soeben geheiratet und schon beginnen die Ehestreitigkeiten. Ein unguter Beginn?

Nur der Sage nach. Denn Leopold war ein gerissener Machtmensch. Durch einen spontanen Seitenwechsel im Kampf Kaiser Heinrichs IV gegen dessen eigenen Sohn Heinrich V. gelangte der Markgraf auf die Siegerseite. Zum Dank erhielt Leopold Agnes, die Schwester Heinrichs V. Die Saliertochter, damals bereits einmal verwitwet, muss sich hier wie im Dschungel vorgekommen sein. Leopold III. versuchte aber bald, ihre innigsten Wünsche zu erfüllen.

1114 rief Leopold III. die Augustiner- Chorherren zu seiner Neuburg und begründete dort ein mächtiges Stift. Aber das reichte ihm nicht. Noch ein weiteres, Heiligenkreuz, gründete der fromme Markgraf. Hier rief er die Zisterzienser her, denen auch sein Sohn Otto, später Bischof von Freising, angehörte. Der Versuch gelang und die Zisterzienser blieben hier. Dann, 1136, fiel Leopold doch noch den Wäldern zum Opfer. Ein Jagdunfall soll es gewesen sein. 1485 wurde er heilig gesprochen.

Einige Ritter hatten es geschafft, schon um 1130 in beiden Gebieten Fuß zu fassen. Hugo von Kranichberg war so einer. Er hatte auch Petronell inne und gründete bei Mödling eine Burg auf einem liechten Stein, die Burg Liechtenstein. Und Hugo ist Ahnherr der Liechtensteiner, die noch heute ein eigenes Fürstentum haben, das aber freilich nicht im Industrieviertel liegt, sondern um Vaduz.

In dieser Zeit begann es, im Industrieviertel zu hämmern und klopfen. Es wurde gerodet und gebaut. Bald schon begannen aber die ersten Streitigkeiten. Heinrich und Rapoto von Schwarzenburg-Nöstach etwa stritten und entschlossen sich, dass ein Kloster den Streit beenden sollte. Und so geschah es. Leopold III. tat da auch noch mit und so wurde das Kloster Kleinmariazell gegründet.

Die Streitigkeiten nahmen bald zu. Denn nun wurde es auch in der Pittener Mark laut. Im Süden, an der Mur, war die Steiermark am entstehen und deren Herren, die Markgrafen von Steyr, bedrängten die Pittener Herren (von Formbach). Nun entstand ein großer Burgengürtel nach Norden, entlang der Piesting. Dann, 1158, starb Ekbert III. von Formbach- Pitten in Mailand beim Versuch, eine Fahne auf einen Turm zu hissen (Mailand war da gerade von Kaiser Friedrich I. Barbarossa erobert worden) und die Steirer übernahmen die Pittener Mark. Vorerst zumindest.

Mittlerweile waren die Babenberger, nun Herzog Heinrich II. „Jasomirgott“, auf einen anderen Ort gekommen, der ihr Liebling wurde: Wien. Hier wurde eine Stadtburg (Am Hof) errichtet (eine ältere Anlage stand im Bereich Hoher Markt) und ein Benediktinerstift (Zu den Schotten) gegründet. Neben der Ortsmauer (denn Stadt war Wien noch nicht) wurde eine neue Kirche gebaut, die die Größe einer Kathedrale haben sollte, St. Stephan.

Der letzte Rest der Burg Mödling…

Südlich von Wien fanden die Babenberger in Mödling (Medilihha) einen weitere Aufenthaltsort, der ihnen durchs attraktiv war. Gleich zwei Burgen, eine neben der Kirche und eine oberhalb der Klause, boten ausrechend Platz, sodass nach 1177 hier eine Babenbergernebenlinie einzog, die Herzöge (!) von Mödling. Dieser durchaus Prestigeträchtige Titel rührt angeblich daher, dass Heinrich der Ältere von Mödling eine böhmische Herzogstochter geheiratet hatte und da man hier Wert auf Titel legte, wurde ein Herzogstitel erfunden.

Im Grenzland wurde weiter gestritten. Da gibt es etwa einen sehr ergreifenden Brief des Grafen Siboto von Falkenstein (und Hernstein) an O. von Merkenstein:

Wenn Ihr den Befehl, den ich geheim erteile, in Treue ausführt, will ich Euch alles tun, was Euch lieb ist. Wenn Ihr meinen Feind, den Rudolf von Piesting, der mich belästigt, niederwerft, aber so, dass Ihr und ich nicht dadurch der Kirchenbuße verfallen, dann mache ich alles, was wollt. […] Dies mein wort und Auftrag, mög‘ es noch vor St. Michael geschehen. Sieh‘ zu, dass er wenigstens des Augenlichtes beraubt werde, um weder uns noch sich selbst sehen zu können, das muss unser fester Entschluss sein. Wenn das aber geschieht, bitte ich, soll es gleichsam im Herzen begraben sein.

Ein Blick ins Fenster der Geschichte verrät: Auf Merkenstein ging es nicht immer harmonisch zu…

Ob der Merkensteiner die Tat verübte, ist nicht bekannt. Der Brief zeigt aber sehr wohl, wie labil das Verhältnis der Ritter zueinander sein konnte. Die Piesting war Grenze und Rudolf ein Grenzritter. Hier die Österreich, dort die Steirer. In den 1170ern kam es zu groben Auseinandersetzungen, 1186 trafen sie sich am Georgenberg bei Enns zu einem Erbvertrag, ab 1192 hatten die Steirer einen österreichischen Herzog, womit die Grenze nur noch formellen Charakter hatte.

Die Babenberger blieben aber lieber nördlich des Semmerings und ließen sich in Klosterneuburg und Heiligenkreuz beisetzen. Dennoch bildete vor allem die Pittener Grafschaft nun neue Möglichkeiten, vor allem, um den Ungarn gehörig auf den Keks zu gehen (wie die Deutschen sagen würden). Dann kam dem Babenbergerherzog Leopold V. noch der englische König Richard I. in die Finger, just als dieser gerade in Erdberg in einer Küche aushalf. Ein guter Moment, um Lösegeld zu fordern, zumal ja gerade auch die Steiermark in seinem Besitz gekommen war, dachte Leopold. Und er erhielt dieses Lösegeld und begann, Wien und Hainburg massiv aus zu bauen. Am Steinfeld aber, mitten im Sumpf, ließ Leopold auf Holzpfählen eine Stadt bauen, die „Nova civitas“- Neustadt, heute als Wiener Neustdt bekannt. Für seine Tat wurde Leopold übrigens exkommuniziert. Dann, im Dezember 1194 ritt Leopold, Zeit seines Lebens ein Haudegen, nach Graz zum Turnier. Dort soll ein Schneehaufen den Babenberger zu Fall gebracht  und eine dabei entstandene Wunde den Tod herbei geführt haben. Leopold wurde in Heiligenkreuz beigesetzt.

 

Kapitel 3.

Vom streitbaren Friedrich, dem ungeschickten Ottokar und dem verheerten Albrecht.

Ruine Kammerstein bei Perchtoldsdorf.

Um 1200 ist das Grenzland sozusagen in einer Höchstphase. Das Löwenherzsche Lösegald brachte Aufschwung und vor allem neue Perspektiven. Der Städte- und Burgenbau florierte, es wurde weiter gerodet und so mancher Ort entstand. Das Grenzgebiet wurde zu einem wichtigen Regierungs- und Handelsplatz, nicht zuletzt, weil Wien, Klosterneuburg und Mödling Herzogsresidenzen waren.

1226 erstmals belagert: Hainburg.

Aber immer, wenn eine Höchstphase besteht, kann es nur bergab gehen. Und so geschah es auch hier. Herzog Leopold VI., schon zu Lebzeiten als „Der Glorreiche“ bezeichnet, war ein ausgezeichneter Diplomat und ständig auf Reisen. Sein Familienleben litt darunter akut und brachte drei sehr unerzogene Sprösslinge hervor, die allesamt unnatürlich sterben sollten. Der älteste, Leopold, war Schüler in Klosterneuburg und hörte nur ungern auf den Rat der Lehrer, kletterte 1216 auf einen Baum, fiel herunter und brach sich das Genick. Leopolds zweiter Sohn Heinrich hatte 1226 nichts besseres zu tun, als seine eigene Mutter Theodora in Hainburg zu belagern und dabei gleich mal die neuartigen Befestigungen, wenn auch von der falschen Seite her, aus zu probieren. Der Erfolg dieser Aktion war bescheiden und Heinrich starb schon bald danach unter unklaren Umständen.

Als Leopold VI. 1230 starb, folgte daher der dritte Sohn, Friedrich, dessen späterer Beiname „der Streitbare“ zum Synonym für den letzten Babenberger wurde. Friedrichs Politik war von Anfang an von recht ungehobelten Aktionen geprägt. So störte er die Hochzeit seiner Schwester Constantia mit Markgraf Heinrich von Meißen, 1234, indem er das junge Brautpaar am Morgen nach der Hochzeitsnacht überfiel. Friedrichs Treiben ging nun selbst dem Kaiser- auch der hieß Friedrich- zu weit und so beschloss dieser, Österreich auf zu suchen. Besonders Wien gefiel ihm- Kaiser Friedrich II.- und so ernannte er die Stadt zur Reichsstadt, das bedeutet, Wien war reichsunmittelbar und unterstand nur dem Kaiser (wie etwa Nürnberg). Friedrich der Streitbare war nun in Opposition, nahezu alle Adelige seines Herzogtums wandten sich ab. Nur die Neustadt blieb ihm treu. Friedrich der Streitbare flüchtete dorthin, dann auf die Burg Starhemberg, wo er seine Schätze verbarg. Es kam aber zu einer Aussöhnung und Wien verlor seinen Status wieder. Erst 1922 sollte es ähnliche Privilegien bekommen und ein eigenes Bundesland werden.

Friedrich der Streitbare begann nun, die Ungarn gegen die Mongolen zu unterstützen. Ein keineswegs billiges Betreiben, zumal Friedrich sich die westungarischen Burgen einverleibte, wofür sich Béla IV. bitte rächen sollte. Am Morgen des 15. Juni 1246 fielen die Ungarn ein, es kam zur Schlacht. Friedrich fiel unter ungeklärten Umständen. Sein Tod löste nun eine große Krise aus, denn Österreich und die Steiermark waren begehrte Länder, um sie zu kämpfen, lohnte sich allemal und so wurde gekämpft.

26. Jahre später, 1252, heiratete hier Heinrichs Schwester Margarethe den halb so alten Ottokar von Böhmen.

Zunächst machte Markgraf Hermann von Baden das Rennen, indem er Friedrichs Nichte Gertrud (Tochter des oben erwähnte Heinrichs) ehelitchte und mit ihr nach Mödling zog. 1250 wurde er vergiftet. Damit konnte sich ein anderer, recht junger Fürst durchsetzen, dessen Machtstreben einen Theaterabend füllen kann. Die Rede ist von Přemysl Ottokar II., damals grad über 20. Im Februar 1252 heiratete er Friedrichs Schwester Margarethe in Hainburg, dieser aber war doppelt so alt. Der Trauungsort war nicht willkürlich gewählt, viel mehr galt es, die Ungarn zu provozieren. Ungarn fackelte nicht lange herum. Wieder kam Béla IV. über die Leitha. Ottokar verhielt sich militärisch ungeschickt und musste im Frieden von Ofen (Buda) 1254 die Steiermark an Ungarn abtreten. Die Ritter der Pittener Grafschaft (wie auch die des Traunviertels) widersetzten sich allerdings gegen diese Bestimmung und gelangten dadurch zu Ottokar. Nur Kirchschlag und Schwarzenbach wollte der Ungarnkönig behalten, dazu die widerrechtlich auf seinem Grund errichtete Feste Landsee. Seither gehört die Pittener Grafschaft, ergo die Bucklige Welt, zum Industrieviertel (mit Ausnahmen), den steirischen „Rest“ holte sich Ottokar 1261. Der dazugehörige Friede wurde auf einer Donauinsel zwischen Preßburg und der Pottenburg geschlossen.

Dem Ottokar war aber keine besonders lange Regierungszeit beschert. Wieder gab es Aufstände und zu allem Überfluss wurde mit Rudolph von Habsburg 1273 ein anderer König gewählt. Ottokar unterlag ihm 1278 am Schlachtfeld und bezahlte diesen Kampf, wie einst Friedrich der Streitbare -angeblich durch die Hand Bertholds von Emmerberg- mit dem Leben. König Rudolph, in Wien umjubelt, gab die Länder an seine Söhne Albrecht und Rudolph II. Aber Albrecht, der weitaus ältere, hinterging seinen Bruder (dessen Sohn sich dann bitter rächen sollte) und übernahm alle Länder. Bald schon überzog Albrecht das Industrieviertel mit seinen Rittern.

Das gefiel dem einheimischen Adel gar nicht. 1290 rebellierte der herzogliche Kämmerer Otto III. von Perchtoldsdorf. Albrecht reagierte kompromisslos, ließ Ottos Burgen Kammerstein und Perchtoldsdorf niederbrennen und legte Otto in Ketten.

1299 geplündert: Burg Rauhenstein

Um das blutige 13. Jahrhundert militärisch ausklingen zu lassen, will ich an dieser Stelle eine Begebenheit erwähnen, die nicht mit den Habsburgern zu tun hat, sondern mit den Wienern (!). Diese waren anno 1299 auch nicht ganz glücklich, ja wollten sich nunmehr an einen Badener Ritter rächen, dem Heinrich von Pillichsdorf auf Rauhenstein, der seinerseits den Wiener Weingärten einen rebenlastigen Besuch abgestattet hatte. Nun zogen die Wiener vor seine Burg (welche genau, ist nicht ganz bekannt!), eroberten diese mit herzoglicher Zustimmung und fanden Heinrich nach einigen Tagen zitternd vor Kälte und Angst in einem hinteren Winkel der Burg. Aber Heinrich redete sich auf seinen Burgvogt aus, der die wohl leberbelastende Untat im Roten Turm aussitzen durfte. Damit endete das konfliktreiche 13. Jahrhundert.

 

Kapitel 4.

Vom schönen Friedrich und dessen schaurigen Leichenzug.

Auf Gutenstein residsierte Herzog Friedrich der Schöne. Foto von Gerhard Koller.

Lassen wir einmal die streithaften Zeiten, wir werden ohnehin noch zweimal davon hören. Albrecht I. war weg und in Österreich folgten ihm seine Söhne, darunter Friedrich, der später den unprüfbaren Namen „der Schöne“ erhalten sollte. Friedrich der Schöne tat zur Abwechslung etwas, was schon länger keiner mehr gemacht hatte. Er gründete eine Kloster in Mauerbach, genauer gesagt eine Kartause. Friedrich gefiel es aber auch in Gutenstein recht gut.

Hier zog er sich nach seiner ziemlich glücklosen Politik im Heiligen Römischen Reich (gen Ludwig dem Bayer) mit seiner erblindeten Gattin zurück. Am 13. Jänner 1330 starb Friedrich auf seiner Lieblingsburg. Die Kartäuser holten angeblich des Nachts den Leichnam und brachten ihn zu Fuß in ihre Kartause. Der schaurige Zug, von Gutenstein im Piestingtal nach Mauerbach im Wienerwald, durch eisige Wälder mit nur einigen Fackeln, die den Sarg umgeben,  ist gewiss ein phantasievolles Konstrukt. Tatsache aber ist, dass es Friedrich sehr wohl auf Gutenstein gefiel.

Sein Neffe Albrecht III. wiederum- der legendäre Zopfritter- zog nun Laxenburg als Residenz vor, baute es aus und starb hier 1395.

 

Kapitel 5.

Vom unschönen 15. Jahrhundert. Pars Primus.

Wiener Neustadt. Hier (also nicht hier in diesem Turm 😉 ) residierte dereinst Kaiser Friedrich III.

Kehren wir zurück zum grausamen Part, als Mars seine Stiefel wieder durch die Täler austrug und das Viertel mit Krieg verheerte. Sieht man mal von einigen Feldzügen (so etwa 1337 gen Ungarn) und Scharmützeln  ab, war es im 14. Jahrhundert zunächst noch ruhig, ja geradezu beängstigend still. Einige Ritter, wie Christian der Truchsess auf Greifenstein, sollten sogar positiv in die Geschichte eingehen.

Dieser Zustand änderte sich ab 1404 schlagartig, als bei den Habsburger ein familiärer Konflikt ausbrach, der einen Bürgerkrieg mit sich brachte. Albrecht IV.- er residierte in Klosterneuburg- war 27. Jährig gestorben, sein Sohn Albrecht V. ein siebenjähriger Spross unmündig, seine Vettern Ernst und Leopold Streithähne par excellence und für die Vormundschaft nahezu kriegssüchtig. Zu Ernst hielt der Adel, zu Leopold das Volk. Man bekämpfte sich aufs ärgste, bis 1411 Herzog Leopold einen Schlaganfall erlitt und starb. Albrecht V. konnte mit der Regentschaft beginnen.

Bürgerkriege haben aber die unangenehme Nebensache, dass ihr Fortfahren nicht immer durch Friedensschlüsse beendet werden kann. Und so machten entlassene Söldner, Schnapphähne genannt, die Gegend unsicher. Einer davon, Wilhelm von Enzersdorf auf Roethelstein, versuchte die Stadt Hainburg zu überfallen. Eine herzogliche Kommission entschied für Hainburg, aber auch nur, weil der Herzog ihnen seinen Schutz zugesichert hatte.

Albrecht V. wurde 1438 römisch- deutscher König und übernahm die Königreiche Böhmen und Ungarn von seinem Schwiegervater Siegismund. Dieser hatte sich im Grenzland, auf Burg Scharfeneck eine interessante Burg errichtet, die nach englischen und französischen Vorbildern errichtet worden war, ein europäisches Unikum also. Dem Albrecht war keine lange Regierungszeit bescherrt, 1439 starb er am Feldzug gegen die Osmanen. Er hinterließ keinen Sohn, nur eine hochschwangere Frau.

Wieder standen die Zeichen auf Sturm, denn es gab da einen Cousin, der sehr wohl sehr gerne sich das Land angeeignet hätte. Sein Name war Friedrich und er ist die wohl schillerndste Persönlichkeit, die im Industrieviertel jemals regiert hat. Als Friedrich III. ging er in die Geschichte ein.

Wo fangen wir an? HHmm, ach ja, Albrechts Gattin war ja schwanger und gebar einen Sohn, den man den Namen Ladislaus Postumus (dem Nachgeborenen) gab. Doch zu dieser Zeit war Friedrich bereits zum König gewählt worden und scharrte in den Startlöchern, sehr zur Unfreude der Österreicher. Um diverse Konflikte vor zu beugen, nahm er 1452 den Jüngling nach Rom mit und wurde zum Dank nach seiner Rückkehr in Wiener Neustadt belagert. Ein Vergleich konnte gerade noch erzielt werden und für den jungen Ladislaus wurde in Ungarn Hunyadi János als Verwalter eingesetzt. Nachdem dieser starb, geriet sein Sohn Mátyás in österreichische Gefangenschaft (dank diverser Interessen) und schmachte auf Burg Gutenstein. Er wird sich später bitter rächen.

1457 starb Ladislaus, Mátyás wurde ungarischer König und Friedrich III. war mit einer Familienfehde mit seinem Bruder Albrecht VI. beschäftigt, die nun auch das Industrieviertel tief traf. Böhmische und Ungarische Söldner machten die Gegend unsicher und traten spontan auf. Wo sie kamen, gab es Leid. Im Jänner 1461 schickte sich ein böhmisches Heer an, die Burg Greifenstein zu belagern, weil angeblich der Burgherr, Geyhard von Wyenn, seine Untertanen so stark unterdrückte. Die Belagerung gelang, Wyenn starb auf der Flucht, so erzählt es zumindest die Sage.

Ein Jahr später, 1462, wurde Friedrich III. erneut belagert, dieses Mal in Wien. Wieder konnte ein Vergleich die Krise lösen. Dann starb Albrecht VI. im Jahr 1463. Friedrich hatte sich durchgesetzt.

 

Kapitel 6.

Intermedium: Wiener Neustadt als Kaiserresidenz.

Der mächtige Dom zu Wiener Neustadt.

Zu dieser Zeit residierte Friedrich in Wiener Neustadt, das damit eine Kaiserresidenz geworden war. Hier regierte nun das Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches schlechthin. Friedrich beliebte, lange zu schlafen und eine Sammlung an Edeldingen, Münzen und Steinen, zu haben. Für sein Heer hatte er kein Geld, ja er galt Zeit seines Lebens als pleite.

Viel hat uns Friedrich überlassen, vor allem aber sein berühmtes A E I O U. Die Definition dafür ist unterschiedlich und nicht näher zu beachten. Tatssächlich steht es wirklich überall, wo Friedrich wirkte und werkte. Wiener Neustadt war damit schlagartig zur Kaiserresidenz geworden und hatte damit eine Sonderstellung im Heiligen Römischen Reich. Die Stadt Wien verachtete Friedrich, nicht zuletzt, weil die Wiener ihn belagert hatten. So etwas vergisst man nicht…

 

Kapitel 7.

Vom unschönen 15. Jahrhundert. Pars Secundus.

Ruine Röthelstein an der Donau.

So gemütlich die Zeiten in der Neustadt auch waren, im Umland war das Raubrittertum Normalität. Das Spätmittelalter ist bekannt für seine Kriege, die sich nun häuften. In den 1460ern sorgten Schnapphähne immer mehr für Unruhe. Einer davon, Wenko von Ruckenau, genannt Ledvenko, Herr auf Röthelstein war besonders dreist. Er errichtete zwei Tabore, burgenartige Sperren bei Röthelstein und Hof an der March, um den Handel zu kontrollieren und seine eigene Tasche zu füllen. Gemeinsam mit Pankraz von Halicz wurde hier eine Art Räuberstaat errichtet. Pankraz ging sogar so weit, selbst Lehen zu verteilen. Militärisch war dem nichts entgegen zu halten und so beendete ein Vergleich den Konflikt.

Da man im ganzen Land keine bessere fand: Ruine Scheuchenstein.

Über eine derartige Belagerung hat Michael Beheim, seines Zeichens Dichter und Musiker, geschrieben. Die Feste Scheuchenstein, ein Felsennest, war im Besitz des Truchseß Erhard, einem Geizkragen, der laut Beheim wie ein Bauer auftrat und nun von Heinrich Kling auf Urschendorf vertrieben wurde. Erhard floh und der Kling von Urschendorf machte es sich hier- soweit möglich- gemütlich, baute die Burg aus und plünderte (wie anders) die Umgebung. Die Feste war nun so stark, dass sie von nur von drei Männern hätte verteidigt werden können, wobei zwei Schach spielen konnten. Die kaiserlichen Soldaten sind ein trauriger Haufen, oft nur mit Fetzen am Leib. Auch hier beendete letztendlich ein Vergleich den Konflikt. Beheim, zuvor noch schwärmend („Da man im ganzen Land keine schönere fand„) durfte die Burg nun verwalten. Er hielt es nur sechs Wochen hier aus und verließ sie dann erleichtert…

Auch Friedrichs Familie bekam die unguten Zustände quasi am eigenen Leib zu spüren: Als Friedrichs Gemahlin Eleonore eines Tages nach Heiligenkreuz fuhr, wurde sie von den Knechten Hans von Puchheims, Herr auf Rauhenstein, ausgeraubt. Die Kaiserin hatte den Verlust von Zwei Hemden zu beklagen, zumal sie überhaupt nur drei besaß! Ein Spießgeselle des Puchheimers schicke diese aber dann wieder zurück und wurde dafür begnadigt. Die Burg Rauhenstein wurde von kaiserlichen Truppen nun gestürmt, der Puchheimer floh durch die Hintertür…

Das Raubrittertum hielt im Industrieviertel an, bis….sich einer rächte, der vor vielen Jahren in Gutenstein im Gefängnis gesessen war. Erinnern Sie sich noch?

Ja genau, König Mátyás Corvinus von Ungarn (in Österreich Matthias Corvinus) kam nun über die Grenze und begann, das Industrieviertel zu besetzen. Nicht unblutig, versteht sich. Dieser Eroberungswelle war eine breite Sympathiewelle für den ungarischen König voraus gegangen, die Friedrich III. erfolgreich bekämpft hatte. Doch in den 1480ern schien sich nun endgültig das Blatt zu wenden. Burg um Burg fiel an Corvinus, darunter auch Gutenstein, wo er einst gefangen war, Kirchschlag, Liechtenstein, Merkenstein, Pitten, Rauheneck und Starhemberg. Nur Seebenstein soll der Ungarnkönig angeblich nicht erobert haben, so erzählt es zumindest die Sage.

Einst ein ungarisches Prachtschloss: Ruine Scharfeneck.

Ob dieses stimmt, ist freilich nicht belegt. 1485 stand Mátyás vor Wien, eroberte die Stadt und machte sie zu einem ungarischen Zentrum, einige Jahre später fiel auch Wiener Neustadt. Friedrich III. floh nach Linz.

 

Dann aber, im Jahre 1490, starb Mátyás. Es folgte ein beispiellose Welle der Zurückeroberung, nun durch Friedrichs Sohn Maximilian, einen wagemutigen Haudegen, der sich schon in den Kämpfen um Burgund gegen Frankreich ausgezeichnet hatte. Maximilian verstand es aber auch, mit den neuen ungarischen Machthabern, nun König Ulászló (Wladislaw), einen raffinierten Friedensvertrag zu schließen, demnach westungarische Grenzgebiete, darunter Mannersdorf und die Burg Scharfeneck an Österreich fallen sollten. Diese Gebiete waren eigentlich ungarisch, Besitzer aber waren die Habsburger. Und so wurden diese Gebiete immer mehr österreichisch, ehe sie um 1700 endgültig zu Österreich gehörten.

Kapitel 8.

Beginnt mit Ferdinand I. die Neuzeit mit einem schönen Einzug und einem unschönen Blutgericht.

Ein Detail vom Wiener Neustädter Dom.

Als Maximilian seine Augen für immer schloss, war sein Sohn bereits tot, seine Enkeln, Karl und Ferdinand lebten in Spanien, wo Karl als König regierte. Nun wurde das österreichische Erbe zum Problemfall, denn in Niederösterreich begann eine Opposition unter Dr. Martin Siebenbürger die alten Zustände um zu krämpeln. Aber Siebenbürger konnte sich bei den Habsburgern in Spanien keine Freunde machen, im Gegenteil.

Unter diesen gedämpften Umständen traf Ferdinand im Juni 1522 in Klosterneuburg ein und fuhr nach Wiener Neustadt weiter, denn in Wien wütete die Pest. Vor der Neustadt warteten der Bürgermeister, der Stadtrichter und andere Ratsmitglieder, um den neuen Fürsten zu begrüßen und ihm einen Becher voll Wasser aus einem nahegelegenen Brunnen- dem späteren Kaiserbrunnen- zu überreichen. Ferdinand I. nahm an und zog in die Neustadt ein.

Hier übte er nun seine Gerichtstätigkeit aus, die vorerst in einem Blutgericht endete. Die Rädelsführer der oben genannten Opposition, darunter Siebenbürger, aber auch Hans von Puchheim und Michael von Eytzing, verloren den Kopf, Ferdinand weilte dem blutigen Schauspiel im Rathaus bei einem Fenster bei, das er danach zumauern ließ. Die Neuzeit konnte beginnen!

 

Kapitel 9.

Wird es noch blutiger, denn die Osmanen kommen und das gleich zweimal. Ihnen folgt der böse Ficin von Merkenstein. Insgesamt also ein ungutes Kapitel.

Auf Burg Merkenstein hauste der böse Ficin…

Was nun kommen sollte, war apokalyptisch. Ein unsegliches Gemetzel und Morden, ein Brennen und Schreien, ein Massentöten und Massensterben, das in seiner Art und Weise noch heute den grausamen Ereignissen des Mittelalters gerne vorgezogen wird. Irgendwie hat es den Anschein, dass damit endgültig klar war, dass eine neue Zeit begonnen hatte, die sehr viele nicht überleben sollten.

Als in Wiener Neustadt die Köpfe rollten, tobte in Ungarn gerade ein Krieg gegen die Osmanen. Damit ist dieses ungute Wort gefallen: (die) Osmanen, ein riesiges islamisches Reich, das seit gut hundertfünfzig Jahren sich in Südosteuropa behauptete und nun vor Ungarn stand. Im Sommer 1526 kam es zu einer gigantischen Schlacht bei Mohács, in deren Folge der ungarische König, Lajos II., sprichwörtlich auf das falsche Pferd setzte. Sein Schlachtross war für eine Flucht ungeeignet und so versank er im Donausumpf. Nun war es Taktik der Osmanen, sich mal an zu sehen, was der besiegte Gegner tut. In dem Fall wählten die Ungarn den Siebenbürger Fürsten Szapolyai János, aber die Erbverträge mit den Habsburgern bevollmächtigten Ferdinand I., die Krone zu bekommen. Es kam erneut zum Krieg und die Osmanen halfen dem Szapolyai, besetzten Ungarn und zogen in Richtung Westen, nach Wien, wo sie im Herbst 1529 begannen, die Stadt zu belagern.

Die osmanische Armee bestand auch aus einem Trupp, der sich auf das Verwüsten des Feindeslandes verstand, den Akindschi, in unseren Kreisen Renner und Brenner genannt. Diese Akindschi wüteten im Industrieviertel, nahezu jede Ortschaft ging in Flammen auf, nahe zu jeder Bewohner wurde getötet oder bestenfalls gefangen genommen, was aber auch ein sicheres Todesurteil war.

Nur wenige Details sind von dem Einfall tatsächlich bekannt, Sonderfälle, die aufgeschrieben wurden, oder wo archäologische Funde auf ein Massaker hinweisen. Bei Sooß zu Baden flüchteten die Bewohner in eine Höhle, dem „Schelmenloch“, ein unnötiges Bemühen. Angeblich soll Kindergeschrei die Akindschi auf die Höhle aufmerkam gemacht haben. Es folgte ein Blutbad.

1529 zerstört: Ruine Pottenburg.

Ähnlich sollte es auch bei Tulbing gewesen sein, wo ein Talabschnitt noch heute „Jammertal“ genannt wird. Zahlreiche Burgen, darunter Liechtenstein, Pottenburg oder Rauheneck gingen in Flammen auf, ebenso viele Klöster, wie etwa „Sanct Laurentio im Pradyse“ beim Riederberg. 28. Patres wurden dort dahin gemetzelt. Der Ort blieb wüst.

Wien konnte witterungsbedingt nicht erobert werden. Die Kälte trieb die Osmanen nun, im Oktober 1529, heim, bei Bruck an der Leitha soll angeblich der erste Schnee gekommen sein. Was blieb, war ein entvölkertes Gebiet. Alleine beim Abzug sollen noch 2.000 Gefange ermordet worden.

Drei Jahre später, 1532, näherte sich erneut die türkische Streitmacht Wien und wieder wüteten die Akindschi. Ein römisch- deutsches Reichsheer stellte sich aber bei Laxenburg im Weg. Die Osmanen, zermürbt von der erfolglosen Belagerung von Köszeg (Güns), traten den Rückzug an. Die Akindschi aber wurden bei Pottenstein vom Reichsheer gestellt und vernichtend geschlagen. 8.000 Akindschi kamen dabei um. Ein kleiner Trupp der „Renner und Brenner“ hatte sich nach Seebenstein begeben, durfte aber von der dortigen Bevölkerung gefangen genommen und bei einem hohen Felsen hinunter geworfen worden sein. Einer Sage nach hat die Jungfrau Maria höchstpersönlich die Soldaten zum Felsen geleitet und sie verleitet hinunter zu springen. Seitdem heißt der Felsen Türkensturz.

In der Folgezeit wurde neu angesiedelt. Der Alltag begann. So manche Häuser, ja Herrschaften wechselten ihren Besitzer, darunter auch Merkenstein. Der neue Herr, Franz von Ficin, sollte es aber zum Burggeist bringen.

Franz von Ficin war ein Bauernschinder. Und er war Geldgeber des Kaisers. Eine gefährliche Kombination, die für die Bauern nur schlecht ausgehen konnte. Diese probierten es 1551 zunächst noch klug über den Beamtenweg, der ihnen informa der Regierungsbehörde keine Zusicherung gab, sondern dem Ficin riet, er möge sie nicht so hart wegen dieser Beschwerde bestrafen. Dennoch dürfte die Behörde sehr wohl den harten Kurs registriert und dem Kaiser gemeldet haben. Dieser aber ließ dem Ficin freie Hand und bot ihm Merkenstein sogar zum Kauf an. Ficin lehnte, angeblich aus Altersgründen ab.

Die Unterdrückung ging weiter, bis 1565 ein Attentat auf Ficin durch die „Pleikkehenstainer Geprued (Brüder)“ verübt wurde. Diese konnten gefangen genommen werden. 1568 wurden sie, zu diesem Zeitpunkt bereits durch zahlreiche Foltereien gebranntmarkt dem Scharfrichter übergeben. Ficin aber, der schließlich plötzlich starb, soll vom Teufel persönlich abgeholt worden sein. Sein Geist schwebt heute noch in der Ruine. Er ist aber nicht der einzige…

 

Kapitel 10.

Von einem Aufstand und einem Geheimang, der nichts nutzte.

In den düsteren Mauern von Schloss Pottendorf spielten sich 1670 dramatische Szenen ab.

Machen wir einen Zeitsprung von 100. Jahren. Da sind wir nun im Jahre 1663 und schon wieder stehen die Osmanen da. Dem kaiserlichen Heer unter Raimund Montecuccoli gelingt das unglaubliche, nämlich ein Sieg bei St. Gotthard- Mogersdorf. Man begab sich nun an den Verhandlungstisch und focht einen Frieden aus, der für die Habsburger mehr als ungünstig ausfiel. Das wiederum verärgerte die Ungarn und führt zu einer Partei, die einen Aufstand plante, die als Magnatenverschwörung in die Geschichte eingehen sollte. Einer ihrer Anführer war Nádasdy III. Ferenc (Franz III. Nádasdy), der es sich in Schloss Pottendorf recht gemütlich gemacht hatte. Nádasdy hatte eine Druckerei aufbauen lassen und versuchte auch selbst sein Glück als Goldschmied. Sein Machtbewusstsein sollte ihm zum Verhängnis werden. Die Magnatenverschwörung flog nämlich auf und so entsannte am 2. September 1670 Kaiser Leopold I. den Grafen Ursenbeck nach Pottendorf, um dort Nádasdy fest zu nehmen.

Nun durchsuchte man das ganze Schloss, fand aber keinen Nádasdy. Die Dienerschaft wurde nun „dringlich“ verhört und tatsächlich packte ein älterer Bediensteter aus und zeigte „neben des Grafen Beth auf den Boden mit Vermelden, man solle nur die Bretter aufheben, es wird der Graf nicht weyt sein. Da man nun die Bretter aufhobe, ward allda eine Thür und Stiege unter die Erden, allwo man den vor Forcht und Frost zitternden Nádasdy sitzend fand.“ Er wurde gefangen genommen und in Wien hingerichtet, seinen Mitverschwörern Zrínyi IV. Péter und Frangepán Ferenc Kristóf erging es in Wiener Neustadt ebenso.

Heute ist Pottendorf eine Ruine, der einstige Gang neben dem Bett ist wohl verschwunden. Vielleicht wird man ihn einmal wieder finden…

 

Kapitel 11.

Vom zweiten, äußerst blutigen Versuch, den „Goldenen Apfel“ zu erobern.

Konnte nicht erobert werden: Seebenstein.

Was jetzt kommt, ist nichts für schwache Nerven, denn noch einmal und nun umso schlimmer passiert das, was schon einmal passiert ist. Die Osmanen greifen 1683 Österreich erneut an und belagern ab Juli Wien. Dieser Belagerung ging eine weitere Gewaltwelle durch Akindschi, Janitscharen und anderer Truppen einher, die an Brutalität kaum zu überbieten war. Was sich in den Sommermonaten 1683 im Industrieviertel abspielte, ist kaum vorstellbar und bis heute nahezu unrecherchierbar.

Und weil dieser Artikel ohnehin schon „Marstheatercharakter“ (frei nach Karl Kraus und entgegen der oben genannten Attraktivität) hat, will ich nur einige Orte auflisten, wo 1683 ein Schreckensjahr ist:

In Hainburg und Mödling gab es fast keinen Überlebenden des Massakers, beide Orte wurden von den Osmanen nahezu ausradiert. In Hainburg soll das Blut auf allen Straßen geflossen sein, weswegen es dort noch heute eine Blutgasse gibt. 8.000 Tote soll es in Hainburg gegeben haben, in Mödling dürfte die Zahl ebenso hoch zu beziffern sein.

In Perchtoldsdorf hatte Kaiser Leopold I. noch die Befestigung besichtigt, hatte aber davon abgesehen, Geld, Waffen und Soldaten em Ort zu geben. So versuchte man mit den Osmanen eine Tributzahlung aus zu verhandeln. Da aber die Zahlungen dann doch zu hoch waren, entschieden die Osmanen kurzfristig anders und metzelten auch die Perchtoldsdorfer nieder.

Die Klöster Heiligenkreuz und Kleinmariazell wurden zerstört und geplündert, ihre Mönche großteils ermordet. Klosterneuburg hingegen konnte sich der Türken erwehren.

1683 zerstört: Merkenstein

Zur Burg Merkenstein waren 173 Personen geflüchtet, als die Osmanen sich näherten. Lange Zeit schien es so, als dass die Burg nicht erobert werden würde, bis….so erzählt es eine Sage…eine Dame ihren Hintern den Osmanen entblöste. Zornig über diese Provokation stürmten die Osmanen die Burg und töteten brutalst alle 173 Personen, egal ob Kind, Frau oder Mann. Erst ein Jahr später wurden die leichen bestattet. Zerstört wurden auch die Burgen Liechtenstein, Lengbach, Mödling und Rauhenstein. In Seebenstein baten die Eingeschlossenen den Heiligen Bonventura um Hilfe. Das Bitten half, Seebenstein wurde nicht erobert und seither gibt es jedes Jahr eine Bonventurafest in der Burgkapelle. Auch Starhemberg wurde nicht erobert. Da sich der dortige Burgvogt aber geweigert hatte, den Willendorfern Schutz zu bieten, verweigerten diese ihn nach 1683 den Dienst. Es kam zum Prozess, die Willendorfer gewannen.

Als das Entsatzheer am 12. September 1683 die Osmanen vertrieb, hatten diese noch Gelegenheit, ihre Gefangenen, großteils Frauen, zu ermorden. Dann herrschte Ruhe. Wien war befreit, das Industrieviertel nahezu entvölkert und die Osmanen nach Ungarn abgedrängt. Zeit also, den Frieden einkehren zu lassen.

Kapitel 12.

Wie das Industrieviertel zu seinem Namen kam UND von romantischen Rittertreiben, Fantasieburgen und einer realistischen Sicht auf heute, SOWIE von den Viertel- Geistern, wodurch der Text beendet wird.

Falls Sie bis jetzt diesen elendslangen Text gelesen haben, dann bin ich stolz auf Sie. Nein, da muss ich Sie absolut loben, Sie haben gerade ein gutes Stück Österreich vor sich gehabt, haben Not und Elend, haben Mikro und Makrogeschichte, ja haben eigentlich einen Teil der österreichischen Identität sich zu Gemüte geführt.

Daher will ich in diesem letzten Kapitel Sie mit keiner blutigen Geschichte beleidigen. Viel mehr werde ich noch zwei Themen aufgreifen, bevor ich Ihnen gerne sagen möchte, dass Sie dann den offiziellen Part der Viertelreihe gelesen haben (einer mit dem Nordburgenland kommt ja noch, der wird aber wesentlich kürzer 😉 Versprochen!) und damit ein Stück Regionalgeschichte verfolgen konnten. Mit anderen Worten, Sie haben einen Grundgeschichtekurs geschafft.

Ich bin Ihnen bis dato eines schuldig geblieben, nämlich die Frage, warum dieses Viertel nun Industrieviertel heißt. Ich will dieses Thema grundsätzlich recht kurz halten. Im späten 18. und 19. Jahrhundert schossen hier Industriezweige in die Höhe, machten Schlote den alten Türmen Konkurrenz, entwickelte sich eine Arbeiterschaft. Die erste Fabrik war übrigebs im Pottendorfer Schloss im Jahr 1800. Zwischen Wien und Wiener Neustadt wurde ein Kanal errichtet, um den Verkehr zu verbessern. Die Eisenbahn löste dieses Verkehrsmittel bald ab.

Genau zu dieser Zeit, um 1800, betrat aber noch eine andere Strömung das Industrieviertel. Es war eigentlich eine Zeit der Kriege, nun hatte Napoleon das Welttheater betreten, als man sich der „alten Welt“ zurück sehnte,  und die „ritterlichen Ideale“ von „damals“ wieder aufgriff. Mit anderen Worten, die Romantik hielt Einzug im Industrieviertel. Und noch einmal wurde das Grenzland „attaraktiv“:

Drei Persönlichkeiten sollten daran Anteil tragen. Zunächst einmal Kaiser Franz I., ein passionierter Gärtner und mäßiger Politiker, der sich in Laxenburg den Traum einer Fantasieburg, der Franzensburg, verwirklichte. Neben dieser interessanten Wasserburg (mit Habsburgersaal, Thronsaal und stattlicher Rüstkammer) ließ er eine Rittergruft, einen Concordiatempel und einen schönen Turnierhof schaffen. Franz I. trug dazu originale Möbelstücke, Decken, Türen und dergleichen zusammen, um hier ein Unikum zu schaffen. Laxenburg blieb ein von den Habsburgern gern besuchter Ort, hier verbrachten Franz Joseph I. und Elisabeth ihre Flitterwochen, hier wurde 1858 Kronprinz Rudolph geboren. 30. Jahre später, 1889, sollte er sich im unweit gelegenen Mayerling das Leben nehmen.

Während Franz in Laxenburg wirkte, tagte auf Burg Seebenstein die High- Society Europas im Ritterverein der „Wildensteiner zur Blauen Erde“. Anton David Steiger, ein Mineraloge, gründete 1790 hier diesen Verein, dessen Mitglieder, großteils Adelige aus Europa, nach einem eigenen Zeremoniell (mit verbundenen Augen) aufgenommen wurden. Es gab eine eigene Satzung, diverse Ritterspiele und einen kautzigen Burgvogt, der die Gäste mit eigenen Skeletten schreckte. Das fröhliche Rittertreiben wurde 1823 von der Metternichschen Bürokratie verboten, Steiger starb verarmt in Wiener Neustadt und Seebenstein kauft Fürst Johann I. von und zu Liechtenstein.

Dieser, ein begeistert Burgenliebhaber hatte auch die Stammburg Liechtenstein und Mödling gekauft. Letztere ließ er wieder aufbauen, darüber hinaus schuf er im Mödlinger Raum eine Reihe von diverse kuriosen künstlichen Ruinen, wie etwa den Schwarzen Turm, das Pfefferbüchsel, die Ruine am Rauchkogel, das Amphitheater, einen Dianatempel, die Brillen, die Römerwand oder die Köhlerhausruine errichten. In Seebenstein verwirklichte sich Johann auf dem Felssturz, wo 1532 angeblich osmanische Soldaten hinunter geworfen wurden und ließ eine künstliche Ruine namens Türkensturz errichten, die noch heute die Landschaft dominiert. Den Wiederaufbau der Stammburg Liechtenstein gab allerdings sein Enkel Johann II. in Auftrag. Zu dieser Zeit pachtete ein Wiener Ritterverein, der  „Ritterorden zum Grünen Humpen“  und „zum Silbernen Humpen“ von Johann II. die Ruine Unterthurm. Ähnlich wie in Seebenstein sollten auch hier zeitweise romantische Ritterspiele Einzug halten. Bis 1909 sollten hier Ritterzünfte getagt haben, dann nahm der Spuk ein Ende…

Situation 100. Jahre später: Heute sind viele Ruinen des Industrieviertels gesperrt (etwa Emmerberg, Gutenstein, Merkenstein, Starhemberg, Thernberg oder Unterthurm), viele Burgen privat (etwa Greifenstein, Klamm, Kranichberg, Steyersberg oder Wartenstein) und manche nahezu vergessen (wie Altlengbach, die Pottenburg oder Scharfeneck). Die Ruine Schwarzenbach wurde im Oktober 2016 sogar teilweise abgetragen! Aber es gibt auch einpaar positve Beispiele, wie etwa die Restaurierung der Ruine Pottendorf seit November 2016. Man kann den Beteiligten nur das beste wünschen!

Einige Gestalten haben das Treiben (attraktives Grenzland versus überdimensionales Marsfeld) übrigens bis heute überstanden: Der Bockerlfraß und der Schachermann, beides Waldgeister (einst Waldriesen), die man bei Baden und im Triestingtal angeblich antreffen kann. Im Schneeberggebiet lebt König Otter in einer Höhle (im Hohen Otter) und wartet auf das jüngste Gericht, im Schneeberg gibt es natürlich einen (oder mehrere) Berggeist(er). Sie sind seit Jahrhunderten die Hüter des Industrieviertels.

Finis

 

Empfehlenswerte Literatur

Helene Schießl, Schachermann & Bockerlfraß. Sagen, Sagenhaftes und wahrhaftige Geschichten aus dem Triestingtal.

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