A Gschichtl – vielleicht erlebt am Handwerksmarkt zu Vösendorf

Am Samstag den 16. und Sonntag den 17. Juni 2012 fand bei Schönwetter rund um das schmucke Schloß Vösendorf ein kleiner und feiner Handwerksmarkt statt.

Die Marktgemeinde liegt ein paar km südlich von Wien. Historiker behaupten, die Gegend sei schon vor 8 000 Jahren besiedelt worden. Ein Magnet sich in Vösendorf anzusiedeln, so die Geschichtskundigen, sei die in der Gegend vielfach aufzufindende Tonerde gewesen. Die Ziegelherstellung ist um 1 500 nachweisbar, welche sich bis zur Zeit der Ringstraßenbauten und darüber hinaus erstreckte. Die Shopping City Süd erhebt sich über zugeschüttete Ziegelteiche.
In diesem Gebiet hat sich um die Zeit Karl des Großen, von vielen der Sachsenschlächter genannt, das Reitervolk der Awaren niedergelassen. Ihre Kriegszüge waren durch ihre Erfindung der Steigbügel unwiderstehlich. Durch den Bau der Schnellstraße konnten Archäologen die Stätten dieser wilden Krieger ergraben. Die Kunst- und Gebrauchsgegenstände sind, fein und säuberlich angeordnet, im Gewölbe des Schlosses zu bewundern.

http://www.voesendorf.gv.at/system/web/news.aspx?detailonr=219568983

http://www.voesendorf.com/schlossmuseum.html

Als besonderer Blickpunkt dient ein Skelett, welches mit Grabbeigaben in einer gläsernen Vitrine im Boden eingelassen wurde. Ganz wohl wird wohl dem Betrachter nicht sein vor einer Leiche zu stehen, auch wenn sie schon halb zerfallen ist. Manche Besucher stieren den ehemaligen Corpus mit unverhohlener Neugier an. Pietätslos. Aber was hilfts, der Verstorbene dient der Wissenschaft und dient mit seiner Aufbewahrung vielleicht seines Lebens Sünden ab.

Ein Kennzeichen echten Spielmannstums ist dessen Unbehaustheit. Und so scheint es nicht verwunderlich, daß man den Musikanten, der tagsüber dem Publikum und den Handwerkern fröhlich aufgespielt, als Schlafstätte jenen Museumsraum mit den Artefakten der Awaren anbot. Dem Spielmann ist das nicht verwunderlich, in Ligist zum Beispiel hat er in einer rekonstruierten Hütte aus der Keltenzeit genächtigt, anderswo auf der Bühne oder im freien Feld.

Zur Schlafenszeit begibt sich der Musicus in das Gewölbe des Schlossmuseums und macht es sich in seinem Schlafsack bequem. Links neben ihm liegt das in der Erde eingelassene Skelett, rechts steht sein Schlaftrunk, eine Flasche Honigwein, deren Inhalt ihn langsam und sachte ins Land der Träume geleitet.

Plötzlich, es ist Mitternacht, erhebt sich in der nachtschlafenden Stille Lärm und mit ihm, im fahlen Mondenglanz, welcher zwielichtigen Schimmer durch die Fenster ins Gewölb wirft, ersteht auch das Knochengerüst in Gestalt eines wilden Awaren, vor dessen Zeitgenossen sich sogar die Byzantiner laut Ausstellung in der Schallaburg fürchteten.

Spielmann deutet mit der Metflasche zum Geripp: Was erhebst Du dich? Red, ich bleib da liegen.

Aware: Hör an!

Spielmann richtet sich auf: Ich wills.

Aware: Schon naht sich meine Stunde, wo ich den schweflichten, qualvollen Flammen mich übergeben muß.

Spielmann: Ach, armer Geist!

Aware: Beklag mich nicht, doch leih dein ernst Gehör dem, was ich kund will tun.

Spielmann: Sprich! Mir ists Pflicht zu hören.

Aware: Auch zu rächen, wenn du erst wirst hörn.

Spielmann: Was?

Aware: Ich bin einer deiner Vorväter Geist; verdammt auf eine Zeitlang, nachts zu wandern und tags, gebannt, zu fasten in diesr Vitrin.

In meiner Sünden Blüte hingerafft, ohne heilgem Abendmahl, ungebeichtet, ohne Ölung; die Rechnung nicht geschlossen; ins Gericht, mit aller Schuld auf meinem Haupt gesandt.

Mir ist verboten zu brechen das Geheimnis meiner Haft, sonst spräch‘ ich Dinge, deren kleinstes Wort dein Herz zerriß. Doch diese Kunde darf nicht hören ein Ohr von Fleisch und Blut.

Mit Recht sitzt du erstarrt, es sträubet jedes Haar einzeln empor und trennt die krausen Locken dir vom Schopfe wie Nadeln an einem zorngen Stacheltier. Da du mein Gebein respektvoll und mit mitleidgen Staunen hast betracht, so räche meinen schnöden, unerhörten Mord!

Spielmann: O mein prophetisches Gemüt!

Die Frösche im Burggrabensumpf quaken, ein Hahn kräht.

Aware: Doch still, mein Zeit zu sprechen ist vorüber schon, mir ists als röch ich Morgenluft.
Doch komme her nur nachts drauf wieder, ich will den Schufte Dir benennen, der meuchlings mir ans Leben trat! Ein Kerl ists, dessen Nachfahr alle kennen! Ich will seinen Namen Dir benennen auf das du rächest seine Tat. Doch nächstes Male mehr davon.

Aware legt sich wieder in die Vitrine.

Der Spielmann stürmt aus dem Raum. Doch die finstren Gangesfluchten ins Freie sind ihm zu unheimlich. Er kehrt um, öffnet ein Fenster und versucht hinauszuklettern.
Der Zimmermann, Zinnmeister Dörr und der Servicemann der Drakoschneck eilen herbei und auch der Pheilsniezer. Letzterer so präpariert, als befänd er sich schon wol auf sant Jacobs straßen.
Sie sind noch ein wenig beim Lagerfeuer beisammengesessen um plaudernd den Tag ausklingen zu lassen. Geraumeltes Gemurmel aus dem Schloß hat sie hellhörig gemacht.
Sie helfen dem Spielmann aus dem Fenster. Sie sind alle notdürftig bewaffnet. Der Zimmermann schwenkt die Zimmermannsaxt, Zinnmeister Dörr einen zum Wurfgeschoß geeigneten Zinnbecher, der Servicemann hat seinen Wachhund herbeigepfiffen. Und der wachhabende Tempelritter von der armen Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem stürmt auch dazu. In seiner Jugend hat er seinem Orden gelobt, Verfolgten beizustehen. Jetzt zeigt sich Gelegenheit zur Bewährung. In vollem Harnisch erhebt er sein Schwert zum Angriff, den Schild abwehrbereit. Ihm zur Unterstützung spannt der Pheilsniezer seinen Bogen bereit den Pfeil zu lösen. Doch nichts rührt sich, in Schweigsamkeit stehen sie daher entgeistert rund um den Geflüchteten.

Der gewappnete Tempelherrr faß sich als erster: Es gellte hier als schlüge man erneut die Schlacht zu Hattin, die meines Ordens Untergang gewesen. Wie gehts, mein Schulmeyster?

Spielmann: O wunderbar!

Servicemann servil: Sagt, bester, gnädger Musicus!

Spielmann: Nein, Ihr verratets.

Pheilsniezer: Ich nicht, beim Himmel, Schulmeyster.

Die Drakoschneck, die ebenfalls herangeeilt: Ich gleichfalls nicht.

Spielmann: Doch Ihr wollt schweigen?

Alle: Ja, beim Himmel, Schulmeyster!

Spielmann: Es lebt kein Schurk im ganzen Schloß, der nicht ein ausgemachter Bube wär.

Zinnmeister Dörr: Es braucht kein Geist vom Grabe herzukommen, uns das zu sagen.

Spielmann: Richtig, Ihr habt recht! Und so, ohn alle weitre Förmlichkeit, denk ich, wir schütteln uns die Händ und scheiden; Ihr tut, was Euch Leib und Neigung heißt, nämlich ihn zu dieser Stunde auszuruhn. Und ich, ich will gehen um meiner Metflasch Grund zu sehen. In vino veritas!

Drakoschneck: Dies sind nur wirblichte und irre Worte, Schulmeyster.

Spielmann: Macht nie bekannt, was Ihr die Nacht gehöret und gesehn!

Alle: Wir wollens nicht, oh Schulmeyster.

Spielmann: Gut, aber schwört! Im Ernste, schwört auf meinen Dudelsack, im Ernste.

Alle verhalten sich zögerlich.

Aware in der Vitrine: Schwört!

Spielmann: Wohlan – Ihr hört im Keller den Gesellen – bequemt Euch denn, zu schwören, niemals von dem, was Ihr gesehehen und gehehört zu sprechen, schwört auf meinen Bock!

Aware in der Vitrine: Schwört auf seinen Bock!

Spielmann: Hic et ubique!

Und so wird niemals nie jemand erfahren, was sich zur Nacht zugebracht.

Nachsatz:
Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden,
Als die Schulweisheit sich träumen läßt.

Kommentare sind geschlossen